Fachwerkhäuser, Villen und Kirchtürme am Berg stehen da wie aufeinander gestapelt. Ein Marktplatz mit Brunnen, roten Geranien, schindelverkleideten Häusern. Ein plätschernder Bach mit Mühlrad. Im Krämerladen gibt es „Gutes aus der Bergschäferei“. Das ist Buckow in der Märkischen Schweiz, rund 50 Kilometer östlich der Berliner Stadtmitte an einem tiefgrünen See gelegen, im Tal, umgeben von Hügeln, Wald und Stille: Eine Welt, wie man sie sonst nur träumt. Oder im Theater erlebt. Für sich genommen erscheint jedes Detail alltäglich, aber alles zusammen ist, nun ja: verdichtet. Ja, das ist das richtige Wort. Wie in einer Kulisse, in der jedes Ding etwas erzählen will. Welches Stück wird hier gespielt?
Ein erster Rundgang vermittelt den Eindruck: Es muss der „Zauberberg“ sein. Therapiezentrum, Reha-Klinik, Mutter-Kind-Klinik, Seniorenzentrum, so steht es auf Schildern. Es gibt eine „Kalorienpromenade“, ein „Terrainkurwegenetz“ und selbst im Schlosspark Kneippsche Anwendungen.
In Buckow geht „die Lunge auf Samt“
Schon zu Zeiten der Preußen war das so. In Buckow gehe „die Lunge auf Samt“, soll der königliche Leibarzt Friedrich Wilhelms IV. 1854 gesagt haben. Diese lungenpoetische Formulierung wird bis heute gern zitiert, und tatsächlich ist Buckow am Schermützelsee der einzige anerkannte Kneipp-Kurort Brandenburgs. Zwar ist Buckow als Kurort etwas weniger berühmt als Bad Saarow mit seinem Fast-Namensvetter, dem Scharmützelsee (mit a): Das macht aber nichts. Denn Buckow hat dafür Brecht.
Im Jahr 1952 bezogen hier der Dichter und Dramatiker Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel ein Haus am See. Seitdem traf und trifft sich das große Theater-Berlin im Sommer in Buckow. Zum Ausspannen, Schwimmen und Wandern, zum Denken, Dichten und Lieben. Und wohl auch zum Sehen und Gesehenwerden.
Dampferanleger vor der Haustür
Das beginnt schon am Ortseingang, wenn man von Norden kommt: Rechts liegt der Schermützelsee am Abend lichtübergossen im Sonnenuntergang. Links steht ein gelbes Haus, dessen Fassade zwei überdimensionale rote Theatervorhänge zieren. Der See ist echt, die Theaterbühne aufgemalt. Die Fassade gehört zum Strandhotel Buckow. Wer hier Quartier bezieht, erlebt die besten Seiten der märkischen Schweiz sozusagen komprimiert. Direkt vor der Haustür und dem Gartenrestaurant liegen Strandbad und Dampferanleger. Das Hotel selbst bietet neben den großteils barrierefreien Zimmern auch Sauna, Wellness, Yoga, einen E-Bike-Verleih. Hinter dem Haus führt ein fast schon alpin steiler Pfad in den Wald mit seinen murmelnden Bächen.
Und im Strandhotel selbst erzählt eine Ausstellung in Fotos und Texten von dem wohl berühmtesten Gast des Hauses, der Schauspielerin Käthe Reichel. Sie war Brechts Geliebte über lange Zeit. „Sie kam regelmäßig zweimal die Woche zu uns zum Essen“, erinnert sich der Hotelier Jens Wandel, Inhaber des Strandhotels. Er ist in Buckow aufgewachsen, hat das Hotel 2008 übernommen und seitdem komplett modernisiert. Käthe Reichel, erinnert er sich, „war Schauspielerin und bis ins hohe Alter politisch engagiert, eine außergewöhnliche Persönlichkeit“.
Das „kleine Haus am See“ gibt es wirklich
Nachdem Käthe Reichel 2012 starb, hütet Jens Wandel ihre Fotografien – und auch den Schlüssel zu ihrem Sommerhaus, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Bertolt Brecht schenkte es ihr und machte es in einem Gedicht weltberühmt in seinen „Buckower Elegien“: „Das kleine Haus unter Bäumen am See/ Vom Dach steigt Rauch/ Fehlte er/ Wie trostlos dann wären / Haus, Bäume und See.“
Es gibt wohl kaum ein bekannteres Brecht-Gedicht als dieses, das so eingängig klingt, fast romantisch, wie es vom irdischen Menschsein erzählt. Zur ganzen Geschichte gehört dieser Hintergrund: Käthe Reichel ließ den Rauch im „kleinen Haus“ aufsteigen, wenn die Luft rein war für den Besuch des Liebhabers. So erzählt man es sich in Buckow. Großes Theater backstage.
Kneippstadt mit Kunst und Kultur
Theater und überhaupt Kunst und Kultur wird in Buckow bis heute großgeschrieben. Im Strandhotel, wo es Theaterworkshops gibt, darunter auch ein Projekt mit Flüchtlingen. Und im ganzen Ort. Auf dem Weg in die Ortsmitte, kommt man am Schild zur „Felsenbühne“ vorbei, am „Theater untendrunter“, es gibt ein Kino, eine Buchhandlung und ein Antiquariat, und wenn man weiß, wie viele Menschen in Buckow wohnen (rund 1500), ahnt man: Dies alles gibt es vor allem auch für und wegen des bildungshungrigen Publikums.
Deshalb ist alles im Ort beschildert und erklärt. Von den Kneipp- und Wanderwegen über den Brunnen am Markt („gestiftet von der Bürgerschaft von Bad Buckow 1924“) bis zur Fischtreppe am Mühlgraben. Natürlich hat die Museumsbahn, die an Wochenenden zwischen Müncheberg und Buckow verkehrt, im Bahnhof auch ein kleines Museum.
Selbst der Ausflugsdampfer hat seine Geschichte. Die „Scherri“, benannt nach dem Spitznamen des Schermützelsees, gehört zu den ältesten Ausflugsschiffen Deutschlands, die noch in Betrieb sind. 1879 lief sie in Hamburg als Dampfschiff vom Stapel. Der Dieselmotor wurde erst später erfunden. Über viele Besitzer, Namen und Umbauten kam sie 1992 nach Buckow, schippert seitdem im Familienbetrieb von April bis Oktober über den See.
Ein Ort für Menschen mit Kindern
Eine Stunde dauert die Rundfahrt, gemächlich geht es vorbei an schilfbestandenen Ufern, Bootshäuschen und edlen Villen. Rechts zieht das Brecht-Haus vorbei wie eine Erscheinung. Zu den liebsten Gästen des Kapitäns gehören Kinder. Die können noch staunen. Über das klare Wasser, Fische mit roten Flossen. Und über seine Scherze.
Überhaupt, Familien. Buckow ist ein Ort für Menschen mit Kindern. Man trifft sie am Strand, auf den vielen Spielplätzen, beim Radeln und Wandern, in den kleinen Läden und Restaurants. Familie Woisin aus Hamburg urlaubt mit den Kindern Julius (6) und Pauline (3) im Sommerhaus der Großmutter. Morgens radeln sie zum „besten Bäcker von Buckow“: Die Bäckerei Berendt (Ortsmitte) ist eine Hommage ans Beständige. Nicht nur Holzregale und Vitrine sind original, sondern auch die Brötchen, sagt Katrin Woisin. Sie hat in Buckow die Sommer ihrer Kindheit verbracht und im „Scherri“ schwimmen gelernt. „Das ist der Plan auch für unsere Kinder“, sagen die Eltern. Es klingt glücklich. Dann radeln sie weiter.
Auf dem Rückweg nach Berlin wirft man dann einen letzten wehmütigen Blick in den Rückspiegel. Und die Berge sind weg. Das Haus am See, die Schweiz, war es doch alles nur Theater? Nein. Die märkische „Schweiz“ ist in Wirklichkeit eine Senke. Eine eiszeitliche Rinne. Buckow liegt nicht oben, sondern unten. Aber so ist es eben mit dem Theater. Alles nur Schein, und doch die ganze Welt.
Weitere Informationen
Strandhotel Buckow, Wriezener Straße 27–28, 15377 Buckow (Märkische Schweiz), 033433 - 279, www.strandhotel-buckow.de, 13 Zimmer, zwei Ferienhäuser und ein Apartement, DZ im Hotel inkl. Frühstück ab 85 Euro.
Anfahrt Auto: von Berlin ca. 50 km, über B1/ B1/ B5 Richtung Strausberg bzw. Frankfurt (Oder). Bahn: Regionalbahn RB26 von Berlin-Lichtenberg bis Müncheberg, dann Bus 928 nach Waldsieversdorf und Buckow.
Schiffsrundfahrt über den Schermützelsee mit der „Scherri“, Dauer ca. 1 Stunde, Abfahrt Anleger Wriezener Straße, Buckow, täglich stündlich ca. 10–17 Uhr, Erwachsene 7, Kinder 3 Euro.
Brecht-Weigel-Haus, Bertolt-Brecht-Straße 30, 15377 Buckow, Mi. bis Fr., 13–17 Uhr, Sbd., So., feiertags 13–18 Uhr, Eintritt 4, erm. 3 Euro, www.brechtweigelhaus.de
Strandbad Buckow, Strand und Bootsverleih, Wriezener Straße 38, 15377 Buckow, tgl. 10–19 Uhr, Eintritt 2, erm. 1 Euro.
Buckower Köstlichkeiten, regionale und Bio-Lebensmittel, Am Markt 8, 15377 Buckow, Café, warmes Mittagsgericht, Mo.–Do. 9–18 , Fr. 9 –20, Sbd. 9–16.30 Uhr.



