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Händler in Falkensee wehren sich gegen Einkaufscenter

Falkensee bietet trotz solventer Bewohner zu wenige attraktive Geschäfte. Die geplante Shopping Mall scheiterte bislang am Widerstand der Einzelhändler. Auch die Politiker sind sich nicht einig.

Foto: Amin Akhtar

Nur wenige Einzelhändler halten durch in Falkensee. Doreen Raschke gehört zu den wenigen. Schon seit 18 Jahren führt sie ihre Boutique an der Poststraße, „Timeless Moden“ heißt es. Das Geschäft nebenan steht derzeit wieder einmal leer. Erst war es ein Dessousladen, dann wurde dort Wein verkauft. Nach drei Jahren gab kürzlich auch der Betreiber des nachfolgenden Blumengeschäfts auf. Dabei ist in der havelländischen Kleinstadt durchaus Geld vorhanden. Viele Besserverdienende sind seit dem Fall der Mauer in das an Berlin-Spandau angrenzende Falkensee gezogen.

Keine Stadt in Deutschland wuchs in so kurzer Zeit so gewaltig. Etwa drei Viertel der inzwischen rund 41.500 Einwohner wohnen erst seit 1990 hier. So beliebt Falkensee als Wohnort ist, eine Einkaufsstadt sieht anders aus. Die Vorstellungen, wie das Zentrum attraktiver werden könnte, gehen weit auseinander. Der jüngste Streit dreht sich um das Areal des früheren Trafowerks an der Schwartzkopffstraße neben dem Real-Markt. Die Frage ist, ob hier ein Einkaufszentrum eröffnen soll oder nicht.

Shopping-Mall soll Besucher locken

Falkensees Bürgermeister Heiko Müller (SPD) verspricht sich von der Shopping Mall, dass sie wieder Kunden nach Falkensee bringt, die jetzt in Berlin und im Havelpark in Dallgow einkaufen. „Der Investor steht schon lange bereit“, sagt er. Der Schwerpunkt des Angebots soll auf Textil- und Elektronikprodukten liegen, außerdem sind Drogerieartikel, Bücher, Heimdekoration und Spielwaren vorgesehen. Doch das Vorhaben scheitert bislang nicht nur am Widerstand der Einzelhändler. Die Interessengemeinschaft Zentrum, eine Initiative zur Belebung der Innenstadt, wendet sich ebenfalls gegen die Pläne.

Selbst in der Stadtverordnetenversammlung war bisher keine Mehrheit dafür zu bekommen. Bei einer Sitzung, bei der nicht genügend Vertreter der Koalition von SPD und CDU anwesend waren, beschlossen die Stadtverordneten mit den Stimmen der oppositionellen Grünen, der FDP und den Linken, dass in dem Center nur Warengruppen verkauft werden dürfen, die es im direkten Zentrum um die Bahnhofstraße herum nicht gibt. Auch dürfe keine gastronomische Einrichtung dort entstehen. Bürgermeister Müller wies diesen Beschluss zurück, worauf ihm die Opposition mangelndes Demokratieverständnis vorwarf. Müller rechtfertigt die „Beanstandung“ mit rechtlichen Bedenken: „Mit diesen Einschränkungen dürfte dort fast nichts mehr verkauft werden.“ Über den Antrag wurde daraufhin erneut abgestimmt, dieses Mal waren genügend von SPD und CDU da. Der ursprüngliche Beschluss gilt nun nicht mehr. „Ich möchte einfach nur, dass Investoren fair behandelt werden“, sagt Müller.

Kaufkraft höher als in Potsdam

Wie es mit dem umstrittenen Projekt weitergeht, ist offen. Zunächst steht eine Verträglichkeitsuntersuchung an. Dabei wird laut Bürgermeister Müller auch untersucht, wie sich das geplante Center auf die bestehenden Geschäfte auswirkt. Das Gebiet, in dem die Shopping Mall liegen soll, gehört laut Müller durchaus noch zum Zentrum. Kritiker hingegen halten diese Zuordnung für einen Trick. Innerhalb eines Gebietes könne es auch keine unzumutbare Konkurrenz geben. Die sieht der Bürgermeister nicht. Ein attraktives Zentrum mit Einzelhandel im Bereich der Bahnhofstraße, wie es vielen immer noch vorschwebt, sei ohnehin nicht zu bekommen. Jedes vierte Haus sei ein ehemaliges Dorfhaus, die Geschäfte liegen teilweise weit auseinander. 14 Grundstücke könnten in dem Bereich zwar noch bebaut werden. Doch nur wenige der privaten Eigentümer hätten derartige Pläne. „Eine signifikante Attraktivität des Zentrums ist nicht zu erwarten“, so Müller. „Träume helfen uns da nicht.“ Die Stadt setze auf Dienstleistungen, Freizeitangebote, Gastronomie und Einzelhandel.

Ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Einzelhandelsgutachten kommt zu dem Schluss, dass es in Falkensee deutlich zu wenige attraktive Einkaufsangebote gibt, obwohl die Kaufkraft sogar höher als in Potsdam liege. Doch verfüge Falkensee in der Innenstadt im Vergleich zu anderen Städten über vergleichsweise wenige Verkaufsflächen. Ein Großteil des Sortiments im Zentrum werde von großflächigen Anbietern wie Real und Aldi bestimmt. Der jährliche Umsatz in ganz Falkensee beträgt laut Gutachter rund 150 Millionen Euro, davon wird nur etwas mehr als ein Viertel, 43,9 Millionen Euro, im Zentrum erwirtschaftet. Die Gutachter gehen davon aus, dass Falkensee weiter wachsen wird. Im Jahr 2020 könne die Stadt mit rund 43.700 Einwohnern rechnen.

Fabian Hausel, der die Interessengemeinschaft Zentrum Falkensee gegründet hat, sagt: „Ein Einkaufszentrum am Trafo-Gelände wäre der Sargnagel für die Bahnhofstraße.“ Er warnt davor, mit einer in sich abgeschlossenen Shopping-Welt das Zentrum der Stadt zu kannibalisieren, das eine zugegebenermaßen etwas aufwendigere Entwicklung so nötig hätte. „Was wir brauchen, ist ein Konzept um die Bahnhofstraße. Das wäre allerdings mehr Arbeit fürs Rathaus.“ Falkensee ähnele im Aufbau zwar eher einer amerikanischen Stadt als einer europäischen, doch sei Resignation fehl. Die stellvertretende CDU-Fraktionschefin in der Stadtverordnetenversammlung, Barbara Richstein, sieht noch „viel Entwicklungspotenzial für die Bahnhofstraße“.

Nette Cafés und kleine Geschäfte

Andrea Fabris wohnt mit ihrer Familie seit 2004 in Falkensee. Die Juristin würde sich hier mehr nette Cafés und kleine Geschäfte wünschen. „Mir gefallen der Bio-Laden an der Bahnhofstraße und der Welt-Laden, sagt die Mutter von zwei Kindern. „Das reicht aber für die Attraktivität der Einkaufsstraße nicht aus.“ Andrea Fabris arbeitet in Potsdam, ihr Mann in Berlin. „Wir kaufen dort auch viel ein“, sagt sie. „Wäre das Angebot in Falkensee besser, würden wir auch hier mehr erledigen. Ein neues Einkaufscenter brauchen wir aber nicht.“

Auch die Boutiquebesitzerin an der Poststraße, Doreen Raschke, vermisst mehr attraktive Geschäfte mit Niveau. „Es darf kein weiterer Ein-Euro-Laden sein – oder eine Spielhölle.“ Auch kein Imbiss. „Ein Feinkostenladen wäre toll“, sagt sie, oder ein schönes Café“. Die 48-Jährige hat mit ihrem Geschäft an der Poststraße bewiesen, dass Qualität sich durchsetzt. Das Optikergeschäft Brandt an der Bahnhofstraße kann sich sogar schon seit 1945 halten. Optikermeister Gerhardt Brandt ist auch Vorsitzender der Interessensgemeinschaft Falkensee (IGF), einem Zusammenschluss von rund 60 Selbstständigen. Die Pläne, neben dem Real-Markt ein großes Einkaufszentrum zu bauen, sind für ihn „großer Quatsch“. Allerdings gibt auch er zu, dass das gar nicht so einfach ist, „mit dem schönen belebten Zentrum“. Viele Falkenseer kennen die Bahnhofstraße nicht einmal. „Die kommen nach der Arbeit aus Berlin oder andernorts mit ihren Einkäufen nach Hause – und verschwinden in ihren Häusern oder Gärten.“