Nach einem Aufsehen erregenden Prozess ist der ehemalige Bürgermeister der brandenburgischen Kleinstadt Ludwigsfelde, südlich von Berlin wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden.
Das Landgericht Potsdam sprach den 70-jährigen Heinrich Scholl am Dienstag schuldig, im Dezember seine Ehefrau erdrosselt zu haben.
Die Richter folgten damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Verteidigung hingegen hatte zuvor auf Freispruch plädiert. Scholl selbst hatte in den vergangenen Monaten immer wieder seine Unschuld beteuert.
Mehr als 100 Zeugen angehört
Dem Urteil war ein sieben Monate dauerndes Verfahren vorausgegangen. An insgesamt 31 Verhandlungstagen hörte das Gericht mehr als 100 Zeugen und sieben Sachverständige. Am Ende konnte die Staatsanwaltschaft die Schwurgerichtskammer mit ihrer dichten Indizienkette überzeugen.
Scholl hatte für die Tatzeit kein Alibi, aber ein starkes Motiv. Zudem waren am Fundort der Leiche seiner Ehefrau Brigitte (67+) DNA-Spuren des Angeklagten gefunden worden und mehrere Zeugen hatten ihn zur ermittelten Tatzeit in der Nähe des Waldstückes gesehen, in dem Brigitte Scholl am 30. Dezember 2011 erdrosselt, nahezu unbekleidet und notdürftig mit Laub überdeckt gefunden wurde.
Es war der Angeklagte selbst, der die Leiche fand. Am Tag zuvor hatte er seine Ehefrau als vermisst gemeldet, war von der Polizei zunächst vertröstet worden und hatte sich dann mit zwei Bekannten selbst auf die Suche nach der Verschwundenen gemacht. Er fand sie in einem Waldstück nahe des Hauses der Familie. Vier Wochen später wurde Scholl unter dringendem Tatverdacht festgenommen.
Scholl war 18 Jahre lang Bürgermeister
Der Prozess war in der Region mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Scholl hatte bis 2008 als Bürgermeister 18 Jahre die Geschicke der Stadt gelenkt. Er galt als engagierter Kommunalpolitiker, war beliebt und als "Macher" hoch angesehen.
Der im Oktober vergangenen Jahres begonnene Prozess förderte dann allerdings auch eine andere Seite des Angeklagten zutage. Die Öffentlichkeit erfuhr plötzlich sehr private und auch pikante Details über den Privatmann Scholl.
Kleiner-Mann-Komplex und thailändische Geliebte in Berlin
In der Ehe führte Ehefrau Brigitte das Kommando, der Ehemann litt unter dem Regiment seiner Frau und war nach Aussagen vieler Zeugen in der Verhandlung vor allem aufgrund seiner Körpergröße von 1,60 Meter fortwährenden Demütigungen durch seine Frau ausgesetzt.
Nach seinem Ausscheiden aus der Kommunalpolitik trennte sich der Angeklagte von seiner Frau und bezog mit seiner thailändischen Geliebten eine Wohnung im nahen Berlin. Von der Geliebten hat sich Scholl bereits vor Jahren wieder getrennt, die Ehe hingegen bestand zumindest auf dem Papier weiter fort.
In den ständigen Demütigungen, die ihm seine Frau bisweilen auch in der Öffentlichkeit zufügte, sahen die Richter ebenso wie die Staatsanwaltschaft das Motiv für die Tat. Die Verteidigung hingegen äußerte bis zuletzt Zweifel an der Täterschaft, hielt insbesondere die Aussagen etlicher Belastungszeugen für unglaubwürdig.
Mehrere Zeugen, die Scholl zur Tatzeit am Tatort gesehen haben wollen, verstrickten sich bei der Befragung in der Verhandlung in Widersprüche. Das Gericht zeigte sich am Ende des Verfahrens dennoch überzeugt, dass der Angeklagte die Tat begangen hat. Unter Prozessbeobachtern galt es am Dienstag als sehr wahrscheinlich, dass die Verteidiger des 70-Jährigen in Revision gehen.
Hans H. Nibbrig




