Brandenburg

Gericht muss nach Eistod von Lilly Schuldfrage neu klären

Die Zweijährige war bei einem Kita-Ausflug gestorben. Nun stehen zwei Erzieherinnen in Frankfurt (Oder) noch einmal vor Gericht.

Foto: schroeder / Thomas Schroeder

Der Schmerz über den Verlust ihrer kleinen Tochter Lilly Sophie hat sich sichtbar in das Gesicht von Sandra F. eingegraben. Die Mundwinkel sind durch tiefe, nach unten führende Falten erweitert.

Bereits zum zweiten Mal muss die junge Frau aus Eberswalde vor Gericht miterleben, wie der tragische Eistod des zweijährigen Mädchens während eines Ausfluges seiner Kindergartengruppe detailliert erörtert wird.

Im Abschluss des ersten Verfahrens vor dem Eberswalder Amtsgericht waren die verantwortlichen Erzieherinnen wegen fahrlässiger Tötung zu Freiheitsstrafen von zehn und elf Monaten verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Für Sandra F. und ihren Mann Nicki bedeutete die Gerichtsentscheidung eine Art Schlussstrich, um endlich nicht ständig an den Tod ihrer Tochter in einer alten, nur leicht zugefrorenen Tongrube erinnert zu werden.

Die Verurteilung der beiden verantwortlichen Pädagoginnen erschien für sie gerecht, denn die Eltern hatten Lilly in die Obhut des Kindergartens „Villa Kunterbunt“ im Eberswalder Ortsteil Finow gegeben – in Erwartung dessen, dass ihr kleiner Sonnenschein, wie sie das Kind liebevoll nannten, dort gut und aufmerksam betreut wird.

Gericht muss klären: Unglück oder Fehlverhalten?

Um so größer muss jedoch ihr Entsetzen gewesen sein, als sie erfuhren, dass das Geschehen vom 8. Dezember 2010 noch einmal von vorn aufgerollt wird: Beide Erzieherinnen, die inzwischen offenbar nicht mehr bei der Stadt Eberswalde angestellt sind, legten Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichtes ein.

„Das war für meine Mandanten der schlimmste Tag nach Lillys Tod“, macht der Nebenklagevertreter der Familie F. am Montag zum Prozessauftakt vor dem Frankfurter Landgericht deutlich.

Bei dem neuerlichen Verfahren geht es den angeklagten Erzieherinnen darum, herauszufinden, „ob sie eine rechtlich relevante Verantwortung“ am Tod der Kleinen haben, ihnen „ein tatsächliches Fehlverhalten“ nachzuweisen ist oder ob es sich um ein „tragisches Unglück“ handelte, wie es Dirk Lammer, Verteidiger der Angeklagten Gabriele B. formuliert.

Kein Kind hätte einfach so verschwinden können

Ausführlich schildern B. und ihre einstige Kollegin Mara E. jenen verhängnisvollen Winter-Spaziergang vor mehr als zwei Jahren. Damals machten sich sich zwei Pädagoginnen, eine Aushilfskraft sowie zwei Praktikantinnen mit insgesamt 26 Kleinkindern im Alter zwischen zwei und vier Jahren zu einem nahe gelegenen Garagenkomplex auf. Dort wollten sie im frisch gefallenen Schnee spielen.

Als die fünf Erwachsenen und 24 Mädchen und Jungen eine halbe Stunde später wieder in den Kindergarten zurückkehrten, ohne dass das Fehlen von Lilly und ihrer Freundin Liz auf dem Rückweg bemerkt worden wäre.

Eigentlich, so beteuern beide Angeklagte mehrfach, hätte keiner ihrer kleinen Schützlinge einfach so verschwinden können. Schließlich habe man die Gruppe mehrfach „durchgezählt“. Doch Fakt ist nun einmal, dass zwei Kinder plötzlich weg waren.

Die von der Vorsitzenden Richterin eingeforderte Erläuterung dessen bleiben beide Angeklagten zum Prozessauftakt schuldig. Bereits im ersten Verfahren konnte nicht abschließend geklärt werden, zu welchem Zeitpunkt und bei welcher Gelegenheit die beiden Zweijährigen von der Gruppe wegliefen.