Bombenentschärfung

Erfolgreiche Entschärfung - Verkehr in Potsdam rollt wieder

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Andreas Gandzior und Gudrun Mallwitz

Foto: Georg-Stefan Russew / dpa

Nach einem Bombenfund am Potsdamer Hauptbahnhof war der Verkehr stundenlang lahmgelegt. Rund 10.000 Menschen wurden in Sicherheit gebracht. Am Abend wurde der Blindgänger erfolgreich entschärft.

Seinen Weihnachtsurlaub hat sich Sprengmeister Mike Schwitzke verdient. An seinem vorletzten Arbeitstag musste der Spezialist vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg einen gefährlichen Einsatz in der Potsdamer Innenstadt meistern. Auf den 43-Jährigen wartete am Donnerstag eine 250 Kilogramm schwere US-amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Bauarbeiter hatten den Blindgänger bei Baggerarbeiten für den Neubau der Landesinvestitionsbank nahe dem Potsdamer Hauptbahnhof in die Höhe gehoben. Versehentlich, mit der Baggerschaufel.

„Kurz vor 9 Uhr bekam ich den Anruf“, sagte Schwitzke der Berliner Morgenpost. „Mir war sofort klar: Die Bombe wurde bewegt, also können wir mit der Entschärfung nicht warten.“ Die Entscheidung, so rasch zu handeln, habe er bislang erst zweimal gefällt. „Es wäre einfach zu gefährlich, zu warten“, sagte der erfahrene Sprengmeister. Gegen 13.45 Uhr traf der Experte am Fundort an der Babelsberger Straße ein. Kurz danach auch sein Assistent Steffen Seliger. Um 16 Uhr wollten die beiden Männer mit der Entschärfung beginnen. Da sich einige wenige Bewohner weigerten, ihre Wohnung zu verlassen, konnte erst am Abend mit der Entschärfung begonnen werden. Um 18.01 Uhr teilte die Stadtverwaltung Potsdam schließlich mit, dass die Evakuierung des Sperrkreises abgeschlossen sei. Der Sprengmeister habe mit der Entschärfung begonnen. Gut 40 Minuten später kam die Entwarnung.

Es war nicht das erste Mal, dass in Potsdam eine Bombe entdeckt wurde. Das Besondere dieses Mal war, dass alles so schnell gehen musste. Vor der Entschärfung der Bombe stand die Landeshauptstadt vor einer „großen logistischen Herausforderung“, wie es Rathaus-Sprecher Jan Brunzlow nannte. Binnen weniger Stunden musste um den Fundort ein Sperrkreis mit einem Radius von 800 Metern an der Babelsberger Straße eingerichtet werden. Mehr als 500 Helfer der Stadt Potsdam, Einsatzkräfte der Feuerwehr, der Bundespolizei und der Polizei sorgten dafür, dass knapp 10.000 Menschen innerhalb kurzer Zeit ihre Wohnungen, Büros und Geschäfte verließen. „In dem Sperrkreis befinden sich drei Pflegeheime“, sagte Christine Weber, Sprecherin der Einsatzzentrale im Rathaus Potsdam. „Es mussten viele alte und zum Teil bettlägerige Personen mit Krankenwagen transportiert werden.“

Sitzung im Landtag unterbrochen

Im Sperrkreis lagen auch der Hauptbahnhof, die Lange Brücke – und der Landtag im Stadtschloss. Dort musste eine aktuelle Sitzung abgebrochen werden. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verließ wie alle Mitarbeiter die Staatskanzlei. Der Bahnverkehr war während der Entschärfung zwischen S-Bahnhof Babelsberg und Bahnhof Charlottenhof unterbrochen. Zwischen Platz der Einheit und der Haltestelle Am Friedhof fuhren regulär keine Straßenbahnen und Busse. Allerdings brachten die Bahnen die Bewohner noch aus der Sperrzone. „Zwischen 13 Uhr und 14.30 Uhr hielten keine Züge mehr am Hauptbahnhof Potsdam“, sagte ein Bahnsprecher. „Von 14.30 Uhr an war dann der Zugverkehr komplett eingestellt.“ Aus Berlin kommende S-Bahnen der Linie S7 fuhren nur bis Babelsberg, von Wannsee aus nur alle 20 Minuten.

„Ausgerechnet heute habe ich mein Auto stehen lassen und wollte mit der Straßenbahn zur Arbeit im Luftschiffhafen“, sagte die Potsdamerin Jutta Braun. „Ich werde mir jetzt ein Taxi rufen.“ Rechtsanwalt Götz von Randow kam in den Mittagsstunden mit dem Fahrrad zum Bahnhof und stand nun vor verschlossenen Türen. „Ich wollte mit der Bahn nach Berlin zum Zoo“, sagte er. „Vielleicht radle ich jetzt nach Berlin.“ Er beschloss, mit dem Fahrrad zunächst nach Babelsberg zu fahren. „Ich hoffe, von dort fährt die S-Bahn.“ Diese Frage beschäftigte auch viele andere betroffene Passanten. Doch die Ordner an den Absperrungen konnten sie nicht so recht beantworten. „Die Aktion kommt einfach zu überraschend“, sagte einer von ihnen. Gelassen zeigten sich Cordula Sasse und ihre Mitarbeiterin Alice Radatz. Sie machten die Damenboutique Favours in den Bahnhofspassagen zu und verließen den Sperrkreis. „Wir laufen jetzt in die Stadt, gehen Kaffeetrinken und ein wenig bummeln“, sagte Cordula Sasse. Um 13.25 Uhr war der Hauptbahnhof komplett evakuiert. Haustechniker Martin Lucke: „Ich habe gerade alles überprüft. Wir haben niemanden mehr angetroffen, auch nicht in der Tiefgarage.“

Die Straßen waren schon abgeriegelt. Da rannte ein junger Mann Richtung Hauptbahnhof. „Lasst mich“, schrie er, „ich muss nach Berlin, zur Arbeit“. Als die Polizisten ihn stoppten, stieß er wüste Beschimpfungen aus. Die Beamten nahmen ihn vorläufig fest. Von den Sperrungen war die gesamte südliche Innenstadt betroffen.

Um 18.48 Uhr war die Gefahr gebannt. Schwitzke hatte die Fliegerbombe entschärft. Mit einer SMS benachrichtigte er seine Ehefrau über seine erfolgreiche Arbeit. Das macht er immer so.

Foto: Stadtverwaltung Potsdam