Brandenburg

Gestern vergessen, heute verkauft: Ein Ort unterm Hammer

Paul Urbanek ist einer der letzten Bewohner von Alwine

Paul Urbanek ist einer der letzten Bewohner von Alwine

Foto: Reto Klar

Alwine wird versteigert. Lange hat sich keiner für die Häuser im Ort interessiert. Doch die Bewohner haben sich dort eingerichtet.

An der einzigen Straße von Alwine steht seit über einem Jahr kein Mercedes mehr. Sein Auto musste er abwracken lassen, erzählt Paulchen. „War ein Diesel, so was wollen die da oben ja nicht mehr.“ Eine Umrüstung für 4000 Euro oder einen Neuen hat er sich nicht leisten können, klar. Und so bleibt Paul Urbanek, den alle in der Siedlung Paulchen nennen, nur noch ein Benz: Daimler-Benz, sein schwarzer Mischlingshund. In Erinnerung an den stillgelegten Wagen. Der 71-Jährige zeigt auf das Haus mit der Nummer 104. Es ist eines von sechs Häusern in Alwine, einer Siedlung im Süden Brandenburgs im Landkreis Elbe-Elster. Ein Zweigeschosser mit einer Fassade aus Spritzbeton, dreckigen Fensterscheiben, vom Türrahmen bröckelt die Farbe. Hinter einer der Scheiben im Erdgeschoss, auf dem Wohnzimmersessel, sitzt sein Hund und schaut nach draußen. Seinen neuen Benz müsse er immerhin nicht ständig reparieren, sagt Paulchen und lacht. Mit Daimler-Benz dreht er seine Runden durch die Siedlung, sie laufen Stunden durch die Niederlausitzer Wälder. Bringen die Tage rum. Und vielleicht sagt das bereits alles über Alwine.

Am 9. Dezember soll die Siedlung versteigert werden. Eine 16.000 Quadratmeter große Waldlichtung, ein halbes Dutzend heruntergekommene Häuser, die 2001 von der Treuhand an zwei Berliner Investoren verkauft wurden. Dazu ein paar Garagen und Schuppen. Neben Paulchen und Daimler-Benz leben dort sechs weitere Hunde, eine Katze, ein paar Ziervögel und die 14 anderen Mieter von Alwine. Eine ganze Siedlung unter den Hammer. Eine „Siedlung mit Dorfcharakter“, wie es in der Beschreibung des Auktionators heißt. Alwine, Gemeinde Uebigau-Wahrenbrück, Land Brandenburg. Mindestgebot: 125.000 Euro. Wie ist es dazu gekommen? Wie lebt es sich in dem Ort?

Holzhacken, Heckenschneiden und ab und zu ein Pils

Paulchen, ein Mann von der Küste mit weißem Vollbart, hat sich sein Leben lang abgemüht. Erst als Landwirt in Schleswig-Holstein, dann als Trinker, später als Friedhofsgärtner in Hamburg. Vor sechs Jahren kam er in die Lausitz, nachdem sich seine Frau von ihm getrennt hatte. Das Haus hat er im Internet gefunden. „Ich wollte hier meine Ruhe haben, nur meine Ruhe“, sagt er, holt aus und spaltet mit kräftigem Hieb einen Holzscheit. Die Vorteile des Lebens hier liegen für ihn auf der Hand: „Hier laufen Waschbären rum, Wildschweine, Hirsche und Rehe bis zur Wohnungstür. Herrlich. Herrlich.“ Dazu hält ihn die Arbeit draußen im Garten fit: „Wenn ich nichts tun kann, roste ich ein.“ Das Holz hackt er für den Ofen der Nachbarin, Frau Kühne (79), die kann sich nicht mehr selbst kümmern. Heizungen gibt es in Alwine nicht, deswegen heizen sie die Kachelöfen mit Holz. Paulchen ist heute so etwas wie der Hausmeister von Alwine. Holzhacken, Heckenschneiden, nur noch ab und zu ein Pils.

Links neben der Eingangstür zur 104, Paulchens Wohnung, ist ein vergilbtes Klingelschild angeschraubt P. Urbanek steht da, darüber E. Kühne, der Name seiner alten Nachbarin. Alle anderen Felder sind leer. Am Haus sind einige Fenster abgeklebt, andere zugemauert. Die Fassade: grau, braun, sandfarben, wie alle Fassaden hier. In Paulchens Wohnung im Erdgeschoss bollert der Ofen. Daimler-Benz springt ihn euphorisch an. Die Holzscheite stapelt Paulchen neben den Ofen in der Küche. Auf dem Schreibtisch im Wohnzimmer liegen einige Puzzles, seine heimliche Leidenschaft. In der Schrankwand stehen seine Lieblingsplatten aufgereiht, vor allem Roger Whittaker, und eine Platte der Seemannsband Santiano: „Bis ans Ende der Welt“. Bis vor zwei, drei Jahren sei es noch gemütlich gewesen in Alwine, erzählt er. Viele Kinder und so weiter. „Ich bin ja kinderfreundlich. Das hat man hier richtig ausgehalten.“ Nach und nach seien die Menschen dann weggezogen. Vor allem die Jungen. Man finde in der Gegend eben kaum Arbeit, die gebe es heute nur noch in der Stadt, klar. Doch rund um Alwine geht es deshalb bergab, klar. „Heute kann ich darüber nur lachen“, sagt er, zuckt mit den Schultern und hustet trocken. „Weinen tue ich nicht mehr.“ Man möchte ihm das glauben.

Die letzten Einwohner von Alwine
Die letzten Einwohner von Alwine

Will man die neuere Geschichte von Alwine erzählen, offenbaren sich auf den ersten Blick die drei klassischen Ost-Probleme: Deindustrialisierung, Abwanderung, Überalterung. Seit dem Mauerfall haben die Orte, die 2001 zur Gemeinde Uebigau-Wahrenbrück zusammengefasst wurden, Tausende Einwohner verloren. Bis 2030, so eine Studie der Bertelsmann-Siftung, wird noch einmal jeder fünfte Einwohner die Gemeinde verlassen. Früher war Leben in der Siedlung, die Arbeiter liefen zu Fuß in die nahe Brikettfabrik „Luise“, zehn Minuten auf dem Waldweg. Es war Europas älteste Brikettfabrik, 1992 wurde dichtgemacht. Die Zeit, als in den Zechen der Gegend noch Millionen Tonnen Braunkohle geschürft wurden, sind lang vorbei. Heute braucht man ein Auto, um dorthin zu gelangen, wo es Arbeit gibt. Der Bäcker kommt in Alwine montags und freitags vorbeigefahren, etwas regelmäßiger die Post. Das Auto des Fleischers hat seit Jahren keiner mehr gesehen, auch der einzige Bus, der 578er nach Bad Liebenwerda, hält hier nicht. Hielt er nie.

Strukturwandel nennt man das. Ganze Industriezweige gehen ein und mit ihnen die Regionen, die einst durch sie erblühten. Das sei allerdings keine Besonderheit der Lausitz, dass verfallende Siedlungen versteigert würden, versucht Andreas Claus (54), parteiloser Bürgermeister der Gemeinde, zu erklären – und verbreitet Zweckoptimismus: „Wir sind keineswegs eine vergessene Region.“ Solche Auktionen gebe es auch in anderen strukturschwachen Regionen wie im Saarland oder im Ruhrgebiet. Sucht man aber nach bisher in Deutschland versteigerten Dörfern, findet man nur den Ort Liebon – nur etwa 80 Kilometer von Alwine entfernt in der sächsischen Oberlausitz. Zufall, sagt Claus und beschreibt lieber die Schönheit der Niederlausitz zwischen Elbe und Elster: „Kommen Sie mal in der Brunftzeit nach Alwine – dann können sie Hirsche röhren hören!“ Trotzdem sei man in eineinhalb Stunden in Berlin am Potsdamer Platz und in einer Stunde in der Dresdner Altstadt. Langsam entwickele sich auch die Industrie in der Region wieder, mittelständische Unternehmen, vor allem Logistik, Metall- und Möbelbau. Dennoch: Es kommen weniger Menschen in der Gemeinde hinzu, als sterben oder wegziehen, erst recht in Alwine. Dort kamen und blieben nur die, meint man, die nicht anders konnten.

Die Besitzer haben Alwine verkommen lassen

Die Besitzer der Siedlung, zwei Brüder aus Berlin, hat Paulchen nie selbst getroffen. Nur einmal hätten sie telefoniert, da ging es um die Höhe der Miete. An einem kalten Tag im Winter 2001 seien sie in die Siedlung gekommen, erzählt man sich im Ort. Mit schickem Auto und langen Ledermänteln. Der eine Anwalt, der andere mit einer Wurstbude in Berlin reich geworden. Später sind sie nie wieder aufgetaucht, heißt es. Kaum einen Cent hätten sie in den Erhalt von Alwine gesteckt, sagt Paulchen, sich mit den Jahren immer weniger gekümmert. Jetzt soll wohl verkauft werden, weil der Ältere gestorben sei. Erfahren haben sie davon in Alwine, weil eines Morgens ein weißes Plastikschild an der Landstraße die Auktion ankündigte, weil Journalisten kamen. Doch die Nachlässigkeit der Eigentümer hat für Paulchen auch eine schöne Seite: „In meinem Vertrag steht drin, dass ich hier tun und lassen kann, was ich will.“ Einen Handwerker hat er deshalb nie gebraucht, alles immer selbst repariert.

Was er denn noch mache, außer spazieren zu gehen mit seinem Gefährten und das Nötigste zu flicken? „Hier brauchste kein Fernsehen schauen, hier haste Fernsehen“, sagt Paulchen. „Erst haben sich die einen in den Haaren, dann die anderen, und zwei Tage später haben sich wieder alle vertragen.“ Wie das eben ist in einem kleinen Dorf mit 15 Einwohnern. Alle haben ein öffentliches Gesicht. Jeder weiß, wie der andere sein Leben verbringt, wer streitet, wer liebt. Neben seiner Nachbarin Frau Kühne, bereits seit 1963 im Ort, gibt es auch Familie Köhn: Zu ihr gehören die meisten Gesichter im Dorf, erzählt er: Angela und Hardy Köhn sind im Oktober 2002 aus der Nähe von Frankfurt am Main nach Alwine gezogen. Heute leben sie mit fünf von ihren acht Kindern, zwei Freunden und sechs großen Hunden im Haus mit der Nummer 103. Zwei der Hunde sind die Eltern von Daimler-Benz. Nähert man sich dem Haus, stürmen sie hinaus, kläffen, jaulen, springen hinter dem Gartenzaun auf und ab, als hätten sie tagelang kein Futter bekommen.

Angela Köhn (52), eine schlanke Frau mit blondiertem Haar, winkt einem aus der Haustür linkisch zu. „Ihr schon wieder“, ruft sie und meint die vielen Journalisten in letzter Zeit. Köhn arbeitet gelegentlich als Zeitungsausträgerin. Arbeitslosengeld bekommt sie nicht. „Da bin ich seit Oktober raus.“ Ihr Ehemann hatte vor einem Jahr einen Schlaganfall, erholt sich nur langsam. Seitdem überweisen die Köhns auch die 750 Euro Miete nicht mehr für die zwölf Zimmer und 250 Qua­dratmeter Wohnfläche. „Wir wussten nie, wo das Geld ankommt.“ Gekümmert hätte sich sowieso nie jemand. Kosten für Elektriker, Schornsteinfeger oder Handwerker seien schon lange nicht mehr bezahlt worden. Nachbarn, die auf eigene Kosten repariert hätten, hätten nichts erstattet bekommen. Dabei gebe es am Haus der Familie viel zu machen: Durch die Fenster zieht es kalt, der grau-braune Spritzputz bröckelt, das Dach haben sie nur notdürftig geflickt. „Es wäre schön, wenn der neue Besitzer hier endlich mal anpackt“, sagt Köhn. Das sei ihre Hoffnung. Momentan überwiege aber die Sorge, die Ungewissheit. „So etwas wie hier finden wir nicht mehr.“ Ihre Kinder könnten in der Natur aufwachsen. Niemand beschwere sich, weil es zu laut ist. Jeder habe ein eigenes Zimmer, das könnten sie woanders nie bezahlen. Die Angst, die sie hat, die Paulchen hat, die Frau Kühne hat: Die schmeißen uns hier raus.

Dass die Mieter ausziehen müssen, sei der „worst case“, erklärt Bürgermeister Andreas Claus. Seine Gemeindeverwaltung werde genau beobachten, was ein möglicher Investor vorhabe. Er hoffe, dass jemand ernsthaftes Interesse habe, Alwine zu entwickeln. Was aber will jemand mit Häusern, die zum Teil von Grund auf erneuert werden müssen? Man könne hier noch sehr günstig Eigentum erwerben, sagt der Bürgermeister. Für Ruheliebhaber sei die Gegend ideal. Über 40 Interessenten gibt es bislang, bestätigt das Auktionshaus Karhausen, das Alwine heute an der Berliner Friedrichstraße als Nummer 58 aufrufen wird. Glücksritter und windige Investoren, erklärt Claus, sollten sich aber gar nicht erst auf einen Kauf einlassen. Sanieren im Bestand sei möglich, Neubau nicht. Das gebe der Bebauungsplan nicht her. „Wer hier einen Golfplatz hinsetzen möchte, ist bei mir an der falschen Adresse.“ Und wer soll hier schon golfen?

Paulchen, Daimler-Benz und die 14 anderen Alwiner werden abwarten müssen, was bei der Auktion passiert. Was bleibt ihnen anderes übrig hier draußen, fragen sie. Man hört die Sorge, dass ihr Alwine, ihr Rückzugsort im Hinterland, danach nicht mehr sein wird. Man hört die Hoffnung, dass sich endlich jemand kümmert, den Schimmel beseitigt, die Dächer flickt, neue Nachbarn wirbt. „Sollen sie doch kommen“, knurrt Paulchen.