Missbrauchsprozess

Landgericht Potsdam - Reitlehrer gesteht sexuelle Übergriffe

Der 56-Jährige soll Jungen zum Teil jahrelang missbraucht haben. Er bereut seine Taten. Dennoch bleiben einige Frage offen.

Foto: Bernd Settnik / dpa

Es ist eine schwierige Situation für den stämmigen Angeklagten. Der 56-Jährige steht mit seinem Verteidiger Matthias Schöneburg im Saal 6 des Potsdamer Landgerichts, belagert von einem Kamerateam und Fotografen. Und nur ein paar Meter entfernt sitzen die Eltern der Jungen, die Frank E. sexuell missbrauchte. Sie waren einst Freunde des Angeklagten oder zumindest gute Bekannte. Davon ist nichts geblieben. Es gibt auf den Gesichtern nur noch Hass und Verachtung.

Im Anklagesatz ist von zwölf selbstständigen Handlungen die Rede. Das ist Ermittler-Mathematik, weil es nur um Fälle geht, die nach Meinung der Staatsanwaltschaft nachgewiesen werden können. Vermutlich waren es weitaus mehr Taten. Und ob alle Opfer gefunden wurden, ist ebenfalls fraglich. Aufgelistet sind die Namen von fünf Jungen, die Frank E. zum Teil jahrelang missbraucht haben soll. Der Jüngste soll zu Beginn neun Jahre alt gewesen sein.

Der Vater dieses Jungen sitzt ebenfalls im Gerichtssaal. Er wirkt angespannt, als müsse er sich gewaltsam unter Kontrolle halten. Frank E. erzählt, dass es gerade zu dieser Familie eine besonders enge Verbindung gegeben habe. Die Eltern und ihre Kinder, unter ihnen der missbrauchte Junge, hätten in den Ferien auf dem Pferdehof in einem Wohnwagen campiert. Die Familie des Angeklagten und die Gastfamilie hätten gemeinsam gefeiert und gekocht. Es war eine schöne Zeit. Frank E. kommt regerecht ins Schwärmen. Das ist zu viel für den Vater. Er springt auf, geht hastig aus dem Saal, kommt erst Minuten später wieder, noch immer sehr aufgeregt.

Ein Mädchen ging zur Polizei

Frank E. hatte vor Entdeckung der Missbrauchstaten einen guten Ruf, weit über das 300-Seelen-Dorf Reckahn (Potsdam-Mittelmark) hinaus. Er führte mit seiner Frau einen Pferdehof, betrieb eine kleine Gärtnerei, war Vorsitzender des Fahrvereins Kloster Lehnin. Im Juli dieses Jahres sollte die von ihm organisierte Landesmeisterschaft der Einspänner stattfinden. Das war seit Jahren schon das lokale Ereignis. Für das Jahr 2012 fiel es aus. Denn ein paar Tage zuvor wurde Frank E. festgenommen. Eingeleitet wurde das Verfahren durch die Aussage eines 15-jährigen Mädchens, das sich durch aufdringliche Fragen nach ihrer Sexualität durch den Pferdehof-Besitzer belästigt fühlte. Die Schülerin erzählte es ihren Eltern. Die gingen zur Polizei. Andere Jugendliche, die sich oft auf dem Pferdehof aufhielten, wurden befragt. Unter ihnen die fünf Jungen, die nun im Anklagesatz als Opfer vermerkt sind.

Er habe in den vier Monaten, die er in Untersuchungshaft verbrachte, viel nachgedacht, sagt Frank E. zu Beginn des Prozesses. Er gebe zu, die Jungen missbraucht zu haben. „Ich schäme mich dafür“, sagt er, „offensichtlich habe ich eine entsprechende Neigung.“ Dabei handele es sich jedoch nur um Jungen im pubertären Alter, „also so ab 13 Jahre aufwärts. Mädchen haben mich nicht interessiert“. Es sei auch nicht richtig, so der Angeklagte, dass ein von ihm missbrauchter Junge erst neun Jahre alt gewesen sei.

Immer dasselbe Schema

Das Szenario, wie es zum Missbrauch kam, ähnelte sich bei allen Fällen. Die Jungen begleiteten Frank E. bei Kutschfahrten, halfen auf seinem Pferdehof oder am Wochenende bei seinem Blumenstand auf einem Markt. Frank E. verwickelte sie in Gespräche über Sexualität; fragte, ob sie eine Freundin haben und ob sie onanieren. Und im Laufe des Gespräches begann er sie zu begrapschen. Es soll auch zu Oralverkehr gekommen sein – an den sich Frank E. angeblich nicht erinnern kann, den er aber auch nicht bestreiten möchte. Als der Vorsitzende der 3. Großen Strafkammer, Jörg Tiemann, an diesen Gedächtnislücken zweifelt, rutscht Frank E. aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her und sagt: „Vielleicht ist es ja auch Verdrängung, vielleicht will ich mich gar nicht erinnern. Es ist mir alles so furchtbar unangenehm.“

„Müssen Sie therapiert werden?“, will Tiemann wissen. Frank E. erwidert, „wenn man es wünscht, würde ich daran teilnehmen“. Aber er benötige die Therapie nicht. „Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass so etwas nicht mehr stattfindet, eher würde ich mir die Finger abhacken“, beteuert er. Richter Tiemann bleibt skeptisch. Wie es zu dieser Erkenntnis gekommen sei, fragt er. „Ich denke, Sie werden sich auch weiterhin für pubertierende Jungen interessieren.“ Frank E. überlegt kurz und beginnt dann von den Aussagen der Opfer zu erzählen, die er in den Akten gelesen habe. „Da sind mir die Augen aufgegangen.“ Er habe nicht geahnt, dass da so ein Leidensdruck entstanden sei. „Ich habe mir eingebildet, dass ihnen das auch gefällt“, sagt er. Deswegen habe er auch nie daran gedacht, dass sie zu ihren Eltern gehen und etwas darüber erzählen könnten. „Das habe ich völlig ausgeblendet.“

Missbrauchsopfer müssen aussagen

Frank E.s Verteidiger Matthias Schöneburg betont am Rande des Prozesses, dass es sich – „bei aller Verwerflichkeit dieser Taten“ – nicht um schweren Missbrauch handele. Berücksichtigt werden müsse beim Urteil auch, „dass mein Mandant nie gewalttätig wurde und sofort aufhörte, wenn sich einer der Jungen widersetzte“.

Zufrieden indes wirkt der Anwalt mit dem Ausgang des ersten Verhandlungstages nicht. Zu viel ist unklar geblieben. Den Opfern kann die Aussage nicht erspart bleiben. Auch der Richter sieht es so. „Ich sehe nach diesem Teilgeständnis nicht die Möglichkeit, auf die Vernehmung der Zeugen zu verzichten“, sagt er. Der Prozess wird am 16. November fortgesetzt.