„In Berliner Betten“

Dorf Ribbeck im Havelland - ein Wunder und viele Birnen

| Lesedauer: 12 Minuten
Annette Kuhn
Immer mehr Fahrradtouristen kommen nach Ribbeck. Diese Familie ist gerade auf der Durchreise von Potsdam an die Ostsee

Immer mehr Fahrradtouristen kommen nach Ribbeck. Diese Familie ist gerade auf der Durchreise von Potsdam an die Ostsee

Foto: Amin Akhtar

Im elften Teil der Serie geht es um das Dorf Ribbeck im Havelland, ein weltberühmtes Gedicht und einen spendablen Gutsherren.

Samtig und säuerlich zugleich schmeckt der Balsam. Wo einst der alte Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland den Kindern Birnen geschenkt hat, schenkt nun sein Nachfahre Friedrich von Ribbeck seinen Gästen einen Aperitif aus Birnenessig und Holunderbeere ein. Eine ebenso ungewöhnliche wie wohlschmeckende Essigspezialität. „Birne verpflichtet“ steht auf dem Flyer, der in der schönen historischen Brennerei ausliegt. Und in der Tat: In dem kleinen Ort Ribbeck unweit von Nauen dreht sich alles um die Birne.

Den Birnbaum, von dem Theodor Fontane in seiner berühmten Ballade von 1889 erzählt, gibt es zwar längst nicht mehr, er fiel 1911 einem Sturm zum Opfer. Nur noch sein Stumpf ist erhalten und wird in der Kirche ausgestellt. An der Stelle des alten wurde im Jahr 2000 aber ein neuer Birnbaum gepflanzt. Er trägt heute kleine, dafür aber viele Früchte. Auch im Schlossgarten sind Birnbäume aus allen Ländern der Republik gepflanzt. Im Shop des Museums werden für 2,50 Euro Fruchtgummi-Birnen verkauft, im Café Birnenkuchen angeboten und selbst auf den Tischen im Vorraum der Kirche liegen Plastikdecken mit Birnenmotiven Und ja, dann gibt es natürlich auch den Birnenessig und Birnenschnaps aus dem Hause Ribbeck. Der Essig wird vor Ort produziert, der Schnaps aus Frankreich importiert, aber hier abgefüllt und die Flaschen mit rotem Siegelwachs verschlossen. Auf dem Logo ist der berühmte Vorfahr zu sehen, wie er sich herunterbeugt und einer „Lütt Dirn“ eine „Birn“ schenkt.

1947 wurde die Familie von Ribbeck aus dem Ort ausgewiesen

Seit 1998 lebt der heute 77-jährige Friedrich von Ribbeck wieder in seinem Heimatort, im ehemaligen Pferdestall und hat auch die alte Brennerei im Ort gekauft und wiederbelebt. Als er acht Jahre alt war, musste seine Familie Ribbeck verlassen. Bereits seit Ende 1943 wohnte sie schon nicht mehr im Schloss, weil dort der Stab einer Luftwaffeneinheit eingezogen war. Familie von Ribbeck musste ins Inspektorenhaus gegenüber ziehen, dort verbrachte auch Friedrich von Ribbeck seine ersten Lebensjahre. Sein Großvater, der letzte Gutsherr des Schlosses, war ein Gegner der Nazis. Es wird erzählt, dass er einmal im Beisein von Parteiangehörigen mit seinem Spazierstock Schweine mit großen Ohren in den Sand gemalt haben soll. 1944 wurde er verhaftet und nach Sachsenhausen deportiert. Dort starb er Anfang 1945. Die von Ribbecks wurden 1947, wie alle Gutsfamilien in der DDR, ausgewiesen. Einen Anspruch auf das Schloss konnte die Familie nach der Wende nicht nachweisen, weil es von der Enteignung 1943 keinen schriftlichen Beleg gab. Die Verhandlungen endeten mit einem Vergleich.

Nach dem Mauerfall ist Friedrich von Ribbeck erstmals wieder zurückgekehrt in seine Heimat. Was er da sah, hat ihn entsetzt. „Das war hier alles in jämmerlichem Zustand“, erinnert er sich. Das Schloss hatte jahrelang als Altenheim gedient und war heruntergewirtschaftet, die anderen Gebäude des Gutes waren verwaist und baufällig, die Kirche sah aus wie eine Ruine. Fontanes Ballade kannte jeder, aber wo der Ort dazu lag, wusste kaum noch jemand. Die Zeit schien das Dorf vergessen zu haben. Doch dann geschah ein Wunder.

Fast sechs Millionen Euro hat die Sanierung des Schlosses gekostet

Die Kirche sollte abgerissen werden, aber die Gemeinde wehrte sich. Sie fand immer neue Wege, um Spenden zu sammeln. Benefizkonzerte wurden veranstaltet, Kuchen gebacken und neben der Kirche verkauft. Die ersten Neugierigen kamen, unterstützten die rührige Gemeinde, die Kirche konnte schließlich gerettet werden und ist heute restauriert. Dann kam das Schloss dran. Lange hatte der Landkreis Havelland einen privaten Investor gesucht, aber nicht gefunden. Schließlich beschloss der Kreistag, die Sanierung selbst zu tragen. Fast sechs Millionen hat sie gekostet, seit 2009 beherbergt das neubarocke Herrenhaus aus dem Jahr 1893 Museum, Restaurant und Trauzimmer. Auch drei Leihgaben aus dem Besitz der Familie von Ribbeck sind darin zu sehen: eine Hochzeitstruhe, ein Wappenstuhl und ein Gemälde.

Das Schloss hat jeden Tag geöffnet. Viele Besucher reisen mit dem Rad an. Der Havelland-Radweg führt direkt an Ribbeck vorbei. Am besten lässt sich eine Tour von Nauen starten. Dahin fahren von Berlin aus mehrmals in der Stunde Regionalzüge, in denen auch Fahrräder mitgenommen werden können. Von Nauen aus sind es zehn Kilometer bis Ribbeck, sie vergehen wie im Fluge. Schnurgeradeaus führt die asphaltierte Fahrradstraße, ohne Ampel, ohne überholende Autos. Davon können Berliner Radfahrer nur träumen. Die Bäume rauschen im Wind und es geht vorbei an Feldern, Kühen, Pferden, wilden Brombeersträuchern. Fehlt nur noch ein Storch in der Idylle und tatsächlich: Kurz vor Ribbeck stakst er über eine Weide.

Unterhaltung bieten die drei „Waschweiber“ gratis dazu

Trotz der vielen Besucher, vor allem aus Berlin und vor allem an den Wochenenden, findet sich immer ein freier Platz in einem der vielen Cafés im Ort. Allerdings nicht immer bei Marina Wesche. Mit Namen macht man ja bekanntlich keine Scherze, aber sie sagt selbst: „Mein Name ist Programm.“ Die Nauenerin betreibt das Café und den Hofladen im Alten Waschhaus seit 2008. Viel Platz gibt es hier nicht zwischen den Wäscheleinen mit historischen handgewebten und gestickten Deckchen und Schürzen, den Waschzubern, Bügeleisen und allerlei historischer Deko. Marina Wesche und ihre zwei Mitarbeiterinnen Johanna und Barbara haben sich selbst historisch dekoriert. Ein Ort wie aus der Zeit gefallen, doch die Ribbecker Birnentorte schmeckt dafür umso frischer. Und Unterhaltung bieten die drei „Waschweiber“ gratis dazu. Ihr Leitspruch: „Wir waschen keine schmutzige Wäsche, wir bügeln ihre Seele auf.“ Klar, dass die Gäste hier gern verweilen und nicht gleich wieder aufspringen wollen, wenn nur noch Krümel auf dem Teller liegen. Dann lieber noch ein zweites Stück oder einen Birnenlikör bestellen.

Birnenkuchen gibt es aber auch in der alten Schule. Die wurde 1841 von dem damaligen Gutsherren von Ribbeck gebaut und bis 1968 als Dorfschule genutzt. Zu sehen ist hier heute noch ein historisches Klassenzimmer, der Raum daneben ist zum Café umgebaut. Auf den Tischen liegen Schulhefte mit der Aufschrift „Schulspeisung“, die Speisekarte. Auf einem Regal stehen große Bonbonnieren, in denen es für fünf Cent das Stück Himbeerbonbons und für 20 Cent Schleckmuscheln gibt – ein Kindheitstraum hinter Glas.

Das Landhaus Ribbeck war früher mal ein Schafstall

Wer nicht nur für ein paar Stunden in Ribbeck bleiben will, sondern länger abtauchen will in diesen Ort, der die Besucher um mindestens ein Jahrhundert zurückversetzt, der kann seit vier Jahren auch über Nacht bleiben. Seitdem gibt es das Landhaus Ribbeck, das einzige Hotel im Ort. Bis 2004 war es ein Schafstall, heute leben Claudia und Thomas Jung hier. Das Paar ist aus Berlin hierher gezogen. Sie ist Künstlerin und wollte eine Kulturscheune für ihre Malkurse und ihre Bilder eröffnen. Und beide suchten einen großen Garten. Als sie den Schafstall 2009 zum ersten Mal sahen, war es Liebe auf den ersten Blick. „Auch wenn es damals schon viel Fantasie brauchte sich vorzustellen, was daraus mal werden könnte“, erklärt er. Heute empfängt den Gast hier eine Blütenpracht im Garten und auch die sechs hellen, sehr geschmackvoll und hochwertig eingerichteten Zimmer mit Parkettboden tragen je nach Farbgestaltung Blumennamen: Vergissmeinnicht, Rosentraum oder Weißer Flieder.

Ins Landhaus kommen Besucher der Malkurse, Hochzeitsgäste nach einer Trauung im Schloss, aber auch viele Individualreisende. Zum Beispiel die Familie Haltermann aus Bremen. Das Paar mit seinen Söhnen Julius (6) und Frederik (9) sind gerade auf der Rückreise von Polen nach Bremen. „Die Kinder wollten gestern nicht mehr weiter und wir wollten immer schon den Birnbaum sehen“, sagt Vater Lüder Haltermann, „schließlich haben wir unseren Kindern schon so oft das Gedicht vorgelesen“. Also machten sie Halt in Ribbeck und blieben gleich über Nacht. Am Morgen stärken sie sich noch am reichen Frühstücksbüffet, dann geht es weiter.

Spätestens um 18 Uhr klappen die Bürgersteige hoch

Wer im Landhaus eincheckt, bucht Ruhe gleich mit. Im Dorf klappen die Bürgersteige spätestens um 18 Uhr hoch, Das Schloss und das Waschhaus schließen bereits um 17 Uhr. Wer dann noch Hunger hat, muss ins Landhaus, hier hat das Café Monet immerhin bis 21 Uhr geöffnet. Danach schläft Ribbeck. Meist jedenfalls. Einmal im Monat findet im Landhaus ein Tangoabend statt, dann wird es auch schon mal etwas später.

Kultur wird in Ribbeck ohnehin großgeschrieben. Friedrich von Ribbeck hat in seiner Brennerei einen großen Raum für Lesungen und Konzerte, an den Wochenenden finden szenische Führungen durch Ribbeck statt mit Jan van Damals und Friedemann van Euter, die Schlossfestspiele im Sommer haben längst Tradition und auch die Ribbecker Sommernacht, die am kommenden Wochenende wieder stattfindet. In der Adventszeit werden in diesem Jahr erstmals auf dem Dorfanger, in der Kirche und in den Gasthäusern des Ortes auch Märchendarstellungen gegeben. Die Ribbecksche Birne wird dann sicher auch nicht fehlen. Die Früchte sind dann von den Bäumen zwar längst geerntet, aber Balsam und Brand gibt es natürlich das ganze Jahr über. Handversiegelt von Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

Sehenswertes im Ort

Hotel Landhaus Ribbeck, Uhlenburger Weg 2b, 14641 Nauen/OT Ribbeck, Tel. 03323 – 7869838, www.landhaus-ribbeck.de, DZ inkl. Frühstück ab 114 Euro, Familienzimmer ab 129 Euro, Restaurant Café Monet, geöffnet Di bis Sbd 15–21 Uhr, So 12–21 Uhr, cafe-monet.de

Anfahrt Mit dem Auto: B5 nach Ribbeck, mit der Bahn: RB 10 und 14 oder RE 2 bis Nauen. Von dort Bus 661 bis Ribbeck (fährt allerdings nur selten) oder mit dem Rad auf dem Havelland-Radweg (zehn Kilometer).

Schloss Ribbeck Museum, Trauzimmer und Restaurant. Theodor-Fontane-Straße 10, Ribbeck, schlossribbeck.de. Museum täglich geöffnet 10-17 Uhr, Eintritt: 3 Euro, erm. 2 Euro, Restaurant 11-18 Uhr.

Brennerei Online-Shop und Informationen zur Familiengeschichte bietet die Seite von Friedrich von Ribbeck: vonribbeck.de.

Alte Schule Heute ein Café, zu sehen ist auch ein historisches Schulzimmer, Am Birnbaum 3, Ribbeck, alteschule-ribbeck.de, geöffnet täglich 10-18 Uhr.

Altes Waschhaus Café und Hofladen. Am Birnbaum 6, Ribbeck, waschhaus-ribbeck.de, geöffnet Do–So 11–17 Uhr.

Barfußpfad Der 2,5 Kilometer lange Pfad bis zum Kinderbauernhof Marienhof startet am Ortsrand von Ribbeck, barfusspfad-ribbeck.de.

Fest Am 6. August findet ab 20 Uhr zum achten Mal die Ribbecker Sommernacht statt. Zahlreiche Künstler kommen dazu nach Ribbeck, Eintritt: 18 Euro, Abendkasse 23 Euro. Karten und Programm unter ribbeck-havelland.de

>>>Hier gibt es aller Teile der Sommerserie "In Berliner Betten"<<<