Brandenburg

Das versteigerte Dorf Alwine erfindet sich neu

Zwei Österreicher wollen aus dem versteigerten Ort in Brandenburg ein Testgelände für Neuheiten machen.

Die beiden Erfinder in ihrem Laden in Prenzlauer Berg: Marijan Jordan und Gerhard Muthenthaler (r.)

Die beiden Erfinder in ihrem Laden in Prenzlauer Berg: Marijan Jordan und Gerhard Muthenthaler (r.)

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Brandenburg.  Manchmal schließt sich ein Kreis ganz unverhofft. So ist es Marijan Jordan und Gerhard Muthenthaler vor ein paar Wochen ergangen. Die beiden 45 Jahre alten Österreicher sitzen in ihrem Erfinderladen in Prenzlauer Berg und sind selbst noch immer ein wenig überrascht. Ein Bekannter kam auf sie zu und fragte, ob sie das in der Brandenburger Provinz versteigerte Dorf Alwine nicht umgestalten wollten. Vorgaben gibt es keine, sie hätten freie Hand. Muthenthaler und Jordan sagten sofort zu. Seit dem grübeln sie darüber nach, was aus der Siedlung mit 17 Einwohnern im Landkreis Elbe-Elster einmal werden könnte.

Die Geschichte des vergessenen Ortes Alwine mutet märchenhaft an. 20 Jahre lang verödete der Ortsteil des Städtchens Uebigau-Wahrenbrück irgendwo im Nirgendwo. In Alwine gibt es fünf Doppelhaushälften, ein Zweifamilienhaus, ein Einfamilienhaus, zwei Mehrfamilienhäuser, mehrere Nebengebäude, Schuppen, Garagen und eine 150 Meter lange Straße. Die nächst gelegene Bushaltestelle liegt in Domsdorf und heißt „Kumpelklause“. Der frühere Eigentümer ließ die Häuser verfallen, zuletzt funktionierte nicht einmal die Heizung. Die Bewohner des Ortes stellten die Metzahlung ein, aber auch das schien niemanden zu interessieren. Bis Alwine schließlich im Dezember vergangenen Jahres versteigert wurde. Ein erster Investor zog sich schnell wieder zurück. Er sah keine Zukunft für die abgelegene Siedlung. Im zweiten Anlauf kam ein Berliner Immobilienkaufmann für 140.000 Euro zum Zug – und bat die beiden Erfinder um eine Vision für Alwine.

„Er ist schon auch ein Verrückter wie wir“, sagt Muthenthaler mit einem Lachen. Denn auf den ersten Blick ist nicht ganz klar, was sich der Investor von Alwine verspricht. Aufmerksamkeit ist es jedenfalls nicht. Er scheut die Öffentlichkeit und will nicht genannt werden. Stattdessen lässt er die beiden Erfinder machen. Eine Idee war schnell gefunden: Alwine soll ein „Erfinderdorf“ werden, das erste in Deutschland überhaupt. Und damit schließt sich für Muthenthaler und Jordan der Kreis. Denn vor 20 Jahren fingen die beiden Männer als Erfinder von Hightech-Geräten ihre Karriere in ihrer Heimatstadt Salzburg an. Durch den Erfinderladen in der Lychener Straße und ihre Tätigkeit als Berater für Hilfe suchende Erfinder trat die ursprüngliche Idee jedoch mehr und mehr in den Hintergrund. Mehr als 20.000 Erfinder haben die beiden mit ihrer Agentur bereits beraten, Hilfestellung für den Bau von Prototypen gegeben oder einen Businessplan erstellt. Seit 13 Jahren wohnen sie in Berlin, seit neun Jahren führen sie den Erfinderladen, in dem sie die Erfindungen ausgestellen und verkaufen.

"Unsere Währung ist öffentliche Aufmerksamkeit"

„Jetzt wollen wir zum Kern zurück“, sagt Jordan. Die Geschäftsidee ist schnell erklärt. Die beiden Männer wollen das Dorf zum Testgelände für Erfindungen machen. Erfinder und Unternehmen sollen ihre Neuheiten unter echten Lebensbedingungen testen und ausstellen können. „Dafür suchen wir Partnerfirmen“, sagt Jordan. „Das ist dann wie ein Stand auf einer Messe.“ Und Muthenthaler ergänzt: „Unsere Währung ist öffentliche Aufmerksamkeit.“ Zwei konkrete Projekte haben sich bereits ergeben. Sie arbeiten mit einem Start-up aus Berlin zusammen, das intelligente Solarfenster herstellt und ein Unternehmer will seinen speziellen Hausanstrich zur Verfügung stellen, der die Heizkosten senken soll. „Unser Ziel ist es, das Dorf so hinzustellen, dass die Leute sagen: Das musst du gesehen haben“, sagt Muthentaler.

Ideen dafür haben die beiden Männer genug. So träumen sie davon, dass die Solar-Dachziegel des Tesla-Erfinders Elon Musk als erstes in Alwine verbaut werden. Vorstellbar sei auch, übergroße Sprachassistenz-Säulen im Dorf aufzustellen – wie Alexa oder Echo -, die Besucher durch das Dorf leiten und erklären, welche Neuheiten wo zu besichtigen sind. Doch zunächst starten in diesen Tagen dringend notwendige Sanierungsarbeiten im Dorf. In einem Haus regnet es durchs Dach, in einem anderen streikt die Heizung. „Dringende Sanierungen gehen vor“, sagen die beiden Erfinderdorf-Erfinder. Sie dienen auch als vertrauensbildende Maßnahme für die Bewohner. Bei einem Besuch in Dorf seien Muthenthaler, Jordan und der neue Besitzer zwar freundlich aufgenommen worden, aber es habe auch vorsichtige Skepsis für die kühnen Pläne gegeben. „Bitte keine Phantastereien“, habe der Pfarrer gefordert.

„Das ist verständlich“, sagt Muthenthaler, nach allem, was die Mieter in den vergangenen Jahren erlebt hätten. Die Bewohner treibt auch die Sorge um, dass die Mieten explodieren, wenn ihre Häuser mit so viel Neuerungen versehen werden. Das soll aber nicht der Fall sein, versichern die beiden Erfinder. „Die Bewohner sind Teil des Projekts“, verspricht Muthenthaler. Sie sollen bleiben. Dafür werben sie um das Vertrauen der Bewohner von Alwine. „Wir machen das jetzt seit 20 Jahren und werden uns unseren Ruf nicht kaputt machen und das hier krachend vor die Wand fahren“, sagt Muthenthaler. Derzeit sind sie mit dem Bürgermeister im Gespräch, um ein neues Ortsschild aufzustellen. „Erfinderdorf Alwine wäre schön“, sagt Muthenthaler. Nach einer Stunde im Erfinderladen wird klar: Die beiden Männer meinen es ernst.

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