Jüdische Gemeinde

Die Ukraine, Potsdam oder doch Israel – Was ist die Heimat?

Die Jüdische Gemeinde Potsdam lebt neu auf: In dem Jugendklub „Lifroach“ trifft sich die junge Generation – zu Vorträgen oder auch mal zur Diskonacht. Die Frage, was für sie Heimat ist, verbindet sie.

Foto: Amin Akhtar

In der Straße, die an den kommunistischen Atheisten Werner Seelenbinder erinnert, ist der Glaube zu Hause. Auf grauer Fassade zeichnen sich die Umrisse der einstigen Garnisonkirche ab. Regelmäßiger Treff für Christen, die sich für den Wiederaufbau des Gotteshauses engagieren. Nur wenige Meter davon entfernt ist ein Eisentor, das ein Gewerbeareal samt Barackenbau abriegelt. An den Gitterstäben hängt ein weißes Schild mit einem siebenarmigen Leuchter. Hier hat die „Jüdische Gemeinde der Stadt Potsdam“ ihren Sitz.

Der Flachbau, Relikt aus DDR-Zeiten, wirkt wie ein Fremdkörper zwischen Potsdams historisch aufgehübschter neuer Mitte. Es ist die siebte Unterkunft, die die Gemeinde seit ihrer Gründung 1996 bezogen hat. Kein Ort zum Wurzeln, „aber besser als die vorherigen Standorte“, kommentiert Gemeindevorsitzender Michail Tkach. „Wird die geplante Synagoge realisiert, sind wir endlich angekommen“, sagt der 75-Jährige. Wann das sein wird, mag er nicht vorhersagen. Der Streit zwischen den drei Gemeinden, die Anspruch auf optische Gestaltung und Nutzung der neuen Synagoge erheben, tobt.

Im Erdgeschoss befindet sich ein schmaler Raum. 16 Tische in Dreierreihen, davor Pult und Schrank in Nussbaum. „Unsere Synagoge“, sagt Tkach. Er dreht den Schlüssel des Schrankschlosses, gibt den Blick auf den Schatz der Gemeinde frei. Zwei Thorarollen. Die erste sei mehr als 300 Jahre alt. Die zweite habe er erst jüngst in Israel erworben. Dort habe er sie günstiger bekommen als in Deutschland.

Jugendclub „Lifroach“: Gemeinsam kulturelle Wurzeln stärken

Über viel Geld verfügt die Gemeinde nicht. Vor ihm auf dem Tisch der Talmud. Alle Ausgaben in zwei Sprachen. Hebräische Gebete, ins Russische übersetzt. „Die wenigsten unserer Mitglieder können die Sprache Israels.“ Die Gemeinde mit ihren 400 Mitgliedern ist Sammelbecken jüdischer Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion.

Die Nähe zur Hauptstadt sei ein Glücksfall. Auch wegen der jüdischen Schule und des jüdischen Kindergartens in Berlin. Der Versuch, eine eigene jüdische Kita aufzuziehen, sei gescheitert. Viele Kleinkinder gebe es sowieso nicht mehr. Die Hälfte der Gemeindemitglieder hat die 50 überschritten. Tkach selbst ist Mutter, Schwester und Tochter erst 2000 gefolgt.

Die Arbeit in der Gemeinde trage ihn. Für 18 Ärzte und zwölf Krankenschwestern stellte er ein Weiterbildungsprojekt auf die Beine. „Unsere Kinder müssen sich nicht mehr mit diesen Problemen herumschlagen“, sagt er erleichtert. Die sprechen längst akzentfrei Deutsch wie Russisch. Haben ihren Schulabschluss in der Tasche. Etliche studieren. Und halten Kontakt zur Gemeinde.

„Lifroach“ haben sie ihren Jugendclub genannt. Im Oktober 2011 auf eigene Initiative gegründet. Immer sonntags kurz nach dem Mittagessen finde man sich ein, erzählt Roza Alkhasova, 21. Nicht um abzuhängen. „Wir bereiten Themen vor, halten Vorträge, diskutieren.“ Es soll gedacht werden, auch gelacht. Die Studentin schmunzelt. „Natürlich haben wir hier auch schon eine Disco organisiert.“ Eher Ausnahme als Regel. Vor elf Jahren sei sie mit ihrer Familie nach Potsdam gekommen.

„Wir wollen uns mit unserer jüdischen Kultur beschäftigen“

„Ein jüdisches Leben, in dem sich Jugendliche wiedergefunden hätten, gab es hier nicht.“ Das hat sich geändert. Auf dem Tisch die gleichen Israel-Fähnchen wie bei Gemeindechef Tkach. Auch das gleiche Ansinnen. „Wir wollen uns mit unserer jüdischen Kultur und Geschichte beschäftigen, unser Wissen, Normen und Werte an die Jüngeren vermitteln“, sagt der 20-jährige Alexej Scheremetjew. Die Jugendlichen nehmen das Angebot an. 30 Mitglieder zwischen sechs und 25 Jahren hat der Klub. Für Scheremetjew nur der Anfang. „60 Prozent aller russischen Einwanderer haben jüdische Wurzeln.“

Zu seinen habe er erst mit 16 gefunden. Eher zufällig. Seine Eltern hätten ihn in ein jüdisches Ferienlager geschickt. Da sei der Funke übergesprungen. „Gerade auch im Alltag will ich mein Judentum leben.“ Eine Pizza beim Lieferdienst bestellen, wenn es abends spät wird? „Sicher, aber ich fühle mich mittlerweile unwohl, wenn ich nicht koscher essen kann.“ Kompromisse gehören manchmal dazu. „In meinem Studiengang wissen alle, dass ich Jude bin.“ Die Kippa trage er dort trotzdem nicht. „Obwohl ich Chemie, nicht Politikwissenschaften studiere.“

Die Kritik an Israel, die ihm in der Uni immer wieder zu Ohren komme, habe ihn verunsichert: „Der Grat zum Antisemitismus ist schmal.“ Ungarn, Norwegen, Schweden – rechte Parteien würden dort ungehemmt antisemitisch auftreten, stimmt Boris Silbermann, 22, zu. Aber über Politik diskutiere man üblicherweise nicht im Jugendklub. Obwohl ihn sein Sprachenstudium fordert, gehört auch er zum Lifroach-Stammpersonal. Mit zehn Jahren kam er nach Potsdam. Was für ihn Heimat sei – die Ukraine, Potsdam, Israel? „Die Frage treibt uns alle um.“