Wirtschaft

Wie Brandenburgs Wirtschaft Erfolg mit "Wachstumskernen" hat

Die Konzentration auf wirtschaftliche Kerne im Land Brandenburg hat einen Entwicklungsschub gebracht. Eine Bilanz.

Potsdam/Ludwigsfelde.  Merce­des Benz will in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen in den Standort Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) investieren. In dem Sprinter-Werk sind etwa 2000 Beschäftigte tätig. Auch die Luftfahrtbranche hat sich in der 25.400-Einwohner-Stadt südlich von Berlin angesiedelt. Als Spezialist für die Instandhaltung von Flugzeugtriebwerken und Indus­triegasturbinen beschäftigt MTU Aero Engines in Ludwigsfelde derzeit etwa 600 Mitarbeiter.

Wichtiger Arbeitgeber ist auch VW mit seinem Vertriebszentrum. Die Erfolgsstory der brandenburgischen Kleinstadt ist für Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) der Beweis dafür, dass die einst massiv kritisierte Wirtschaftsförder-Strategie der Landesregierung aufgegangen ist.

Ludwigsfelde ist als einer von 15 sogenannten regionalen Wachstumskerne im Land eingestuft. Vor elf Jahren richtete Brandenburg seine Wirtschaftsförderung neu aus. Das wirtschaftspolitische Leitbild „Stärken stärken“ markierte – unter der damaligen rot-schwarzen Regierung – die Abkehr vom Förderprinzip „Gießkanne“. Unter dem ersten Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) war das Geld in Kommunen in allen Landesteilen geflossen. Die nachfolgenden Landesregierungen legten stattdessen aber den Fokus auf die Förderung und Konzentration von starken Branchen.

Fast jeder zweite Beschäftigte dort tätig

Definiert wurden bei der Neuausrichtung lediglich 15 Regionale Wachstumskerne. Der sperrige Begriff gilt für Städte und Städteverbünde, die „bei der Stärkung ihrer besonderen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Potenziale unterstützt werden“. Rathenow im Havelland zählt zum Beispiel nicht dazu, was damals zu Protesten führte. Auch die Region Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf kämpfte damals vergebens um diesen Status. Derzeit ist nicht geplant, weitere Wachstumskerne zu definieren. „In dieser Legislaturperiode werden wir nichts ändern“, sagte Wirtschaftsminister Gerber.

Für den SPD-Politiker steht außer Frage: „Die Konzentration auf bestimmte Branchen und Zentren hat die brandenburgische Wirtschaft ganz klar nach vorne gebracht.“ Dies war auch das Fazit seines Berichts im Kabinett. „Die Wachstumskerne im Land haben sich zu regionalen Arbeitsplatzzentren für ihr Umland entwickelt“, sagte Gerber. „Sie sind Jobmotoren.“ Fast jeder zweite sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Brandenburg arbeitete 2015 laut Ministerium an einem der regionalen Schwerpunkte.

In den Wachstumskernen stieg die Arbeitsplatzdichte überdurchschnittlich

In allen Wachstumskernen sei die Arbeitsplatzdichte in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und liege über dem Landesdurchschnitt, zog Gerber ein positives Fazit. Brandenburg verzeichnet im Durchschnitt 327 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte je 1000 Einwohner, in den Wachstumskernen sind es zwischen 394 und 566. Von den 806.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiteten 388.000 dort.

Seit dem Start vor elf Jahren seien 166 solcher Projekte auf den Weg gebracht worden, sagte Gerber. 64 davon würden noch umgesetzt. So soll in Potsdam in Infrastrukturmaßnahmen investiert werden, um am Wissenschaftspark Golm weitere Technologieunternehmen ansiedeln zu können. Am S-Bahnhof in Königs Wusterhausen ist ein Fahrrad-Parkhaus mit 600 Plätzen für Pendler geplant. Bei Spremberg entsteht eine Brücke, die eine Bahnanlage am Tagebau Welzow-Süd überqueren soll.

Zusammen sollen rund zehn Millionen Euro investiert werden. Ludwigsfelde plant ein weiteres Industriegebiet mit guter Verkehrsanbindung, wie Bürgermeister Andreas Igel (SPD) bei der Pressekonferenz mit dem Wirtschaftsminister ankündigte. Im vergangenen Jahr überschritt die Stadt die Marke von 75.000 Einwohnern, inzwischen pendeln 2300 Menschen mehr in die Stadt im Berliner Speckgürtel hinein als heraus.

Freie Wähler und CDU sehen positive Effekte

Mit den Wachstumskernen will das Wirtschaftsministerium auch dem drohenden Fachkräftemangel in vielen Industrien begegnen. Denn da sich dort die Unternehmen konzentrieren, könnten Arbeitnehmer unkomplizierter zu einer anderen Firma wechseln. Grundsätzlich sind die Fördermöglichkeiten für Firmen in Brandenburg aber unabhängig von ihrem Standort gleich. Die meisten Investitionen in die Infrastruktur gab es zwischen 2005 und 2015 aber in die Wachstumskerne – die 458 Millionen Euro machen rund 62 Prozent der Gesamtinvestitionen in die wirtschaftsnahe Infrastruktur aus.

Die Landtagsabgeordnete der BVB/Freie Wähler, Iris Schülzke, sieht durchaus auch die positiven Effekte für die als Wachstumskern ausgewiesenen Städte. Die frühere Amtsdirektorin in Schlieben im Elbe-Elster-Kreis warnt aber davor, „dass der Rest des Landes aufgegeben wird“. Für den wirtschaftspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, Dierk Homeyer ist der Erfolg der Regionalen Wachstumskerne „nicht überraschend“. Die CDU hatte damals für dieses Modell gekämpft.

„Nach zehn Jahren muss man aber feststellen, dass einige Strukturen etwas verkrustet wirken“, kritisierte Homeyer auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Es gebe Regionen und Branchen, die sich prächtig entwickelt haben, bei der damaligen Entscheidung über die Wachstumskerne aber noch gar keine Rolle spielten. „Wir wollen daher, dass es eine regelmäßige Evaluation der Wachstumskerne gibt, bei der auch aufstrebende Regionen einbezogen werden.“

Die Möglichkeit müsse bestehen, in die Liga der Wachstumskerne aufzusteigen. Homeyer betonte: „Das bedeutet, mehr Wettbewerb wäre fair und würde Brandenburg guttun.“