Braune Spree

Wie rostiger Schlamm den Spreewald bedroht

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Gudrun Mallwitz

Foto: Amin Akhtar

Der Spreewald ist ein gefährdetes Paradies: Eine rotbraune Brühe aus alten Tagebauen belastet das Gebiet. Eine ökologische und eine touristische Katastrophe droht. Nun startet ein Rettungsprogramm.

Der kleine Naturhafen in Ragow Anfang Mai. Türen und Fenster der Holzbude sind verschlossen. Niemand sitzt auf der Bank, keiner, der wartet, dass die Kahnfahrt los geht. Dabei hat die Saison im romantischen Spreewald eigentlich schon begonnen. Doch die Kähne bleiben leer. Statt der Touristen sind derzeit nur Mitarbeiter des Wasser- und Bodenverbandes in Ragow, einem Ortsteil von Lübbenau. Und ein großer Bagger.

Denn das Wasser, das an das Ufer der Wudritz schwappt, sieht alles andere als einladend aus. Es ist rot-braun. Der Bagger soll diesen rostigen Schlamm aus dem kleinen Flüsschen holen, das nur etwa einen Kilometer weiter in einen Nebenarm der Spree führt. Es handelt sich um eine der vielen Not-Aktionen, die in diesem Frühjahr angelaufen sind, um den nahe gelegenen Spreewald vor der braunen Brühe zu retten. Noch hat sie das touristische Hauptgebiet nicht erreicht.

Die braune Brühe, das ist rostiges Wasser. Die Spree und ihre südlichen Zuflüsse sind mit Eisen und Sulfat belastet – eine Spätfolge der Stilllegung von DDR-Tagebauen in der Lausitz. Durch den Kontakt mit Sauerstoff zerfallen in den aufgeschütteten Kippen die Minerale Pyrit und Markasit in Eisenhydroxid und Sulfat. Beides wird mit steigendem Grundwasser in die Flüsse geschwemmt. Da im Spreewald das Wasser nur sehr langsam fließt, setzt sich der Eisenocker ab – so färbt der Rost auch die Wudritz braun. „Das sieht hier schon seit mindestens drei Jahren so aus“, sagt Marina Glohna. Sie wohnt seit fast 20 Jahren direkt am Hafen in Ragow, von ihrem Haus aus blickt die 52-Jährige auf das Flüsschen. Der Rost hat sich mittlerweile überall abgesetzt. Im Wasser, auf den Kähnen, an den Holzplanken des Steges.

Belastung mit historischem Ausmaß

Jahrelang schien das Problem niemanden so recht interessiert zu haben. Plötzlich aber sind sie alle nervös. Auch die Politiker – und die Lausitzer- und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV, eine Bundesgesellschaft, die für die Sanierung der Tagebaue aus der ehemaligen DDR verantwortlich ist. Jetzt, wo dem Spreewald nicht nur eine ökologische, sondern auch touristische Katastrophe droht. Sagen diejenigen, die seit Jahren vor Ort um Aufmerksamkeit für das Problem kämpfen.

In den Jahren 2010 und 2012 legten Experten alarmierende Studien vor. Die sogenannte Verockerung der Flüsse habe sich seit 2009 „zu einem Dauerzustand entwickelt”, heißt es auch in der jüngsten Analyse des Dresdner Instituts für Wasser und Boden im Auftrag der LMBV. Die Belastung habe ein historisches Ausmaß erreicht. Kilometer für Kilometer schwemmt es die Ablagerungen flussabwärts, etwa 20.000 Tonnen pro Jahr. Tourismusanbieter, Hotelbetreiber, Naturschützer und Vereine haben sich in dem Aktionsbündnis „Saubere Spree“ zusammengetan. Auch die Städte Lübbenau, Spremberg, Lübben und Vetschau sind Mitglieder.

Nur wenige Wochen nach der Gründung des Bündnisses Ende vergangenen Jahres hat der Landtag in Potsdam einen Beschluss gefasst, einmütig wie nur selten: Ein Sofortprogramm gegen die Verockerung der Spree müsse her – und das möglichst schnell. Das forderten die rot-rote Koalition und die Opposition von CDU, Grünen und FDP unisono. „Wir waren alle überrascht, wie schnell plötzlich reagiert wurde“, sagt Lübbens stellvertretender Bürgermeister Frank Neumann. Und der zuständige Landrat von Dahme-Spreewald, Stephan Loge (SPD), lobt seinen SPD-Parteifreund und ehemaligen brandenburgischen Umweltminister, Ministerpräsident Matthias Platzeck. „Er hat den Kampf gegen die Verockerung der Spree und ihrer Zuflüsse zur Chefsache gemacht.“ Enttäuscht zeigt sich Loge hingegen über die sächsischen Nachbarn. Denn das meiste Eisen werde aus den sächsischen ehemaligen Tagebauen Richtung Spreewald geschwemmt. „Die Sachsen haben leider eine Vereinbarung zum gemeinsamen Vorgehen für nicht notwendig erachtet.“ Das sächsische Umweltministerium hatte lediglich auf die Verantwortung der länderübergreifend zuständigen Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft verwiesen.

Sulfat könnte Berliner Trinkwasser gefährden

Bis zu drei Millionen Besucher kommen jährlich in das beliebte Ausflugsgebiet und das Unesco-Biosphärenreservat Spreewald. Die braune Brühe gefährdet aber nicht nur den Tourismus. Der Eisenocker-Schlamm ist für den Menschen angeblich ungefährlich, nimmt jedoch Tieren und Pflanzen den Lebensraum. Krebse oder Libellen-Larven verschwinden allmählich. „Das Eisen setzt sich in dem fast stehenden Gewässer auf dem Boden ab, wo Muscheln, Bachflohkrebse und viele andere Tiere leben“, sagt der Leiter des Landesumweltamtes, Matthias Freude. Sterben diese, verlieren die Fische ihre Nahrung. Dann haben auch fischfressende Tiere wie Eisvogel und Fischotter nichts mehr zu fressen. Matthias Freude zufolge hat das Problem der Verockerung den Spreewald viel früher erreicht als gedacht. „2010 gab es so viele Niederschläge, dass das eisenbelastete Grundwasser schnell angestiegen ist“, sagt Freude. Dadurch führten die südlichen Zuflüsse – das Greifenhainer Fließ, das Vetschauer Mühlenfließ und die Wudritz – das dunkelrote Wasser bis in den Spreewald. In Berlin werde das Problem nicht ankommen, sagt Freude. Doch neben dem Eisen wird auch Sulfat aus den alten Gruben in die Spree geschwemmt. Das könnte irgendwann das Berliner Trinkwasser gefährden, warnen Umweltschützer.

Das Anti-Verockerungs-Programm hat nicht nur mit der Schlammentfernung aus der Wudritz begonnen. Alte Wasseraufbereitungs- und Reinigungsanlagen in der Region werden reaktiviert und der Schlamm aus Seen und kleineren Gewässern beseitigt. Bei Vetschau soll eine Grubenwasserreinigungsanlage wieder in Betrieb gehen. Das vor allem den Fischfang bedrohende Eisenhydroxid soll an Talsperren und Abfangriegeln rund um Spree, Kleine Spree und Schwarze Elster aufgefangen werden. „Bis Anfang 2014 stehen neun Millionen Euro zur Verfügung“, sagt der Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, Uwe Steinhuber. Experten für Bergbausanierung schätzen, dass für die Arbeiten etwa 100 Jahre veranschlagt werden müssen. Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Linke) sagt: „Ein Problem, das sich über Generationen entwickelt hat, kann man nicht mit einer Hebelumdrehung beseitigen.“

Schadenersatz erwogen

Wegen der Braunfärbung der Spree durch den Eisenschlamm erwägen Gemeinden an der Talsperre Spremberg inzwischen, Schadenersatz zu fordern. Sollten dadurch Touristen abgeschreckt werden, werde man den Schritt tun, kündigte der Bürgermeister von Neuhausen (Spree-Neiße), Dieter Perko (CDU), diese Woche an. Schäden aus dem Bergbau müssten gemildert oder die Betroffenen entschädigt werden, forderte er im RBB. Geklärt werden müsse noch, ob sich die Ansprüche gegen den Bergbausanierer LMBV oder die Landesregierung richteten.

Der Ragower Fährmann Roland Scherz hätte die Saison mit den Tischkahnfahrten bereits im April beginnen wollen. Doch das machte keinen Sinn. „Ich fahre deshalb gerade Lkw“, sagt er. Von den Touristen allein könne er nicht mehr leben. „Es ist so traurig“, sagt Scherz. Der kleinste Hafen des Spreewaldes wird seit 1996 durch die Familie betrieben. Werner Rosenberger, der Onkel von Roland Scherz, sagt: „Früher gab es hier ganz viele Libellen, man konnte die Muscheln auf dem Grund sehen und ihre Kriechspuren, auch die Fische“, sagt Rosenberger. „Das ist alles weg.“ Wie zur Zeit auch die Touristen. An der Wudritz ruhen jetzt alle Hoffnungen auf dem Bagger.