Alt-Bischof Wolfgang Huber predigte gegen Trillerpfeifen und Megafongebrüll an: „Wer brüllt, erinnert Geschichte nicht richtig“, sagte Huber am Sonntag beim Festgottesdienst zum Baubeginn der umstrittenen Garnisonkirche in Potsdam. Doch die 40 Gegendemonstranten, die den rund 350 Gästen des Gottesdienstes gegenüberstanden, ließen sich nicht beruhigen. Schließlich entfernte die Polizei zwei Störer und trennte die Lager der Befürworter und Gegner der Kirche voneinander.
„Der Turm soll wieder werden, was er für Jahrhunderte war: ein architektonisches Zeichen in der Stadtlandschaft“, sagte Huber, der zugleich Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche ist, in seiner Predigt. „Und er soll werden, was er noch nie war: ein Zentrum für Frieden und Versöhnung.“
Neben einer Kapelle soll der Kirchenturm künftig auch eine Ausstellung, eine Bibliothek, einen Seminarbereich, ein Café und eine Aussichtsplattform beherbergen. Die vielfältige Nutzung ist wohl bedacht. Denn der Kirchenstandort in der Potsdamer Mitte ist historisch belastet. Die Garnisonkirche war im März 1933 die Kulisse für den „Tag von Potsdam“, als mit dem Handschlag zwischen Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg ein Bündnis geschlossen wurde, das später in die Katastrophe des Nationalsozialismus mündete. Die Kritiker des Wiederaufbaus wenden sich deswegen gegen das aus ihrer Sicht Symbol des Militarismus.
Auch daran erinnerte Wolfgang Huber am Sonntag. „Menschen rüsteten sich für den Krieg und wurden von hier aus in den Krieg geschickt“, sagte der ehemalige Bischof. „Deshalb verpflichtet dieser Ort zum Widerstand gegen alle Versuche, das Leben der Menschen der Feindschaft und der Gewalt zu unterjochen.“
Bis es so weit ist, müssen in den kommenden drei Jahren 2,3 Millionen Ziegel an historischer Stelle vermauert werden, um den Turm zunächst in einer reduzierten Variante 49 Jahre nach der Sprengung originalgetreu wieder aufzubauen. Die Kosten dafür betragen 26,1 Millionen Euro, zwölf Millionen davon kommen vom Bund, der Rest wurde von Spendern bereitgestellt. Die Stiftung hofft, danach weitere neun Millionen Euro an Spenden einzusammeln. Mit diesem Geld sollen unter anderem der Turmhelm und das Glockenspiel gebaut werden.
Am Ende wird der Kirchturm 88,5 Meter in die Höhe ragen – und damit deutlich höher sein als das nahegelegene Mercure Hotel. Der Turm wird nach Angaben des Architekten Thomas Albrecht das höchste neu gebaute Ziegelgebäude in Europa seit 200 Jahren sein.
Wiederherstellung des historischen Stadtbildes
Mit dem Bau der Garnisonkirche wird ein weiterer Mosaikstein zur Wiederherstellung des historischen Stadtbildes Potsdams gesetzt. Unmittelbar nach der deutschen Einheit beschlossen die Potsdamer Stadtverordneten, die historische Altstadt wiederherzustellen. Seitdem wird darüber heftig gestritten.
Denn wie auch im Fall der Fachhochschule am Alten Markt, müssen Gebäude der DDR-Moderne dem Neubau der historischen Häuser weichen. Dagegen formiert sich Widerstand. Die Gegner befürchten einen Ausverkauf der jüngeren Geschichte der Stadt. Verschiedene Gruppen wehren sich gegen die historisierende Umgestaltung Potsdams. Im Fall der Garnisonkirche sind es auch die Kreativen im benachbarten Rechenzentrum. Der zweckmäßig quadratische Bau steht teilweise auf dem Gelände der ehemaligen Garnisonkirche. Der Abriss ist eigentlich beschlossene Sache.
Da sich der Wiederaufbau der Kirche aber verzögerte, ließ die Stadt die Büros als Künstlerateliers zwischennutzen. Mittlerweile arbeiten 250 Kreative, Künstler und Firmengründer dort – und wollen dauerhaft bleiben. Doch das lehnt die Stiftung ab. Die äußere Wand des Rechenzentrums steht nur zwei Meter entfernt vom Kirchturm. „Wir verstehen die Not der Kreativen“, sagt Wieland Eschenburg, Vorstandssprecher der Stiftung Garnisonkirche. „Bis Ende 2018 stimmen wir der Zwischennutzung zu.“ Die Stadt lotet gerade die Chancen für eine Weiternutzung bis 2023 aus.
Dass es nun tatsächlich zum Wiederaufbau des Kirchturms kommt, daran haben wohl die Wenigsten geglaubt, als vor zwölf Jahren der Grundstein gelegt wurde. Denn die eigens gegründete Stiftung tat sich in den ersten Jahren schwer, ausreichend Geld zu sammeln. Erst drei Großspenden, darunter eine Millionenspende von Fernseh-Moderator Günther Jauch, ermöglichten den Bau. Mit dem Baubeginn am Sonntag rückt aber auch das endgültige Ende des Rechenzentrums näher. „Encore un souci“, hieß es dann auch auf einem Transparent der Künstler am Rechenzentrum. „Noch eine Sorge.“


