Gegen 13 Uhr scheint der Fall so gut wie gelöst zu sein. Vieles spricht jetzt dafür, dass Heinrich Scholls Alibi endgültig zusammengebrochen und er der Mörder seiner Ehefrau ist.
Ein alter Freund will ihn am 29. Dezember 2011 im Auto seiner Frau gesehen haben. „Ich bin mir ganz sicher, dass er es war“, sagt der Zeuge Wolfgang S. im Saal 8 des Potsdamer Landgerichts. „Es war der Heiner.“
Es ist der 16. Verhandlungstag im Prozess gegen den ehemaligen Bürgermeister von Ludwigsfelde. Dem 69-Jährigen wird vorgeworfen, an jenem 29. Dezember 2011 zur Mittagszeit seine zwei Jahre jüngere Ehefrau Brigitte Scholl in einem Waldstück zwischen Siethen und Ludwigsfelde getötet zu haben. „Unvermittelt von hinten mit einem Schnürsenkel um den Hals erdrosselt“, heißt es im Anklagesatz.
Am Tattag gleich mehrfach gesehen
Es ist ein Indizienprozess. Und während der quälend langen Beweisaufnahme hat sich bei Prozessbeobachtern der Eindruck eingestellt, dass es gleich mehrere Heinrich Scholls gegeben haben muss. Er wurde am Tattag mehrfach gesehen, an verschiedenen Orten, zu gleichen Zeiten.
Heinrich Scholl hat sich dazu vor Gericht noch nicht erklärt. Er macht in aller Konsequenz von seinem Schweigerecht gebrauch. Ein schmächtiger Mann, kaum 1,60 Meter groß, der zwischen seinen beiden hoch gewachsenen Verteidigern angespannt wirkt und sich in dieser Verhandlung kein Wort entgehen lässt.
Als Wolfgang S. den Saal betritt, blättert Scholl in einem Ordner. Die beiden kennen sich seit Jahrzehnten. S. ist ein korpulenter Mann, von Beruf Ingenieur, heute Rentner. Er wollte nicht kommen. Der Nebenklagevertreter hat dafür gesorgt, dass er erscheinen muss. Weil Wolfgang S. Freunden und Nachbarn erzählte, dass er „den Heiner am 29. Dezember gesehen“ habe. Im Auto seiner Frau. Genau zu jener Zeit, in der Scholl nach Meinung der Staatsanwaltschaft vom Tatort nach Ludwigsfelde fuhr, um dort den Wagen seiner Frau abzustellen.
„Warum sind Sie nicht eher gekommen, Sie wussten doch um die Bedeutung dieser Aussage“, wird Wolfgang S. von Richter Frank Tiemann gefragt. Er habe angeblich die Zeiten nicht mehr genau gewusst, erwidert der Zeuge. „Ich wollte mich nicht zum Affen machen.“
Vor Gericht kann Wolfgang S. den Ablauf dieses 29. Dezember dann aber doch recht genau wiedergeben: Erst chemische Reinigung, wo er sich mächtig ärgerte, weil ihm dort „ein Betttuch versaut“ worden sei, dann Zahnarzt, Norma-Markt, Baumarkt und schließlich die Kreuzung, an der er halten musste.
Gegenüber stand der Mercedes der Scholls, und hinterm Lenkrad saß „der Heiner“. „Wenn Sie nicht als Zeuge auftreten wollten, warum haben Sie denn anderen davon erzählt“, insistiert Richter Tiemann. Wolfgang S. schüttelt den Kopf, ringt mit sich, und sagt leise: „Weil es mich bedrückt hat; ist ja nicht so, dass ich den Heiner nicht kenne.“
Lektorin hat sich Zitat in Scholl-Buch ausgedacht
Scholl blickt in diesem Moment kurz von seinem Ordner auf. Nachdenklich. Als hätten ihn die Worte dieses Mannes – der ihn immerhin stark belastet – berührt. Es wurde viel geschrieben über Scholl in den letzten Monaten. Das reichte vom erfolgreichen Bürgermeister, der Firmen wie Daimler Benz, Thyssen und VW nach Ludwigsfelde holte, bis hin zum brutalen Ganoven, der sich von Geschäftsleuten angeblich auch noch korrumpieren ließ.
Ein Angeklagter, der einen – vermeintlich höchst verdächtigen – Roman schrieb, in dem ein Mann seinen Freund fragt, ob er schon mal an Scheidung gedacht habe, und der Freund antwortet: „An Scheidung nicht, an Mord schon.“
Anfang Januar 2013 wurde dazu die Lektorin dieses Romans vor Gericht gehört. Sie gab zu Protokoll, dass sie sich dieses Zitat ausgedacht habe. Es sei eines der Mittel gewesen, um die „ziemlich flache Geschichte“ ein wenig aufzupäppeln.
Vom einstigen Heinrich Scholl ist wenig geblieben
Dabei soll Scholl so stolz auf dieses Buch gewesen sein. Auch sonst ist wenig geblieben vom Alpha-Männchen, das als Bürgermeister bei der Krönung der Spargelkönigin zotige Sprüche absonderte und gern auch mal von wesentlich jüngeren Freundinnen erzählt haben soll.
Und dann gibt es auch noch diese Geschichte mit der 33 Jahre jüngeren thailändischen Prostituierten, mit der Scholl zusammen zog und für die er Zehntausende Euro ausgab: für Schmuck, Reisen und eine Schönheitsoperation. Auch sie wurde als Zeugin gehört. Sie sagte ohne zu zögern „ja“, als sie von Richter Tiemann gefragt wurde, ob Scholl sie geliebt habe.
Andersherum sei es nicht so gewesen. Im Gegenteil, sie habe sich von ihm bedrängt gefühlt. Er sei dann reumütig zurückgekehrt, heißt es. Zu seiner Ehefrau Brigitte. Einen Tag vor ihrem Tod hatten sie ihren 47. Hochzeitstag.
Es wurde schon vor dem Prozess gemunkelt, dass diese Ehe schon lange nicht mehr richtig funktionierte und dass Brigitte Scholl sehr dominant gewesen sei. Doch wie kompliziert das Verhältnis zwischen beiden war, wurde für Außenstehende erst während dieses Prozesses richtig klar. Als Freundinnen von Brigitte Scholl vor Gericht deutlich machten, wie sehr die öffentliche Meinung und die Sicht der Ehefrau über den klein gewachsenen, erfolgreichen Kommunalpolitiker auseinander klafften.
„Der Wurzelgnom gibt Widerworte!“
Für die einen war er der „Heiner“, „der Scholli“, den politische Freunde ehrerbietig „König Heinrich“ und politische Widersacher respektvoll „Napoleon von Ludwigsfelde“ genannt haben sollen. Für Brigitte Scholl war er offenbar eher ein Versager. „Der Wurzelgnom gibt Widerworte!“, sagte sie zu einer Freundin am Telefon, als Scholl bei ihr aufzumucken wagte.
Andere Zeugen berichteten, dass sich Scholl bitter beklagt habe, dass ihn seine Frau auf dem gemeinsamen Anwesen in Ludwigsfelde jeglicher Rechte beschneide: Er dürfe keine eigenen Bilder aufhängen, seine Frau Brigitte rupfe die von ihm gesetzten Frühlingsblüher wieder aus. Und sie verbiete ihm sogar, die Gästetoilette in der ersten Etage des Hauses zu benutzen; weil sich dort ihre Kosmetikpraxis befinde und er ihre Kundinnen – wie und wodurch auch immer – stören könnte.
So lautet die These der Ermittler, dass es am 29. Dezember 2011 bei einer gemeinsamen Gassi-Runde mit dem Cockerspaniel von Brigitte Scholl mal wieder zu einem Streit gekommen war. Und dass aus Scholl plötzlich alles herausgebrochen war, die ganze Wut auf diese Frau, die ihn nicht achtete und genau wusste, wie sie ihn verletzen konnte.
So ließe sich auch dieses merkwürdige Szenario erklären: Frau und Hund – mit dem Scholl ebenfalls stets Probleme gehabt haben soll – liegen tot im Wald. Brigitte Scholls Mercedes steht geparkt am Bahnhof. Und Scholl selbst geht merkwürdigerweise schon am Abend des 29. Dezembers zur Polizei, um sich angeblich wegen des Verschwindens seiner Frau beraten zu lassen.
Scholl mittags in der Pizzeria
Zu alledem passt dann auch die Aussage des Zeugen Wolfgang S. Der Rentner sitzt noch im Saal, jetzt als interessierter Zuhörer, als am frühen Nachmittag weitere Zeugen erscheinen: Zwei ehemalige Mitarbeiter eines Ludwigsfelder Autohauses. Sie berichten, am 29. Dezember 2011 mit Scholl gemeinsam in Ludwigsfelde in einer Pizzeria gesessen zu haben. Von 12.15 Uhr bis mindestens 15 Uhr.
Sie können sich noch so genau erinnern, sagen sie, weil sie an diesem Tag erfahren hätten, dass ihr Autohaus den Besitzer wechselt. Der eine kennt Scholl „schon seit mindestens 25 Jahren“, ist mit seinem Sohn in eine Klasse gegangen. Der andere lernte Scholl erst an diesem Tag kennen. Er sei begeistert von diesem ehemaligen Kommunalpolitiker gewesen, sagt er. Scholl habe in Ludwigsfelde an einer stark frequentierten Kreuzung einen Kreisverkehr durchgesetzt. „Das hat mich beeindruckt.“
Es sind Details, die Richter lieben, weil sie mit dem inkriminierten Geschehen nichts zu tun haben und Zeugenaussagen glaubhaft machen. Bei dem Rentner Wolfgang S. war es das „versaute Betttuch“. Bei den anderen Beiden sind es das verkaufte Autohaus und der Kreisverkehr. Alle drei sind überzeugend – und widersprechen sich diametral.
Einer im Saal könnte sagen, wer sich hier irrt oder lügt, doch er schweigt, und auch sein konzentriert wirkendes Gesicht gibt keine Antwort: der Angeklagte Heinrich Scholl.

