Der aggressive Vogelgrippe-Erreger H7N9 hat sich im größten Teil Chinas ausgebreitet und droht auf andere Länder überzuspringen. Das Virus sei bei Hühnern in dem Land fest etabliert und ein Hauptkandidat für eine Pandemie unter Menschen, mahnt ein internationales Forscherteam unter chinesischer Federführung. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Erreger in anderen Ländern Fuß fasse. Die Wissenschaftler um Yi Guan vom Third People’s Hospital im südchinesischen Shenzhen raten den Behörden in der Fachzeitschrift „Nature“ zu massiven Kontrollmaßnahmen.

Der erste H7N9-Ausbruch im Osten Chinas begann Anfang 2013, schien aber nach wenigen Monaten abgewendet. Doch im Herbst 2013 kehrte der Erreger zurück – weit heftiger als zuvor. Bis Februar 2015 registrierte die WHO 571 Erkrankungen. 212 Patienten starben, meist an Lungenentzündung. Sorge bereite der Umstand, dass H7 einer der wenigen Influenza-Subtypen sei, der sich bei Säugetieren etabliert habe, so die Autoren.

Auch Hühner ohne Symptome können Erreger weitergeben

Um die Entwicklung des Erregers nachzuverfolgen, nahmen die Forscher Tausende Proben, vor allem auf Geflügelmärkten und -farmen, aber auch von erkrankten Menschen. Auf Märkten von fünf chinesischen Provinzen fanden sie den Erreger in drei Prozent der Abstriche aus dem Rachenraum von Hühnern. In Kotproben war das Virus dagegen extrem selten nachweisbar. Bei Hausenten trat es gar nicht auf. Daraus folgern die Wissenschaftler, dass Hühner, die selbst keine Symptome entwickeln, den Erreger über den Rachenraum weitergeben.

Das Virus habe sich bei Hühnern fest etabliert und vor allem entlang von Handelsrouten verbreitet. „Nach den kürzlichen Berichten über H7N9-Infektionen in Xinjiang im Nordwesten von China kommt das H7N9-Virus nun wohl im größten Teil des Landes vor“, schreiben die Forscher. „Angesichts des derzeitigen Verbreitungsmusters ist es nur eine Frage der Zeit, bevor der Geflügelhandel das Virus durch grenzüberschreitende Verkäufe über China hinaus verbreitet.“

Gen-Analysen zeigen, dass die drei Hauptvarianten der zweiten Welle von einem Erreger der ersten Ausbruchsphase abstammten, sich aber in verschiedenen Gegenden abspalteten und verbreiteten. Insgesamt kursieren demnach viele genetisch unterschiedliche Varianten von H7N9. Zudem vermischt sich das Virus mit anderen zirkulierenden Erregern. So fanden die Forscher den Typ H7N6, eine Mischung aus H7N9 und H5N6.

Die Wissenschaftler plädieren für Kontrollmaßnahmen – etwa die kontinuierliche Überwachung des Virus, eine dauerhafte Schließung von Märkten mit Lebendgeflügel, die Einrichtung zentraler Schlachtstellen und im Falle eines größeren Ausbruchs ein Transportverbot. Andernfalls müsse man mit einer großen Zahl von Infektionen bei Menschen rechnen. H7N9 sei der Hauptkandidat für eine Vogelgrippe-Pandemie.

Thorsten Wolff vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) sieht in der Studie eine Momentaufnahme der derzeitigen H7N9-Situation, sie biete keinen akuten Grund zur Sorge. „Um eine Pandemie auszulösen, müsste sich der Erreger unter Menschen verbreiten“, sagt der Virologe. „Dafür gibt es derzeit keine Hinweise, Gott sei Dank.“ Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation liegt die Sterblichkeit unter den bekannt gewordenen Fällen bei knapp 40 Prozent.

dpa, tal