Schlänitzsee

Frachterkapitän steht wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht

Nach einer Schiffskollision starben im Sommer 2010 eine Mutter und ihre Tochter an Bord eines Sportsegelbootes. Dem Schiffsführer drohen bis zu fünf Jahre Haft.

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Die Schiffskollision auf dem Schlänitzsee bei Potsdam am 27. Juni 2010 ist das schwerste Bootsunglück seit vielen Jahren auf Brandenburgs Wasserstraßen gewesen. Zwei Frauen, eine Mutter und deren Tochter aus Thüringen, kostete der Unfall das Leben. Er zerstörte eine Familie. Am Dienstag kommender Woche muss sich der Kapitän eines Binnenfrachters vor dem Amtsgericht Brandenburg/H. wegen des tragischen Unglücks verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 49-Jährigen fahrlässige Tötung in zwei Fällen vor. Das von ihm gesteuerte 80 Meter lange Güterschiff war mit einem Segelboot zusammengestoßen, welches daraufhin gesunken war. Die 64 und 42 Jahre alten Opfer hatten sich zum Zeitpunkt der Kollision unter Deck in der Kajüte des Sportsegelbootes aufgehalten.

Das folgenschwere Unglück hatte sich an einem sonnigen Sonntag zur Mittagszeit ereignet. Das mit vier Personen besetzte Segelboot „Eros“ befand sich den Ermittlungen zufolge an der Einmündung des Sacrow-Paretzer-Kanals zum Schlänitzsee, als es auf der linken Seite von dem Gütermotorschiff „Moca“ voll gerammt wird. Die Seitenwand der Yacht wurde meterweit aufgerissen, anschließend überfährt der Frachter das Segelboot. Das acht Meter lange Segelboot sank unmittelbar darauf auf Grund. Die beiden an Deck befindlichen 67 und 60 Jahre alten Männer wurden nur leicht verletzt, doch die beiden Frauen in der Kabine hatten offenbar keine Chance. Die 42-jährige Thüringerin wurde nach dem Zusammenstoß leblos auf dem Wasser treibend geborgen. Alarmierten Notfallsanitätern gelang es, die Frau zu reanimieren. Sie hatte sich nach dem Sinken des Segelboots längere Zeit unter Wasser befunden und wurde in das Ernst-von-Bergmann-Klinikum eingeliefert. Dort starb die Frau in der folgenden Nacht, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Nach der zunächst vermissten 64-Jährigen wurde rings um die Havariestelle eine große Suchaktion von Tauchern, Angehörigen der Wasserschutzpolizei, DLRG, Feuerwehr und Polizei eingeleitet. Ein Hubschrauber kreiste über dem Gewässer, der Kanal wurde für mehrere Stunden gesperrt. Doch erst als die gesunkene „Eros“ mit Luftsäcken aus dem Wasser gehoben wurde, entdeckten Einsatzkräfte die 64-Jährige tot in der Bootskabine. Die Ehefrau des Schiffseigners aus dem Wartburgkreis war nach der Havarie qualvoll ertrunken. Das schwer beschädigte Segelboot wurde schließlich mit einem Schwimmkran aus dem Wasser gehievt und danach abtransportiert.

Lange Freiheitsstrafe droht

Dem damals 47 Jahre alten Führer des Binnenschiffs aus Nordrhein-Westfalen wird nach Angaben von Staatsanwalt Ralf Roggenbuck „eine ungenügende Fahrwegsbeobachtung vorgeworfen.“ Der Prozess wird vor dem Amtsgericht in Brandenburg/Havel verhandelt. Dort hat der einzige Schifffahrtsrichter des Bundeslandes seinen Dienstsitz. Für den Vorwurf der fahrlässigen Tötung können im Fall einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafen verhängt werden.

Auf den Seen und Flüssen in Brandenburg kommt es immer wieder zu Schiffskollisionen. „In den meisten Verfahren nach Unfällen auf Wasserstraßen geht es jedoch um Geschwindigkeit und Alkohol“, schildert der Sprecher des Amtsgerichts Brandenburg/H., Ralf Weller. Im oben geschilderten Fall spielte Alkohol keine Rolle. Das Gericht hatte im vergangenen Jahr über 28 Straf- und acht Ordnungswidrigkeitsverfahren zu entscheiden. Im laufenden Jahr lagen bis Mitte August insgesamt 18 entsprechende Fälle auf dem Tisch. Hinzu kommen zivilrechtliche Verfahren – etwa vier pro Halbjahr, berichtet Weller.

Für die Sicherheit auf Brandenburgs Gewässern und zur Kontrolle der schiffspolizeilichen Vorschriften sind in der Mark rund 200 Beamte bei der Wasserschutzpolizei im Einsatz. Zur Geschwindigkeitskontrolle wird wie im Straßenverkehr Laser-Technik eingesetzt. „Das ist ziemlich genau das gleiche System wie im Straßenverkehr, nur dass es auf die Belange des Wassers abgestimmt ist“, so der Polizeioberrat. „Die Freizeitschifffahrt bildet in Brandenburg den Schwerpunkt von Kontrollen“, sagt der Beamte. Rund 23.000 Sportboote hat die Wasserschutzpolizei 2011 laut Innenministerium kontrolliert, bei den Berufsskippern gab es lediglich knapp 1900 Überprüfungen. Von den insgesamt 194 Unfällen gingen 139 auf das Konto der Freizeitskipper. Etwa 4800 Ordnungswidrigkeiten stellten die Polizisten insgesamt fest. Die Vorschriften für die jeweils zulässige Geschwindigkeit sind aber komplizierter als im Straßenverkehr. „Es hängt davon ab, wo man fährt“, betont er. So gibt es unterschiedliche Vorschriften für Bundes- und Landesgewässer. Für Gewässer wie etwa den Spreewald gibt es eine Sonderverordnung, so Müller. Mitunter führt schon eine geringe Überschreitung der Geschwindigkeit zu Problemen: Gerade auf kanalisierten Gewässern erzeugen Boote schnell einen gefährlichen Sog- und Wellenschlag. „Deswegen sind wir bei Überschreitungen sehr genau: auch ein Stundenkilometer zu schnell wird geahndet“, so Müller. Die Toleranzgrenze sei bei der Schifffahrt eine andere als im Straßenverkehr. Parallelen gibt es beim Thema Trunkenheit: Bei 1,1 Promille im Blut geht die Rechtsprechung in Brandenburg von einer absoluten Fahruntüchtigkeit aus. mit dpa