Brandenburg

Kapitän nach Tod von zwei Seglerinnen freigesprochen

Ein Frachtkahn hatte im Sommer 2010 auf dem Schlänitzsee ein Segelboot gerammt. Bei der Kollision starben zwei Frauen.

Foto: Oliver Mehlis / ZB

Im Fall der beiden vor zwei Jahren bei einer Schiffskollision auf dem Schlänitzsee bei Potsdam (Land Brandenburg) ums Leben gekommenen Seglerinnen hat das Gericht den Kapitän eines Frachtkahns am Dienstag freigesprochen. Die am Amtsgericht Brandenburg an der Havel für Straftaten im Schiffsverkehr zuständige Richterin folgte damit der Auffassung der Staatsanwaltschaft Potsdam, die – ebenso wie die Verteidigung – den Freispruch beantragt hatte. Zuvor war in der Hauptverhandlung ein Gutachter gehört worden, der den Unfall am 27. Juni 2010 untersucht hatte. Er war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Kapitän den Zusammenstoß der beiden Schiffe nicht vermeiden konnte. Ankläger und Gericht folgten dem Gutachten und verneinten die strafrechtliche Schuld des 49-Jährigen.

An jenem Sonntag vor mehr als zwei Jahren waren eine 42 Jahre alte Thüringerin, ihre Mutter und die beiden Ehemänner der Frauen zur Mittagszeit mit einem acht Meter langen Segelboot auf dem Schlänitzsee unterwegs. In Höhe der Einmündung des Sacrow-Paretzer-Kanals wurde das Segelboot „Eros“ plötzlich auf der linken Seite von dem Gütermotorschiff „Moca“ gerammt. Dabei riss die Seitenwand der Yacht meterweit auf. Anschließend überfuhr der Frachter das Segelboot.

Keine Überlebenschance

Während die 60 und 67 Jahre alten Männer nur leichte Verletzungen erlitten, hatten die beiden Frauen keine Chance. Sie befanden sich zum Zeitpunkt der Kollision unter Deck. Die Feuerwehr barg die 42-Jährige leblos treibend auf der Wasseroberfläche. Zwar gelang es den Rettungskräften zunächst, das Unglücksopfer zu reanimieren. In der folgenden Nacht starb die Frau jedoch im Ernst-von-Bergmann-Klinikum.

Die Mutter der 42-Jährigen wurde erst später gefunden. Mit Tauchern suchte die Wasserschutzpolizei zunächst vergeblich nach der 64-Jährigen, unterstützt von Beamten der Feuerwehr und Mitarbeitern der DLRG. Erst als die gesunkene „Eros“ mit Luftsäcken aus dem Wasser gehoben wurde, entdeckten die Einsatzkräfte die 64-Jährige tot in der Kabine. Die Ehefrau des Schiffseigentümers aus dem Wartburgkreis hatte sich nach der Havarie nicht aus dem Boot befreien können und ertrank in den einströmenden Wassermassen. Das schwer beschädigte Schiff wurde mit einem Schwimmkran aus dem Wasser gehoben und abtransportiert.

Polizei und Staatsanwaltschaft waren bei den anschließenden Ermittlungen zu der Auffassung gelangt, dass der 49 Jahre alte Kapitän des Frachtkahns den Unfall fahrlässig verursacht hatte. Als Führer des Gütermotorschiffes „Moca“ habe er den Fahrweg ungenügend beobachtet und sei infolgedessen auf das vor ihm fahrende Segelboot aufgefahren. Die Staatsanwaltschaft legte dem 49-Jährigen aus Beckum (Kreis Warendorf/Nordrhein-Westfalen) in der Anklageschrift deshalb fahrlässige Tötung zur Last. Danach drohte dem Kapitän eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe.

In einen toten Sichtwinkel

In einem sogenannten Unfallrekonstruktionsgutachten räumte der am Dienstag vor Gericht gehörte Schifffahrtsexperte die Vorwürfe jedoch aus. Das Gericht folgte der Argumentation des Gutachters in seinem Urteil: Demnach sei das Sportsegelboot in einen toten Sichtwinkel für den Kapitän des Gütermotorschiffs eingefahren. Da das Schiff unbeladen war, ragte sein Bug weit aus dem Wasser und sorgte somit für eine „erheblich eingeschränkte, strafrechtlich nicht vorwerfbare“ Sicht nach vorn. Der Kapitän habe nichts mehr tun können. Er habe seine Sorgfaltspflicht nicht schuldhaft verletzt.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage haben nun die Möglichkeit, innerhalb einer Woche gegen das Urteil des Amtsgerichts Berufung vor dem Schiffahrtsobergericht, dem Brandenburgischen Oberlandesgericht, einzulegen. Ob sie das tun werden, ist allerdings fraglich. Denn der Gutachter entlastete am Dienstag nicht nur den Kapitän, sondern belastete gleichzeitig die Führer des Segelboots. Er betonte, Kleinschiffe müssten der Berufsschifffahrt Vorrang gewähren und einen ausreichenden Abstand halten. Genau dies sei hier nicht passiert. „Der Steuermann des Sportboots hat eindeutig die Sorgfaltspflichten nicht eingehalten und der Frachterkapitän hat nichts mehr tun können“, so der Gutachter. Ob die Staatsanwaltschaft die zunächst eingestellten Ermittlungen nun wieder aufnimmt, bleibt abzuwarten.