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Vermisster Elias - Soko gerät in die Kritik

Innerhalb von knapp fünf Wochen hat im Fall des spurlos verschwundenen Elias die Führung der Soko dreimal gewechselt. Es gibt Kritik.

Mit diesen Plakaten und Handzetteln sucht die Polizei nach Hinweisen auf den verschwundenen Elias aus Potsdam

Mit diesen Plakaten und Handzetteln sucht die Polizei nach Hinweisen auf den verschwundenen Elias aus Potsdam

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Potsdam.  Knapp fünf Wochen nach dem Verschwinden des sechsjährigen Elias aus Potsdam wird Kritik an der Führung der Sonderkommission „Soko Schlaatz“ laut. Innerhalb dieser Zeit hat die Führung dreimal gewechselt. Elias war zum letzten Mal am 8. Juli auf einem Spielplatz vor seinem Zuhause im Potsdamer Stadtteil Schlaatz gesehen worden. Seitdem fehlt jede Spur von ihm.

Am 14. Juli präsentierte die Polizeidirektion West bei einer Pressekonferenz den Polizeiführer des Einsatzes, Kriminaldirektor Sven Mutschischk, als Soko-Leiter. In der darauffolgenden Woche trat Mutschischk aber nach Informationen der Berliner Morgenpost bereits seinen Urlaub an. „In einer Sonderkommission ist Kontinuität in der Führung enorm wichtig“, kritisiert der Innenexperte der CDU-Landtagsfraktion, Björn Lakenmacher, das Vorgehen der Polizei in diesem dramatischen Vermisstenfall.

Urlaubspläne vorher bekannt

Der Abgeordnete bemängelt zudem, dass die Soko-Leitung einem Mann übertragen wurde, dessen mehrwöchige Urlaubspläne bereits bekannt gewesen sein müssen. „Noch unverständlicher wäre es gewesen, wenn er mitten in den auf Hochtouren laufenden Ermittlungen nach dem kleinen Elias spontan Urlaub genommen hätte“, meint Lakenmacher. Das war nach Informationen der Berliner Morgenpost aber nicht der Fall.

Kommunizieren wollte die Polizei den geplanten Urlaub jedoch ganz offensichtlich nicht. Der Stabsleiter der Polizeidirektion West, Leitender Polizeidirektor Michael Scharf, übernahm die Rolle des Soko-Leiters. Er gab in dieser Funktion mehrere Interviews. Auf Anfrage erklärte ein Sprecher allerdings, danach befragt: „Leiter der Soko Schlaatz ist und bleibt Kriminaldirektor Sven Mutschischk, der mehrere Vertreter hat, da er ja auch nicht 24 Stunden und sieben Tage die Woche anwesend sein kann.“ Für Innenexperte Lakenmacher spricht das Herumlavieren „weder für Transparenz noch für Führungsstärke“.

Inzwischen sind sogar beide Beamte gleichzeitig nicht im Dienst. „Herr Scharf ist derzeit im wohlverdienten Urlaub“, teilte ein Polizeisprecher mit. „Kriminaloberrat Andreas Ziehm hat die Führung übernommen“, sagte er am Mittwoch der Berliner Morgenpost. Der Sprecher kündigte gleichzeitig an: „Herr Mutschischk ist nächste Woche wieder da.“

Sonderkommission verkleinert

Am Montag voriger Woche war die Sonderkommission bereits um 15 auf 45 Ermittler verkleinert worden. Begründet wurde das damit, dass die meisten Hinweise aus der Bevölkerung abgearbeitet seien und neue Tipps nur noch spärlich eingingen. Am Freitag wollte ein Sprecher der Polizeidirektion West jedoch nicht einmal mehr mitteilen, wie viele Beamte der Soko noch angehören. Es hieß lediglich, man habe mehr als 900 Hinweise ausgewertet. Eine heiße Spur sei nicht darunter gewesen.

Seit dem 8. Juli haben 1900 Polizisten nach dem Jungen gesucht. Taucher, Bagger, Spürhunde wurden eingesetzt. Selbst der Wasserstand des nahen Flüsschens Nuthe wurde abgesenkt. Damit der Grund besser abgesucht werden kann. Hunderte Freiwillige durchkämmten das Wohngebiet. Die Soko Schlaatz hat 300 Stunden Videomaterial vorliegen und tausend Bilder, sie befragte mehr als tausend Anwohner. Elias bleibt verschwunden. Genauso wie die fünfjährige Inga aus Sachsen-Anhalt. Sie wird seit mehr als drei Monaten vermisst. Ein Zusammenhang zwischen beiden Fällen ergab sich bisher nicht. Ungewöhnlich am Fall Elias ist für die Polizei die Tatsache, „dass der Junge in einer recht kurzen Zeitspanne und scheinbar ohne Spuren und Zeugen verschwunden ist“. Was könnte Elias zugestoßen sein? Für die Ermittler ist ein Verbrechen am wahrscheinlichsten. Es könnte ihm aber auch ein Unglück zugestoßen sein. Dass der Junge weggelaufen ist, glaubt die Polizei nicht.

Kritik auch intern

Auch innerhalb der Polizei sorgt für Kritik, dass die Führung der Soko in knapp fünf Wochen dreimal neu besetzt worden ist. Der Brandenburger Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Andreas Schuster sagte am Mittwoch auf Anfrage der Berliner Morgenpost: „Der ständige Führungswechsel in der Soko wird auch innerhalb der Kollegenschaft besprochen und kritisiert.“ Dieses Hin und Her wäre nicht notwendig gewesen. „Man hätte das anders organisieren müssen“, so Schuster. Er stellte aber auch heraus, dass der Apparat trotzdem funktioniere. „Die Polizei ist hierarchisch aufgebaut. Wenn jemand krank ist oder in Urlaub geht, muss abgesichert sein, dass die Truppe führungsfähig ist.“ Das sei bei der Soko Schlaatz der Fall. Die Kollegen in der Soko hätten vielfach Tag und Nacht gearbeitet und alles bei der Suche nach Elias gegeben „Hier hat man sich aber taktisch unklar verhalten“, stellt Schuster fest.

Unverständnis bei freiwilligen Helfern

Bei den vielen freiwilligen Unterstützern, die ihre Suche längst enttäuscht abgebrochen haben, stößt die unglückliche Soko-Urlaubsplanung zum Teil auf völliges Unverständnis. „Wir sind echt enttäuscht“, sagte eine Helferin. Mehr als 15.000 Menschen hatten sich der Gruppe „Suche Elias“ angeschlossen. Die Suche auf Facebook war nach dem Verschwinden Elias von einer Freundin der Mutter des Jungen gestartet worden. Auf Bitte der Mutter wird die Facebook-Gruppe zum 1. September aufgelöst.