Neuer Besitzer

15 Seelen-Dorf Alwine bringt bei Versteigerung 140.000 Euro

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Philipp Siebert

Das Dorf Alwine 100 Kilometer südlich von Berlin hat einen neuen Besitzer. Ein anonymer Käufer erhielt für 140.000 Euro den Zuschlag.

Angespannt und mit gemischten Gefühlen hatte Andreas Claus auf diesen Moment gewartet. Der Bürgermeister des südbrandenburgischen Uebigau-Wahrenbrück war am Sonnabend extra nach Berlin gefahren. „Ich bin hier, weil ich meinen Bürgern verpflichtet bin“, sagte er. Denn bei der Immobilien-Auktion im Auditorium Friedrichstraße in Mitte kam nicht etwa ein Haus oder Grundstück der Gemeinde unter den Hammer, sondern gleich ein ganzes Dorf: Alwine.

Als „Siedlung mit Dorfcharakter“ wurde Alwine im Exposé beschrieben. Größe: 16.871 Quadratmeter. Das Startgebot lag bei 125.000 Euro. Bei der Auktion ging dann alles sehr schnell. In weniger als fünf Minuten wurde das Paket aus neun grauen Wohnhäusern, einer löchrigen Dorfstraße und einem Waldstück an den einzigen Bieter abgegeben. „140.000 zum Ersten, 140.000 zum Zweiten, 140.000 zum Dritten. Und: verkauft!“, rief Matthias Knake vom Auktionshaus Karhausen um exakt 14.47 Uhr.

Die letzten Einwohner von Alwine
Die letzten Einwohner von Alwine

40 Interessenten habe es im Voraus gegeben, so Knake. Einer habe sich sogar aus Indien gemeldet. Wirklich geboten habe aber nur einer und zwar erst am Sonnabendmorgen per Fax. „Viele waren vor Ort und haben dann Abstand genommen, weil sie doch den Sanierungsaufwand gescheut haben.“ Dieser ist unzweifelhaft hoch. Bürgermeister Claus schätzt ihn auf mindestens zwei Millionen Euro, eher mehr.

Alwine besteht aus zwei Mehrfamilienhäusern, fünf Doppelhäusern, jeweils einem Zwei- und einem Einfamilienhaus sowie zahlreichen Nebengebäuden, Garagen und Schuppen. Ein Großteil der Wohneinheiten steht mittlerweile leer. Nur noch 15 Menschen leben hier zur Miete. Es gibt keine Heizungen. Stattdessen wird Wärme über Holzöfen erzeugt. Viele Häuser sind in schlechtem Zustand. Dächer sind undicht, der Putz bröckelt, es gibt Feuchtigkeitsschäden und kaputte Fenster. „Wir sind sehr böse, dass es so weit kommen musste“, kommentierte Claus. Er sieht Versäumnis beim bisherigen Eigentümer.

Im Jahr 2001 hatte die Deutsche Treuhand die Siedlung an zwei Brüder verkauft, von denen einer jetzt gestorben ist – daher die Versteigerung. Diese hätten damals laut Claus eine D-Mark bezahlt. Seitdem sei die Siedlung kontinuierlich verfallen. Mitbieten konnte die Stadt Uebigau-Wahrenbrück nicht. Der Haushalt gab es nicht her. Dennoch wolle man jetzt prüfen, ob nicht das gemeinschaftliche Vorkaufsrecht ausgeübt werden kann. Denn es sei nicht klar, ob alles, was gelaufen sei, auch richtig gelaufen sei, so Claus. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es keine Investitionsverpflichtung im Kaufvertrag gab“, sagte der Bürgermeister. Denn Eigentum verpflichte. „Deshalb würden wir gerne mit dem Käufer über seine zukünftigen Pläne reden.“

Der Käufer ist bisher noch anonym

Dieser hat laut Auktionator Knake angekündigt, sich möglichst schnell mit Claus treffen zu wollen. Er stamme aus Berlin und wolle zunächst anonym bleiben. Aber er wolle Gutes tun. „Zum Wohle der Einwohner“, laute ein Kommentar, mit dem er sein Angebot versehen habe. Das stimmt Bürgermeister Claus zumindest verhalten optimistisch. Sein Wunsch: Die Häuser werden angemessen saniert, die Mieter können bleiben und der Leerstand endet. „Ich hoffe, dass es ein echtes Interesse gibt, Alwine zu entwickeln.“

„Da könnte man eine Landkommune draus machen“, so ein Immobilienhändler aus München. „Das ist nichts für Spekulanten, weil die Preise in der Gegend wohl nicht steigen werden. Wenn man da nichts macht, sind die letzten Mieter auch bald weg.“ Ein anderer Zuschauer schlug vor, die Häuser abzureißen und ein Hotel zu bauen. Das sei aber nicht möglich, erklärte Bürgermeister Claus. Alwine sei als Landwirtschaftsfläche ausgewiesen. Wenn die Häuser abgerissen werden, dürfe nicht neu gebaut werden.

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