Wirtschaft

Katjes - die gläserne Bonbon-Maschine aus Potsdam

Seit zehn Jahren produziert der Konzern Katjes in Brandenburg. Bisher wurden in der Fabrik acht Milliarden Bonbons hergestellt.

Bastian Fassin (links), Sohn des Katjes-Gründers, überreicht langjährigen Mitarbeitern einen Scheck

Bastian Fassin (links), Sohn des Katjes-Gründers, überreicht langjährigen Mitarbeitern einen Scheck

Foto: Massimo Rodari

Potsdam.  „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Tobias Bachmüller, Geschäftsführender Gesellschafter bei der Katjes Fassin GmbH. Den Beweis hat er bereits erbracht: Zehn Jahre ist es her, seit Katjes – Hauptsitz des Unternehmens ist in Emmerich am Rhein – sein gläsernes Bonbonwerk ins Babelsberger Gewerbegebiet setzte.

Die gute Verkehrsanbindung, qualifizierte Mitarbeiter und das gute Mittelstandsklima hätten überzeugt. „Deshalb entschieden wir uns gegen einen alternativen Standort, obwohl wir dort mehr Fördergeld erhalten hätten.“

Am Mittwoch stießen Chefs und Belegschaft auf das Jubiläum an. Acht Milliarden Hartkaramellen hat Katjes mittlerweile in Potsdam produziert. „In ein bis zwei Jahren wollen wir erweitern, unsere Kapazität noch erhöhen“, kündigte Bachmüller an. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) versprach sogleich schnelle und unbürokratische Genehmigungsprozesse.

Pro Minute spucken die Zuckerwarenmaschinen bis zu 5000 Bonbons aus

Nicht von ungefähr: „Die Ansiedlung von Katjes wirkte damals wie eine Initialzündung.“ Das bis dato weitgehend brachliegende Gewerbeareal habe danach zahlreiche Firmen angelockt. Eines der letzten freien Grundstücke sei vor vier Wochen verkauft worden. Das Unternehmen Paranet wolle den ehemaligen Lok-Zirkus zu einer Produktionsstätte für Bauwerke wie etwa Traglufthallen ausbauen.

Die Entscheidung für Potsdam habe er nicht bereut, sagt Bachmüller und verweist auf das kontinuierliche Wachstum. Die Zahl der Mitarbeiter habe sich von 50 auf heute 80 gesteigert, die Produktion sei vom 1,5-Schicht- aufs Dreischichtsystem umgestellt worden. Pro Minute spucken die Zuckerwarenmaschinen bis zu 5000 Bonbons aus, pro Schicht werden bis zu zehn Tonnen Bonbons hergestellt.

85 Sorten laufen aktuell in Babelsberg über das Band – vom Gletschereis über Hustelinchen bis zu Granini-Fruchtbonbons. Letztere waren der Auslöser für das Bonbonwerk in Ostdeutschland: Mit der Übernahme der Granini-Produktion rechnete sich für den Konzern die eigene Fertigung. Zuvor hatte Katjes in Lohnproduktion in Italien und Finnland herstellen lassen.

Eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten

„Erst während der Bauarbeiten hatten wir die Idee mit der gläsernen Fabrik“, sagt Bachmüller. Man experimentiere gern, sei Trendsetter. Jüngster Beleg: In diesem Jahr wurde die Firma für ihren weltweit ersten 3-D-Drucker für Fruchtgummi ausgezeichnet. Von einem verglasten Gang in der ersten Etage aus können Besucher jeden Schritt im Produktionsablauf verfolgen.

Das zieht: „Zwischen 220.000 und 230.000 Besucher zählen wir im Jahr in unserer gläsernen Bonbonfabrik“, sagt Bachmüller. Nebeneffekt: Die Kombination mit dem Werkverkauf, bei dem jeder Kunde durchschnittlich sieben Euro ausgebe. Katjes profitiert von der Nähe zum Filmpark Babelsberg. Nach Schloss Sanssouci und Filmpark ist die gläserne Fabrik heute die Nummer drei der Attraktionen in Potsdam.

Für Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) ein Zukunftsmodell und er verweist auf ähnliche Beispiele wie die Schokolateria Felicitas in der Lausitz oder die gläsernen Molkereien in Brodowin und Münchehofe.

Das Wirtschaftsministerium unterstützte Katjes zwischen 2005 und 2012 mit 2,3 Millionen Euro, womit Investitionen von 13,3 Millionen Euro umgesetzt wurden. „Wir stehen dem Unternehmen auch künftig gern zur Seite“, versprach Gerber und hob die Bedeutung der Ernährungsindustrie in Brandenburg hervor. „Mit 3300 Unternehmen, 58.000 Beschäftigten und fast neun Milliarden Euro Umsatz ist das eine der wichtigsten Branchen des verarbeitenden Gewerbes.“

"Bei Katjes bin ich endlich angekommen"

Was Gerber persönlich freut: Dass Katjes einen Betriebsrat habe. „Das ist nicht selbstverständlich in der Branche.“ Ebenso wenig wie die Firmenpolitik bei der Mitarbeiterauswahl: Ältere Bewerber „50 plus“ haben im Bonbonwerk gute Chancen auf einen Job. 28 von ihnen, die von Anbeginn in Potsdam mit dabei sind, konnten sich zum „kleinen Jubiläum“ von Bastian Fassin, dem Sohn des Katjes-Gründers, einen Scheck über 300 Euro abholen.

Für Gabriele Mudow keine Selbstverständlichkeit. Vor zehn Jahren war die Verkäuferin aus der Textilbranche arbeitslos. „Mit damals 52“, erzählt sie von ihrem beruflichen Tief. Als sie von den Katjes-Plänen erfuhr, klopfte die Potsdamerin persönlich beim Unternehmen an. „Seitdem arbeite ich im Werksverkauf.“ Es gebe Weihnachts- und Urlaubsgeld, sogar Babyprämien, sagt sie.

Der niedrigste Lohn für die Mitarbeiter in der Produktion liege bei 16 Euro pro Stunde. „Solche Arbeitgeber sind selten geworden“, bilanziert sie. Kollegial gehe es zu, „weil man sich kennt“. Eckhard Mertins (61) fing im August 2006 bei Katjes an.

Zuvor hatte es kräftig geholpert in seinem Lebenslauf. Modernisierungen und Firmenkrisen führten immer wieder dazu, dass er sich einen neuen Job suchen oder umschulen lassen musste, sagt der gelernte Zerspanungsfacharbeiter. Bei Katjes sei er „endlich angekommen“.

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