Ludwigsfelde

Keine Zweifel an der Schuld des Ex-Bürgermeisters Scholl

Richter sehen in den Eheproblemen und jahrelangen Demütigungen das Hauptmotiv für Heinrich Scholl, seine Ehefrau umgebracht zu haben. Der ehemalige Bürgermeister erhielt eine lebenslängliche Strafe.

Foto: Marc Tirl / dpa

Als Heinrich Scholl noch ein angesehener und durchaus beliebter Bürgermeister von Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) war, wurde er von der Bevölkerung oft und gern König Heinrich genannt. Seither ist einige Zeit vergangen und viel geschehen im Leben des heute 70-Jährigen. Aus dem König wurde inzwischen ein in erster Instanz verurteilter Mörder. Das Landgericht Potsdam verhängte gegen ihn am Dienstag wegen Mordes an seiner Ehefrau eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Am Ende des siebenmonatigen Prozesses blieben alle Unschuldsbeteuerungen von Scholl vergeblich. Für die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Frank Tiemann gab es keine ernsthaften Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Das Gericht folgte mit seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Anwälte des 70-Jährigen hatten hingegen Freispruch gefordert. Als Begründung führten sie erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit mehrerer Zeugen an.

Der Schuldspruch war allgemein erwartet worden, galt aber keineswegs als sicher. So hatten sich mehrere Zeugen, die Scholl zur ermittelten Tatzeit am Tatort gesehen haben wollten, in Widersprüche verstrickt. Ein Zeuge gab vor Gericht an, er habe den Angeklagten etwa zur Tatzeit im Wagen seiner Ehefrau gesehen, als er auf dem Rückweg von einem Besuch bei seinem Zahnarzt war. Recherchen ergaben allerdings, dass die Praxis an dem Tag geschlossen war. Andere Zeugen brachten bei ihren Angaben wiederholt Tage und Uhrzeiten durcheinander.

In der Öffentlichkeit erfolgreich, privat ein Pantoffelheld

Die Widersprüche waren für die Richter vor allem Ausdruck von Nervosität bei einem ungewohnten Auftritt in einem Mordprozess. Und außerdem dem langen Zeitraum zwischen der Tat und dem Beginn des Prozesses geschuldet. Weitaus größeres Gewicht maß die Schwurgerichtskammer bei ihrer Entscheidung den DNS-Spuren an dem Schnürsenkel bei, mit dem Brigitte Scholl erdrosselt wurde. Von Bedeutung für den Schuldspruch war zudem, dass der Angeklagte für die Tatzeit kein Alibi, wohl aber ein Motiv für die Tötung seiner Ehefrau hatte.

Denn der von der Öffentlichkeit mit Spannung verfolgte Prozess hatte Details aus dem Privatleben des Angeklagten offenbart, die zuvor kaum bekannt waren. In seiner Zeit als Bürgermeister galt Scholl als engagierter, zupackender und auch erfolgreicher Kommunalpolitiker. 18 Jahre lang, von 1990 bis 2008, hatte er die Geschicke der Stadt gelenkt, ein Macher, der vieles bewegte.

In der Ehe hingegen war Scholl offenbar das, was man gemeinhin als Pantoffelheld bezeichnet. Vor allem wegen seiner Körpergröße von nur 1,60 Meter war der Angeklagte zahlreichen, teilweise auch öffentlichen Demütigungen seiner dominanten Ehefrau ausgesetzt. Vor allem hierin sahen die Richter das hervorstechende Tatmotiv.

Keine Zweifel an Täterschaft Scholls

Der Angeklagte habe jahrelang die Erniedrigungen durch seine Frau ertragen, sie schließlich aber loswerden wollen und das Vorhaben bei einem Spaziergang umgesetzt, sagte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung. Dabei gebe es keinen Zweifel, dass der Angeklagte seine Ehefrau heimtückisch tötete. Das Opfer sei arg- und wehrlos gewesen, damit sei ein entscheidendes Mordmerkmal erfüllt, so Tiemann.

Kaum jemand in Ludwigsfelde wäre auf den Gedanken gekommen, Heinrich Scholl zu verdächtigen, als am 30. Dezember 2011 die Leiche der Ehefrau vom Angeklagten selbst gefunden wurde. Heinrich Scholl hatte die 67-Jährige am Tag zuvor als vermisst gemeldet, war von der Polizei aber zunächst vertröstet worden. Daraufhin machte er sich mit seinem Stiefsohn und einem Bekannten selbst auf die Suche.

In einem nahe dem Haus der Familie gelegenen Waldstück, in dem Brigitte Scholl regelmäßig mit ihrem Hund spazieren ging, machten die drei Männer schließlich die schreckliche Entdeckung. Das mit einem Schnürsenkel erdrosselte Opfer war weitgehend unbekleidet und notdürftig mit Laub abgedeckt. Für die Richter ein Beleg, dass Scholl ein Sexualdelikt vortäuschen wollte. Vier Wochen nach der Tat wurde der Ehemann unter dringendem Verdacht verhaftet.

Verteidigung prüft Revision

Scholl bestritt von Anfang an die Vorwürfe, gab sich kämpferisch und ließ sogar Anzeigen schalten, in denen nach Zeugen gesucht wurde. Danach schwieg er, bis zum Ende des Prozesses. Der begann im Oktober vergangenen Jahres. An 29 Verhandlungstagen wurden mehr als 100 Zeugen vernommen und sieben Gutachter gehört. Dabei wurden weitere pikante Details über den Angeklagten bekannt. Nicht nur über ständige Erniedrigungen durch seine Frau berichteten Zeugen.

Die Rede war auch von einer Beziehung zu einer Rathausmitarbeiterin sowie einer thailändischen Geliebten, mit der sich Scholl eine Wohnung in Zehlendorf genommen hatte. Und von einem Buch, in dem er erotische Fantasien offenbarte. Hinzu kamen finanzielle Probleme des Angeklagten, die Liaison mit der Geliebten war kurz und kostspielig.

Scholl nahm das Urteil am Dienstag äußerlich gefasst auf. Wie es in ihm aussah, lässt sich nur erahnen. Denn für einen 70-Jährigen bedeutet „lebenslänglich“ in der Tat lebenslänglich. Noch aber steht ihm und seinen Verteidigern der Weg in die Revision offen. Den prüfen die Anwälte offenbar gerade. Prozessbeobachter halten es für nahezu sicher, dass die Prüfung positiv ausfällt.