Grenzgebiet

Polnische Polizei greift bei besetzter Tankstelle nicht ein

Im polnischen Grenzort Krajnik Dolny bei Schwedt blockieren vermummte, bewaffnete Männer eine Tankstelle. Die polnische Polizei schaut dabei nur zu. Und die deutschen Kunden wundern sich.

Foto: Stefan Csevi

Der Anblick ist martialisch: Die polnische Tankstelle der Firma Setpol nahe des Grenzortes Krajnik Dolny gegenüber von Schwedt (Uckermark) ist mit rot-weißem Absperrband umzogen. An der mit einer Autokette blockierten Zufahrt patrouilliert ein halbes Dutzend vermummter Männer in Tarnkleidung, mit Schusswaffen, Gummiknüppeln und Pfefferspray bewaffnet. Sie lassen niemanden auf das Tankstellengelände, weder Mitarbeiter noch Kunden.

Auch Jana Fritzsche und ihre Mutter Brigitte aus Angermünde müssen wieder umdrehen. Die beiden Frauen sind von der Blockade vollkommen überrascht. „Wir tanken hier oft, aber so etwas gab es hier noch nicht“, sagen sie.

Davon, dass die vermummten und bewaffneten Männer die hinter dem Ortsausgang gelegene Setpol-Tankstelle bereits seit Sonntagmorgen besetzt halten und das Personal vom Gelände vertrieben haben, hatten beide Frauen noch nicht gehört.

Pächter pocht auf Vertrag bis 2015

Sebastian Klemm und Chris Hardik aus Schwedt sind da besser informiert. Die beiden 19-Jährigen waren am Sonntag schon einmal da, nachdem sie von der Besetzung gehört hatten. „Das ist doch total spannend, so etwas passiert nicht alle Tage“, meinen die beiden.

Etwa 100 Meter von der abgeriegelten Tankstelle entfernt steht auf der anderen Straßenseite eine Zivilstreife der polnischen Polizei. Die Beamten greifen nicht ein, solange die Situation nicht eskaliert. Bei dem Vorfall an der Tankstelle handele es sich um eine „zivile und nicht kriminelle Auseinandersetzung“ zweier Unternehmer, heißt es von offizieller Seite. In der Tat geht es wohl darum, wer in dem Ort das lukrative Geschäft mit den vor allem deutschen Tanktouristen künftig betreiben darf.

„Wir sind seit sieben Monaten die Inhaber“, sagt Jakub Wolski von der Firma Apexim AB zur Berliner Morgenpost. Er hat die bewaffneten Sicherheitsleute engagiert, sie hören vor Ort auf sein Kommando. Medienberichten zufolge hat er das Gelände von der Gemeinde Kajnik Dolny gekauft. Der bisherige Tankstellen-Pächter von Setpol sollte die Tankstelle demnach räumen, pocht aber auf einen Mietvertrag bis 2015.

Tankstelle bleibt für Kunden gesperrt

„Der Pachtvertrag endete bereits vor vier Monaten“, behauptet hingegen Wolski. „Wir haben den Pächter zweimal angeschrieben und aufgefordert, die Tankstelle zu räumen – vergeblich.“ Nur deshalb habe er nun zu solch drastischen Mitteln greifen müssen.

Bis alles geklärt sei, könne es noch ein paar Tage dauern, kündigt Wolski an. Die Tankstelle wird so lange wohl auch für Kunden gesperrt sein, zumal laut Medienberichten das Benzin aus den Zapfsäulen in einen Tankwagen abgepumpt wurde.

Angst, die Tanktouristen mit dieser Aktion zu vergraulen, hat der neue Inhaber eigenen Angaben nach nicht. „Das ist eine Sache zwischen Eigentümer und Pächter. Wir sehen uns im Recht und setzen das durch“, sagt er. Angst um seine Kunden hat hingegen Pawluk Kazimierz, der seit 1996 einen kleinen Laden mit Zigaretten, Blumen und Obst gleich neben der Tankstelle betreibt.

Es habe wie ein Überfall ausgesehen

„Hier ist derzeit kein Geschäft mehr zu machen, denn alle drehen um, wenn sie nicht tanken können“, klagt er. Normalerweise zähle die Tankstelle mehrere Hundert Kunden am Tag. Am Sonntag sei dort die Hölle los gewesen, sagt Kazimierz. Augenzeugen berichten, es habe wie ein Überfall ausgesehen, als die maskierten Sicherheitsleute mit dem Schriftzug „Security Locus“ auf dem Rücken das Gelände stürmten.

Später hätten sie jedem der bisherigen Tankstellen-Mitarbeiter den Zutritt verwehrt. Irgendwann herrschte Ruhe. Da hätten sich die Wachleute sogar Pizza bestellt, wissen die beiden jungen Schwedter, die immer wieder mal bei der „besetzten“ Tankstelle vorbeischauen.

Sie selbst tanken hier auch sonst nicht, sondern beim Konkurrenten Apexim AB, der nun auch die bisherige „Setpol-Tankstelle“ gekauft haben will. Jana und Brigitte Fritzsche wollen weiterhin zum Tanken kommen. „Die sollen ihren Streit schnellstens austragen. Wer hier der Tankstellenbetreiber ist, ist uns letztlich egal“, sagt Jana Fritzsche.

Mulmiges Gefühl bei martialisch aussehenden Sicherheitsleuten

In der polnischen Grenzstadt Slubice bei Frankfurt/Oder haben Angestellte mehrerer Tankstellen von dem Überfall im 120 Kilometer weiter nördlich gelegenen Krajnik Dolny angeblich noch nichts gehört. Bei deutschen Tanktouristen in Slubice hat sich die fast unglaubliche Aktion schon herumgesprochen.

„So was würde bei uns nicht passieren, hier darf außerhalb des Dienstes oder des Sportvereins niemand eine Waffe tragen“, sagt Wolfgang Sandow, der gerade seinen Tank füllt. Den Beeskower, selbst im Wachschutz tätig, hatte ein mulmiges Gefühl beschlichen, als er die Fotos von den martialisch aussehenden Sicherheitsleuten in der Zeitung gesehen hatte. „Die tragen Splitterschutzwesten, einer hatte offenbar sogar ein Sturmgewehr“, sagt er.

Unverständnis über nicht eingreifende Polizei

Polen sei doch auch in der EU, da müsse Waffenbesitz einheitlich geregelt sein, wundert er sich. „Da kriegt man schon Angst, wenn so etwas passiert“, meint eine junge Frau mit Berliner Kennzeichen. Sie wolle trotzdem weiter günstig in Polen tanken. „Die haben ja den Kunden nichts getan, und ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Vorfall in Slubice geschehen könnte“, meint sie.

Unverständnis äußern Tanktouristen vor allem angesichts der Untätigkeit der Polizei. „Bei einem bewaffneten Überfall würde doch die Polizei einschreiten“, sagt der Frankfurter Thomas Preuß, der eben im Baumarkt in Slubice eingekauft hat. Auch Wachschützer Sandow kann das Verhalten der polnischen Polizei nicht nachvollziehen. „Die hätten schon lange eingreifen müssen.“