Küstrin-Kietz

Diebesbanden rauben Landwirte im Grenzgebiet aus

Gut organisierte Diebesbanden treiben in der Region um Küstrin-Kietz ihr Unwesen. Teure Landmaschinen werden besonders häufig gestohlen. Der Schaden gehe in die Hunderttausende, klagt ein Bauer.

Foto: Patrick Pleul / ZB

Udo Kutzke ist von Natur aus ein vorsichtiger Mensch. Schon seit Jahren lässt der Geschäftsführer der Cüstriner Landgut GmbH zum Feierabend alles wegschließen, was nicht niet- und nagelfest ist. Nicht ohne Grund: Mehr als ein Dutzend Mal ist in die Büroräume, Garagen und Werkhallen seit dem Wegfall der Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Polen eingebrochen worden. Die Schlösser zu erneuern, ist völlig sinnlos – auch sie werden geknackt. Das Gelände der GmbH liegt günstig, ganz in der Nähe des Grenzübergangs Küstrin-Kietz.

Diebe sind bestens informiert

Der schlimmste Vorfall: Ende vergangenen Jahres verschwanden zwei hochwertige Traktoren im Gesamtwert von 250.000 Euro. „Der eine war noch nicht einmal abbezahlt“, sagt Kutzke. Das von innen gesicherte zweiflügelige Tor zur Maschinenhalle hebelten die Diebe auf, den Zaun um das Betriebsgelände zerschnitten sie, um mit den beiden Schleppern quer über das Feld zu flüchten. Auf dem Weg zur Bundesstraße 1, die geradewegs zum Grenzübergang führt, zerstörten sie noch zwei Wildzäune. „Die haben genau gewusst, was sie da für Werte wegschleppen“, sagt Bauer Kutze.

„Die haben uns genauestens ausspioniert“, ist er sich sicher. Denn Mitarbeiter hätten ihm von einem weißen Transporter erzählt, der Tage zuvor lange auf einer nahe gelegenen Brücke stand und darüber hinaus von Unbekannten, die die Traktoren auf dem Feld mit Teleobjektiven fotografierten. Bis 4 Uhr morgens sieht ein privater Sicherheitsdienst auf dem Gelände der Landgut GmbH nach dem Rechten – die Diebe kamen laut Kutzke erst, als die Kontrolleure weg waren. Den häufig geäußerte Vorwurf, die Landwirte würden ihr Eigentum offen herumstehen lassen und nicht sichern, lässt Kutzke nicht gelten. „Es war alles hinter Schloss und Riegel“, sagt er.

Diebstahl von Traktoren wegen Schlüssel leicht

Seine Mitarbeiter hätten bereits vorgeschlagen, alle Räder der Landmaschinen vor der Nacht abzubauen. Versteckte Schalter, die Stromkreise oder Benzinzufuhr unterbrechen, wären eine andere Möglichkeit. Die Maschinen mit GPS-Geräten auszustatten, eine zwar teurere, aber auch effektive, meint hingegen Thomas Steuer aus Friedrichsaue, der 20 Hektar Land im Nebenerwerb bewirtschaftet und seinen Traktor auf diese Weise umgerüstet hat. Sobald sein Traktor eine bestimmte Zone verlässt oder sich zu ungewöhnlichen Zeiten bewegt, bekommt er eine SMS auf sein Handy. Warum der Diebstahl von Traktoren so leicht fällt, liegt für den Friedrichsauer auf der Hand: Es gibt nur einen Schlüssel – der passt zu allen Maschinen der jeweiligen Marke. Einmal nachgemacht, ist so eine Schlüssel-Kopie also sehr effektiv.

Eine Aufrüstung von Haus und Hof hält Steuer für wenig effektiv. „Um so mehr ich da investiere, desto höher ist im Endeffekt der Schaden. Denn mit so einem leistungsfähigen Traktor fährt der Dieb notfalls einfach durch die Wand.“ Angefangen habe der massive Diebstahl von Landmaschinen im Umkreis des Grenzüberganges Küstrin-Kietz im vergangenen Jahr. „Die geklauten Maschinen waren alle von der gleichen Marke, also ganz klar gezielt und im Auftrag entwendet“, ist der 40-jährige Steuer überzeugt. Er kommt viel herum und kennt sich aus, denn hauptberuflich arbeitet Steuer als landwirtschaftlicher Dienstleister, überführt häufig neue Maschinen wie Traktoren und Mähdrescher vom Hersteller zu den Käufern.

Nicht genügend Polizisten

„Ich fahre meistens nachts, um den normalen Verkehr nicht zu behindern. Kontrolliert wurde ich von der Polizei erst einmal“, erzählt er. Ohnehin hätten die Grenz-Anwohner die Erfahrung machen müssen, dass gar nicht genügend Polizisten unterwegs seien, um schnell genug zu reagieren, wenn sie alarmiert werden. „Fünf Streifenwagen für den kompletten Flächen-Landkreis Märkisch-Oderland sind viel zu wenig“, sagt Steuer. Jörg Thielbeer aus Manschnow pflichtet ihm bei. „Die Politik muss den Personalabbau bei der Polizei stoppen“, fordert der 70-Jährige, der mit seinem Sohn den örtlichen Kohlenhandel betreibt.

Die Familie musste seit dem Wegfall der Grenzkontrollen schon so manchen Verlust hinnehmen: „Zwei Autos, ein Traktor, mehrere Fahrräder, zwei Angelkähne, diverses Werkzeug“, zählt Thielbeer auf. Brandenburgs Politiker dürften nicht länger die Augen vor der Realität verschließen: „Man muss doch auf Straftaten reagieren, sie nicht nur verwalten. Statt dessen reiben die uns ständig ihre angeblich so positive Statistik unter die Nase“, erbost sich der Kohlenhändler. Die Dorfbewohner haben sich mittlerweile zu einer Art Bürgerwehr zusammengeschlossen und patrouillieren nachts durch ihren Ort.

Fortschritte bei der Bekämpfung der Grenzkriminalität

„Der Staat ist zum Schutz seiner Bürger verpflichtet“, meint auch Bauer Kutzke, der sich inzwischen jeden Abend fragt, was für „Überraschungen“ der nächste Tag wohl bringt. „Die Frage ist gar nicht mehr, ob man von Dieben heimgesucht wird, sondern nur noch wann.“ Er befürchtet wie viele andere, dass Selbstjustiz um sich greifen wird, wenn niemand den Diebesbanden Einhalt gebietet. Von einem Mann aus dem Nachbarland hat er gehört, dass Deutschland dort schon wie ein Selbstbedienungsladen angesehen wird. „Und wir brauchen nicht einmal zu bezahlen“, soll der Pole gesagt haben.

Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) sieht hingegen durchaus Fortschritte bei der Bekämpfung der Grenzkriminalität. „Die Zahl der registrierten Straftaten in Brandenburgs Grenzregionen ist 2012 um rund 1700 Fälle und damit knapp acht Prozent gesunken“, so Woidke am Mittwoch in Potsdam. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weise für die 24 Gemeinden entlang der Grenze zu Polen insgesamt 20.251 Delikte aus. So wenig wie noch nie in den vergangenen zehn Jahren.

Es würden nicht nur weniger Autos gestohlen, auch die Zahl der Einbruchsdiebstähle ging zurück. Dennoch ist laut Woidke die Kriminalitätsbelastung in der Grenzregion mit etwa 224.000 Einwohnern überdurchschnittlich hoch. Bezogen auf 100.000 Einwohner wurden laut Ministerium 2012 rund 9150 Straftaten gezählt – etwa 1250 mehr als im Landesdurchschnitt. Er wolle die drei Polizei-Hundertschaften in der Grenzregion daher vorerst nicht verringern.