Aussterbender Beruf

Hirten dringend gesucht – Brandenburg gehen die Schäfer aus

Arno Laube ist mit seinen 73 Jahren einer der ältesten Schäfer Brandenburgs. Er sorgt sich um die Zukunft seiner Zunft und ärgert sich nicht nur über die Rückkehr der Wölfe.

Foto: Amin Akhtar

Auf der dicht befahrenen Bundesstraße 1 brettern Autos und Lkw aneinander vorbei. Es ist werktäglicher Berufsverkehr bei Rüdersdorf (Märkisch-Oderland). Keine drei Kilometer entfernt ist auf einem Feld bei Hennickendorf vom Stress dieser Welt nichts zu spüren. „Hier könn’Se Urlaub machen“, lacht Arno Laube. Er selbst würde das gern mal wieder tun. Doch Laube muss seine Schützlinge im Zaum halten. Rund 700 Merino-Schafe nennt er sein eigen.

Mit dieser Tierzahl hält der gebürtige Niederschlesier nicht nur eine der größten Herden Brandenburgs. Mit seinen 73 Lebensjahren zählt er auch zu den ältesten hauptberuflichen Schäfern Ostdeutschlands. Vor genau 50 Jahren begann er seine Arbeit in der heutigen Schäferei Tasdorf (Märkisch-Oderland).

Doch um seine Zunft macht sich Arno Laube Sorgen. „Ich habe hier zwar Helfer, aber ein Nachfolger ist nicht in Sicht“, seufzt er. Es stehe in den Sternen, wie lange er den Job noch machen kann: „Morgen ist vielleicht schon alles vorbei. Was wird dann aus den Tieren?“ Der Ostbrandenburger wendet sich wieder der Herde zu. Sein eindringliches „Komm, komm, komm“, befolgen die Tiere aufs Wort. Von wegen Schafe sind doof. Die Hütehunde „Hexe“ und „Fritz“ tun ihr Übriges.

Sympathieträger, aber offenbar ohne Lobby

Seine wolligen Vierbeiner seien nicht nur Sympathieträger, sondern auch nützlich. Schafe grasen in Brandenburg Felder ab und halten durch ihren Verbiss die Grasnarbe auf Flussdämmen konstant kurz, so Laube. Für die Deichpflege an der Oder sei dies unerlässlich.

So wie Arno Laube gehe es vielen Berufskollegen, sagt Knut Kucznik, Chef des Schafzuchtverbandes Berlin-Brandenburg. Der Wegfall der Mutterschaf-Prämie sowie Kürzungen von Zahlungen für die Landschaftspflege treffe die Schäfer hart. „Das Land bezahlt die Arbeit der Schäfer nicht kostendeckend“, so Kucznik. Nur noch rund 30 Prozent der Erlöse würden über die Lammvermarktung erzielt. Da sei es kein Wunder, wenn weit und breit kaum Schäfernachwuchs in Sicht ist. „Nicht nur die Zahl hauptberuflicher Schäfer, auch der Schafbestand selbst sinkt seit Jahren“, sagt der Verbandsvorsitzende, selbst Schäfermeister in Altlandsberg (Märkisch-Oderland). Allein vom Schafehüten könne man heute kaum noch leben. Zogen 1989 auf heutigem Brandenburger Gebiet noch rund 109.000 Mutterschafe durchs Land, so sind es laut Potsdamer Landwirtschaftsministerium heute unter 80.000.

Es zählt, wer die schönsten Fördermittelanträge stellt

„Wir müssen aufpassen, dass wir paar Schäfer nicht zur Folkloretruppe verkommen“, mahnt Arno Laube. Er fühlt sich vom Land seit Langem im Stich gelassen. Selbst Imker hätten eine größere Lobby, schimpft er. „Man sieht mit offenen Augen zu, wie wir draufgehen“, nimmt Laube, der mit seiner Frau in Rehfelde lebt, kein Blatt vor den Mund. Heutzutage zähle offenbar nicht mehr, wer die schönsten Schäfchen habe, sondern wer die schönsten Fördermittelanträge stelle. Und auch dieses Prozedere sei oft vergebene Liebesmüh, redet sich der Hirte in Rage.

Dennoch würde er den Beruf immer wieder ergreifen. „Das war schon als Kind meine Welt: Draußen sein und mit Viehzeug umgehen“, erklärt der Mann, der sich noch nicht aufs Altenteil zurückziehen mag. Dabei übt er einen Knochenjob aus – gerade jetzt in der rund achtwöchigen Lammzeit. „Bis zu 25 Lämmer erblicken pro Tag das Licht der Welt. Da geht es oft auch nachts raus.“ Ansonsten klingelt der Wecker bei den Laubes gegen 6 Uhr. 16 Stunden kann ein Arbeitstag schon dauern.

Einbürgerung des Wolfes für Laube ein Fehler

„Wir machen ja fast ganz Ostbrandenburg unsicher“, lacht Arno Laube. Mit seinen Tieren zieht er schon mal bis ans Oderbruch heran. Früher ging es sogar bis in die Uckermark. Das Klischee vom „dösenden Schäfer“ stimme zwar nicht, aber Zeit zum Nachdenken bleibe auf den Touren schon. „Ich grübele über alles mögliche nach, wenn ich unterwegs bin: über die Ukraine, Putin, mögliche Stromausfälle in unserem Haus oder über Wölfe.“

Beim Thema Wolf kommt der Schäfer wieder in Fahrt. „Die Einbürgerung des Raubtiers Wolf in unserer Region ist ein Fehler. Das Landesumweltamt sieht das mehr als eine Spur zu locker.“ Aber mit Brandenburger Schäfern könne man es ja machen, winkt Laube ab. Er warte nur darauf, dass mal etwas passiert, seine Tiere vom Wolf aufgehetzt Richtung Hauptstraße flüchteten und einen Verkehrsunfall verursachten. „Dann wird das Geschrei groß sein“, mutmaßt Laube.

Im Brandenburger Landwirtschaftsministerium sieht man die Situation dagegen weniger dramatisch. Sprecher Jens-Uwe Schade verweist auf das Fünf-Punkte-Programm des Landes zur Unterstützung heimischer Schäfer. Es beinhalte etwa die Förderung von Herdenschutzhunden gegen Wolfsangriffe. Von 2014 bis 2020 würden 28,5 Millionen Euro Fördergelder u.a. aus EU-Mitteln bereitgestellt. Von 2007 bis 2013 waren es laut Ministerium 18,6 Millionen Euro im Rahmen der Grünlandprogramme.

Dann beginnt es leicht zu nieseln. Laube zieht seinen großen Hut noch tiefer ins Gesicht und zurrt den Ledergurt, an dem er die Hütehunde anleinen kann, fest. Mit seinem zackigen „Komm, komm, komm“ setzt er die Herde wieder in Bewegung. Es geht weiter ostwärts Richtung Müncheberg.