Nach Auktion

Käufer von Alwine will Brandenburger Dorf nun doch nicht

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Philipp Siebert
Die letzten Einwohner von Alwine

Die letzten Einwohner von Alwine

Schimmel, undichte Dächter, Erdlöcher: Warum ein Dutzend Leute trotzdem noch in Alwine lebt. Die Siedlung in Brandenburg wurde für 140.000 Euro versteigert. Was der anonyme Käufer mit dem 16.000 Quadratmeter großen Areal vorhat, ist unklar.

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Das Dorf war im Dezember für 140.000 Euro versteigert worden. Doch jetzt erklärt sich der Käufer aus Berlin für "nicht geschäftsfähig".

Alwine/Berlin. Kurz kehrte die Hoffnung nach Alwine zurück. Nach jahrelangem Verfall wurde das südbrandenburgische Dorf am 9. Dezember in Berlin versteigert. Die Siedlung im Ortsteil Domsdorf der Stadt Uebigau-Wahrenbrück (Elbe-Elster) ging für 140.000 Euro an einen Berliner Unternehmer. Dieser habe sein Angebot mit dem Kommentar „zum Wohle der Mieter“ versehen, sagte damals Matthias Knake, Vorstand des Auktionshauses Karhausen.

Aber die Hoffnung währte nicht allzu lang. Wie zuerst die "Lausitzer Rundschau" berichtete, will der Käufer, der weiter anonym bleiben möchte, nun von seinem Kauf zurücktreten. „Mir war schon länger bekannt, dass es so eintreten könnte“, sagte Uebigau-Wahrenbrücks Bürgermeister Andreas Claus am Sonnabend auf Morgenpost-Anfrage. Seit Anfang dieses Jahres wisse er Bescheid. Gewissheit habe er aber erst in dieser Woche bekommen. Allerdings habe man die Einwohner Alwines nicht verunsichern wollen, ergänzt Domsdorfs Ortsvorsteher Peter Kroll. Deshalb habe man sich noch etwas bedeckt gehalten.

Bürgermeister von Alwine kann Entscheidung nachvollziehen

Über die Gründe für den Rücktritt kann bisher nur spekuliert werden. Im Bericht der „Lausitzer Rundschau“ heißt es, dass sich der Käufer für geschäftsunfähig erklärt hat. „Das halten wir für fadenscheinig“, sagte Auktionator Knake der Zeitung. Nun müsse geprüft werden, ob der Mann tatsächlich nicht geschäftsfähig sei, zum Beispiel gesundheitlich beeinträchtigt war oder ist. Knake spricht von einer schwebenden juristischen Auseinandersetzung.

Bürgermeister Claus sind die Gründe nach eigenen Angaben bekannt. Es sei eine ganz persönliche Entscheidung des Käufers gewesen. Diese könne er nachvollziehen, wolle sich jedoch nicht dazu äußern. Im Dezember habe er sich mit dem Investor in Alwine getroffen. „Ich denke, nachdem er es gesehen hat und viele Dinge in seinem privaten Umfeld zusammengekommen sind, hat er diese Entscheidung getroffen.“

Ortsvorsteher Kroll hingegen vermutet, dass sich der Käufer schlichtweg finanziell übernommen hat. Dieser hat nämlich vor der Auktion Alwine nie besucht. „Er hat einfach die Katze im Sack gekauft“, so Kroll. Der Kaufpreis von 140.000 Euro sei dabei nicht das Pro­blem, vielmehr seien es die immensen Kosten für Instandsetzung und Sanierung. Diese schätzt Kroll auf bis zu vier Millionen Euro. „Das Geld wird er nicht haben.“

Alwine besteht aus zwei Mehrfamilien- und fünf Doppelhäusern, außerdem aus einem Zwei- und einem Einfamilienhaus sowie zahlreichen Nebengebäuden, Garagen und Schuppen. Die Gesamtfläche beträgt 16.871 Quadratmeter. Früher lebten hier vor allem Kumpel der benachbarten Braunkohlezeche „Alwine“ und Mitarbeiter der Brikettfabrik „Louise“. Beide wurden nach der Wende geschlossen. Vor allem junge Menschen zogen danach weg. Mittlerweile leben hier nur noch 15 Mieter. Über die Jahre ist die Siedlung stark verfallen. Putz bröckelt, Fenster sind zerstört, es gibt Feuchtigkeitsschäden und kaputte Dächer. Die verbliebenen Mieter haben keine Heizungen, nur Kohleöfen.

Große Schäden durch Sturmtief „Friederike“

Der Zustand hat sich durch das Sturmtief „Friederike“ nochmals verschlechtert. Als es am 18. Januar über die Region hinwegzog, wurde der Elbe-Elster-Kreis besonders hart getroffen. Der Domsdorfer Ortsvorsteher Peter Kroll berichtet von mehreren Quadratmetern abgedecktem Dach auf dem zum Teil noch bewohnten Mehrfamilienhaus. Es drohe auf kurz oder lang hineinzuregnen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das Wasser auch in die Wohnungen der letzten beiden Mieter gelangt – einer 80-jährigen Frau und einem 72-jährigen Mann.

Auktionator Knake wird damit zitiert, dass Handwerker bereits beauftragt wurden. „Bisher ist weder jemand dagewesen noch ist ein Handschlag gemacht worden“, entgegnet Ortsvorsteher Kroll. Seit einer Woche versuchten er und ein Mieter den Noch-Eigentümer zu erreichen – allerdings ohne Erfolg. Dieser würde weder auf Anrufe, Mails oder Faxe reagieren. Kroll prüft derzeit, ob in einem leer stehenden Wohnblock in Domsdorf Ausweichquartiere eingerichtet werden können.

Die Zukunft von Alwine bleibt also ungewiss. Zunächst muss geklärt werden, ob der Berliner Unternehmer wirklich von seinem Kauf zurücktreten kann. Das Ganze könnte letztlich vor Gericht ausgetragen werden. Wenn er Erfolg hat, sei man wieder bei null, ärgert sich Bürgermeister Claus. Es stelle sich dann die Frage, ob es eine erneute Versteigerung gibt oder ob es gelingt, auf einem anderen Weg einen neuen Eigentümer zu finden. „Ich hoffe, dass wir das Objekt in sichere Hände bringen, damit dort endlich investiert werden kann.“ Wie schwierig das ist, zeigte sich bei der Auktion, bei der lediglich ein Angebot abgegeben wurde. Mitbieten konnte die Stadt Uebigau-Wahrenbrück nicht. Der Haushalt gab es nicht her.

Bis zur Klärung bleibt aber der Vorbesitzer in der Verantwortung. Dieser hatte die Anlage gemeinsam mit seinem Bruder laut Claus im Jahr 2001 von der Treuhand für eine D-Mark gekauft und seitdem nichts investiert. Nach dem Tod des Bruders wollte er die Siedlung verkaufen.

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