Flughafen

Schönefeld - Begehrtes Wohnen in Flughafennähe

In Schönefeld sollen Häuser und Wohnungen für 4000 weitere Bewohner entstehen. Nicht trotz, sondern vermutlich wegen des Flughafens.

Bürgermeister Udo Haase vor den Reihenhäusern an der Bertolt-Brecht-Allee in Schönefeld

Bürgermeister Udo Haase vor den Reihenhäusern an der Bertolt-Brecht-Allee in Schönefeld

Foto: Reto Klar

Schönefeld.  Gülten Göcer hat sich lange nicht vorstellen können, Berlin zu verlassen. Sie ist in der Hauptstadt geboren und aufgewachsen. Im Sommer dieses Jahres aber haben die Steuerfachangestellte und ihr Mann ihre Mietwohnung in Buckow aufgegeben. Mit ihren beiden Töchtern bezogen sie einige Meter von der Stadtgrenze entfernt ihr eigenes Haus. 140 Quadratmeter Wohnfläche, dazu ein Garten. „Ich wollte unbedingt ins Grüne“, sagt die 39-Jährige. „Und ruhig sollte es auch sein.“ Die Wahl fiel auf Schönefeld. Ausgerechnet auf die Gemeinde, in der derzeit etwa 6700 Flugzeuge im Monat starten und landen. Wenn der Hauptstadtflughafen BER eröffnet, wird der Flugverkehr von Tegel noch dazukommen. 16.800 Flugbewegungen wurden im September allein dort registriert.

Wie die Familie Göcer lassen sich viele nicht vom jetzigen Airport Schönefeld und dem daneben geplanten Gesamt-Flughafen BER abschrecken. Im Gegenteil: „Es ist durchaus attraktiv, in Flughafennähe zu wohnen“, sagt Bürgermeister Udo Haase (parteilos). „Das trifft nicht nur auf Flughafenangestellte zu.“ Seine Gemeinde zählt inzwischen 14.700 Einwohner und Haase rechnet mit einem weiteren Schub nach der Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER. „Wir haben eine unglaubliche Nachfrage aus Berlin und schaffen deshalb auf den Baufeldern allein an der Grenze zu Rudow derzeit Platz für 4000 neue Bewohner“, kündigt er an.

Investoren glauben mittlerweile an den BER-Start im Jahr 2017

„Die Investoren warteten in den vergangenen Jahren merklich ab, der hundertprozentige Glaube an die Eröffnung des BER im Jahr 2017 ist leider auch jetzt nach den mehrmals geplatzten Starts noch nicht bei allen angekommen“, sagt Haase. „Doch die Stimmung ändert sich gerade.“

So entstehen in Schönefeld derzeit entlang der Stadtgrenze zu Berlin Hunderte von Wohnungen in Reihenhäusern, Stadtvillen und Einfamilienhäuser. Der Immobilienkonzern NCC baut angrenzend an Rudow Reihenhäuser. Gegenüber von Buckow entsteht in Großziethen, das zu Schönefeld gehört, am Lavendelring eine neue Wohnsiedlung. Kürzlich wurde für 50 Häuser im ehemaligen Grenzstreifen das Richtfest gefeiert. 30 Hektar in der Nähe des Rathauses und der Schwimmhalle werden für Wohnzwecke ausgewiesen.

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„Wir könnten schon viel weiter sein“, sagt Bürgermeister Haase. Seit der spektakulär geplatzten BER-Eröffnung im Juni 2012 fahren die Investoren mit der Handbremse. Er würde den Bewohnern gerne schon mehr bieten. Immerhin sind die beiden Grundschulen neu und so gebaut, dass sie noch viel mehr Schüler aufnehmen können. Es gibt ein evangelisches Gymnasium in Großziethen. Die Gemeinde eröffnete im Dezember 2010 das neue Schwimmbad. Die „Schönefelder Welle“ zählt jeden Tag zwischen 400 und 700 Besucher. „Das Bad ist voll ausgelastet“, sagt der Bürgermeister. 7,5 Millionen Euro hat es gekostet, 500.000 Euro etwa kostet der Gemeinde die Unterhaltung pro Jahr.

Das Bad kann Schönefeld sich leisten. Denn die Gemeinde zählt zu den reichsten in Brandenburg. Auch wenn der Bürgermeister das so nicht stehenlassen will. „Ich würde eher sagen, wir sind eine finanziell gesunde Gemeinde“. Dank der 2000 Firmen, die sich in Schönefeld angesiedelt haben, sprudeln die Gewerbe-Einnahmen: 85 Millionen Euro im vergangenen Jahr. „Davon bleiben uns nur zehn Millionen Euro, denn allein 48 Millionen Euro müssen wir an Kreisumlage abführen, dazu, 27 Millionen ans Land“, sagt Haase. Der Anteil der Abgabe fällt deshalb so hoch aus, weil er nach dem Landesdurschnitt des Gewerbesteuerhebesatzes bemessen ist. Schönefeld verlangt aber einen so niedrigen Satz wie kaum eine andere Gemeinde. Auch deshalb haben sich so viele große Unternehmen wie das Logistikunternehmen Dachser dort angesiedelt.

Ein Kaufhaus soll ebenfalls endlich ins neue Zentrum

Während um das Rathaus herum an der Hans-Grade-Allee Aufbruchstimmung herrscht, ist der Optimismus im alten Ortskern gedämpft. Denn das ewige Warten auf die Flughafeneröffnung hat durchaus Spuren hinterlassen. Die ehemalige Maschinenführerin Regina Richter, die seit 18 Jahren in Alt-Schönefeld wohnt, beklagt: „Wir haben in Schönefeld nicht einmal einen Edeka-Laden oder einen Supermarkt. Nur Tankstellen, eine Fleischerei und einen Bäcker.“ Der Aufschwung ist aber in Sicht. Bürgermeister Haase zufolge bekommt Schönefeld endlich ein Kaufhaus – im neuen Ortszentrum. Der Investor habe jetzt den Vertrag unterschrieben, freut er sich.

Als nächstes will Haase erreichen, dass der Flughafen nach dem Vorbild Wiens den umliegenden Gemeinden einen finanziellen Interessenausgleich bietet. Den Haupt-Fluglärm bekommen die drei Ortsteile Selchow, Waßmannsdorf und Waltersdorf ab. Über Schönefeld selbst fliegen die Flugzeuge nicht direkt. Deshalb kann die Neu-Schönefelderin Gülten Göcer derzeit sogar bei offenem Fenster schlafen.

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