Auf der Autobahn 12 stehen seit gestern neue, braune Schilder am Fahrbahnrand. „Autobahn der Freiheit“ ist darauf in weißen Buchstaben geschrieben. Die Namensgebung geht auf eine Initiative Polens zurück. Anfang Juni hatten der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck die neu gebaute polnische Autobahn zwischen Warschau und der Oder so benannt. Am gestrigen Donnerstag nun, anlässlich des 25. Jahrestages der Montagsdemonstrationen in Leipzig, erfolgte die Ergänzung auf deutscher Seite.
Insgesamt 24 Schilder mit dem neuen Namen stehen nun auf der insgesamt 560 Kilometer langen Strecke zwischen Berlin und Warschau, fünf davon auf deutscher Seite. Die Autobahn sei damit ein „Symbol der Wiedervereinigung unseres Kontinents“, sagte die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Katherina Reiche, gestern bei der feierlichen Enthüllung im Beisein von Vertretern Polens. Die länderübergreifende Infobeschilderung erinnere an die friedliche Überwindung des Eisernen Vorhangs vor 25 Jahren.
Für viele Pendler dürfte die Namensgebung befremdlich anmuten – bietet die nur 58 Kilometer lange Ost-West-Trasse zwischen der Grenze zu Polen und dem Berliner Ring doch eher ungewollten Nervenkitzel als grenzenlose Freiheit. Immer wieder kommt es auf der Autobahn zu schweren Auffahrunfällen – Tendenz steigend. Das belegt die Unfallstatistik der Polizei: In den ersten neun Monaten dieses Jahres gab es auf den 58 Kilometern 291 Unfälle mit fünf Toten und 51 Verletzten. An jedem zweiten Unfall waren Lastwagen beteiligt. Im Vergleichszeitraum der Vorjahre waren es weniger: 2013 lag die Unfallzahl bis September bei 268 mit vier Toten und 48 Verletzten, im gesamten Jahr bei 391, in den ersten neun Monaten 2012 bei 180 mit drei Toten und 35 Verletzten, im Gesamtjahr bei 323. Im Volksmund wird die A12 daher „Todespiste“ genannt.
Unterbau aus den 30er-Jahren
Aufgrund des stark gestiegenen Waren- und Reiseverkehrs, vor allem seit dem EU-Beitritt Polens vor zehn Jahren, müssen Autofahrer auf der Hut sein, um nicht unter die Räder zu kommen. Erst recht, wenn Baustellen die Lage noch unübersichtlicher machen. Seit 21 Jahren wird an der Erneuerung der Trasse gearbeitet. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens staut es sich bei der geringsten Gelegenheit: Ein Pannenauto blockiert etwa die rechte Spur oder ein Laster hat Ladung verloren. In kürzester Zeit geht nichts mehr. Denn die rechte Spur gehört den Transportern, die oft Stoßstange an Stoßstange über die A12 rollen. Im vergangenen Jahr wurden drei Millionen mautpflichtige Lastwagen registriert. Gibt es ein Hindernis, müssen die Laster auf die linke Spur ausweichen, bremsen damit schneller fahrende Autos aus. So ein Stau ist plötzlich da – noch bevor Polizei oder elektronisches Leitsystem reagieren und warnen können. Und im Nu ist die Autobahn dicht.
Zum Erliegen kommt der Verkehr auch bei schweren Unfällen, die häufig im Baustellenbereich passieren – die Bergungsteams brauchen Stunden, um an den Unfallort heranzukommen. Bis zum Jahr 2018 wird auf 17 Kilometern gebaut – für rund 51 Millionen Euro lässt der Bund zusätzliche Standstreifen errichten. Dafür muss die A12 bei laufendem Verkehr grundhaft ausgebaut werden, denn der Unterbau stammt teilweise noch aus den 30er-Jahren, der Entstehungszeit der Autobahn. Eine tatsächliche Kapazitätserweiterung der bisher vierspurigen Transitstrecke gibt es nicht – obwohl seit Jahren von Regionalpolitikern, Verkehrsverbänden und Unternehmern gefordert.
Zahl der Fahrzeuge könnte sich verdoppeln
Denn laut Verkehrsprognosen wird sich die Anzahl der Fahrzeuge auf der wichtigsten Ost-West-Trasse bis zum Jahr 2025 mindestens verdoppeln. Die Belastungsgrenze liegt bei 66.000 Fahrzeugen täglich, derzeit rollen pro Tag rund 38.000 Wagen über die A 12. 27 Prozent davon sind Lkw. Das Land Brandenburg hat einen sechsspurigen Ausbau als Antrag für den Bundesverkehrswegeplan 2015 bis 2020 eingereicht, der Bundestag aber hat sich mit dem Thema noch nicht befasst.
Ein weiteres Hindernis sind vier neue Brücken, die über die A 12 gebaut wurden – die Viadukte sind zu schmal für eine sechsspurige Autobahn, können nachträglich nicht verbreitert werden. Immerhin sind die Standspurbauarbeiten im Abschnitt zwischen den Auffahrten Storkow und Fürstenwalde-West in Richtung Grenze seit dem gestrigen Donnerstag beendet. Vor einer Woche war der Abschnitt zwischen dem Dreieck Spreeau und Storkow freigegeben worden. In Richtung Berlin gibt es nach Angaben des Landesbetriebes Straßenwesen bis Ende Oktober Einschränkungen. In den Wintermonaten wird aufgrund der dann noch höheren Unfallgefahr nicht gebaut. Doch im nächsten Frühjahr geht es mit dem Standstreifenbau in Richtung Berlin weiter.




