Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) und Barnims Landrat Bodo Ihrke (SPD) wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Leidenschaftlich kämpfen gemeinsam um den Erhalt des Bahnwerkes in Eberswalde. Den beiden geht es nicht nur um die noch verbliebenen 350 Arbeitsplätze und die Zuliefer-Betriebe. „Wird das Werk geschlossen, bricht der letzte industrielle Kern in Eberswalde weg“, sagt Landrat Ihrke. Das Bahnwerk sei das einzige, was noch übrig ist von den einst 8000 Industrie-Arbeitsplätzen in Eberswalde.
An diesem Dienstag sind die beiden Regionalpolitiker nach Potsdam gefahren, um mit Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) vor der Presse an die Deutsche Bahn zu appellieren: Gebt Eberswalde nicht auf! Gleichzeitig präsentieren sie einen Investor, der das Werk übernehmen möchte: Thomas Becken, Brandenburger und Vorstandschef der Deutschen Eisenbahn Service AG. Ein Privatunternehmen, zu der die Prignitzer Eisenbahn gehört. Dem Vernehmen nach liegt der Bahn inzwischen ein weiteres Angebot eines privaten Investors vor. Notfalls will die Stadt Eberswalde selbst kaufen.
Spitzengespräch am Freitagin Berlin
Es ist der letzte Aufschlag vor dem nächsten, womöglich entscheidenden Treffen mit Bahnchef Rüdiger Grube, Wirtschaftsminister Gerber, Kommunalpolitikern und den Betriebsräten am Freitag in Berlin. Im Oktober 2014 hatte die Bahn angekündigt, den Betrieb Ende 2016 schließen zu wollen. Seit über einem Jahr laufen die Gespräche, um das zu verhindern. Eine Arbeitsgruppe unter ministerieller Leitung wurde eingerichtet, Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) appellierte in einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel (CDU), sie solle Ihren Einfluss geltend machen.
Angesichts des öffentlichen Drucks könnte die Bahn am Freitag verkünden, ob sie nicht doch das Werk verkaufen statt einfach nur stilllegen will. Angeblich zeigte das Unternehmen sich in diesem Sommer erstmals offen dafür, mit privaten Investoren zu verhandeln. Thomas Becken gab ein aktualisiertes Angebot laut eigener Aussage im Oktober ab,. „Eine Reaktion steht bis heute aus“, sagt er. Der Mann, der einst verbeamteter Lokführer bei der Bahn war und heute mit seinen Firmen heute Millionen-Umsätze macht, bietet „einen kleinen sechsstelligen Betrag“ für das Werk. Er verspricht: „Ich möchte fünf bis sechs Millionen Euro investieren und über 100 Mitarbeiter übernehmen.“ Für den Bürgermeister sowie den Landrat ist dies ein „gutes Angebot“: Jeder Arbeitsplatz zähle, betonen sie. Der Bürgermeister ist nicht gut auf den Bund zu sprechen: „Wir haben 900 Asylbewerber und es ist noch kein Cent vom Bund geflossen“, sagt Boginski. „Und die Deutsche Bahn ist kein Unternehmen, das nur Geld abzuwerfen hat, sie hat auch eine soziale Verantwortung.“
Eberswalde verliert mehr als 10.000 Einwohner
Die Schließung würde eine Wunde mitten in der Stadt reißen. Das Traditions-Werk liegt im Zentrum. Seit 135 Jahren werden in Eberswalde Eisenbahnwagen für den Einsatz auf der Schiene flott gemacht. Die Zug- und Stoßtechnik ist eines der Spezialgebiete der Bahn-Werkstätten in Eberswalde. Betriebsratschef Ulf Boehnke ist nach Potsdam mitgekommen. Er sagt: „Es ist für uns nicht nachvollziehbar, weshalb die Bahn ein Werk zumachen will, das volle Auftragsbücher hat.“ 2015 war laut Betriebsrat so viel zu tun, dass Leistungen an Dritte vergeben werden mussten. Das DB Werk Eberswalde habe Zeitarbeiter und Arbeiter anderer DB Werke beschäftigt, um die Nachfragen zu decken.
Eberswalde hat es schon jetzt nicht leicht. Nach dem Fall der Mauer verlor die Stadt viele Einwohner. Die Bevölkerungszahl sank von 52.000 auf rund 40.000. Immerhin hat sich die Einwohnerzahl seit drei Jahren stabilisiert.
Minister Gerber warnt vor einer unnötigen Schließung des Werkes. Er kritisiert die Bahn: „Was hier passiert, erinnert mich fatal an die 1990er Jahre.“ Die Landesregierung, so stellt er in Aussicht, „sichert für den Umstrukturierungsprozess die höchstmögliche Förderung zu.“



