Der Anruf des Nachbarn erreichte Dieter Puschmann im Türkei-Urlaub. „Ich habe schlechte Nachrichten für dich“, sagte der Nachbar. „Bei dir wurde eingebrochen.“ Für Dieter Puschmann und seine Frau war das ein Schock. „Wir waren fix und fertig und haben sofort unseren Urlaub abgebrochen“, sagt der 59-Jährige. Die Einbrecher kamen in der Nacht und waren offenbar Profis. Sämtliche Bewegungsmelder waren abgeschlagen, die extra installierte Videokamera gegen die Wand gedreht. „Die müssen das Haus vorher ausgespäht haben“, vermutet Puschmann. Durch ein Badezimmerfenster drangen die Einbrecher schließlich ein. Der Safe, in dem das Ehepaar Schmuck, Bargeld und wichtige Unterlagen aufbewahrte, war aus der Wand herausgebrochen. Mit einer Schubkarre, die sie im Garten fanden, transportierten sie den Safe ab. Nach drei Monaten stellte die Polizei die Ermittlungen ein.
Einbrecher werden selten gefasst
So wie den Puschmanns ergeht es vielen Bürgern in Kleinmachnow. In der beschaulichen Gemeinde im Speckgürtel südwestlich von Berlin stehen Einbrüche quasi auf der Tagesordnung. Im Vergleich zu anderen Gemeinden Brandenburgs ist die 20.000-Einwohner-Gemeinde seit Jahren eine Hochburg für Einbrecher. Zählte die Brandenburger Polizei in 2010 noch 127 Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser, stieg die Zahl 2011 auf 145 Fälle. Besonders häufig steigen die Kriminellen in Einfamilienhäuser ein – 95 Fälle registrierte die Polizei im vergangenen Jahr. Im Vergleich zu 2010, als nur 68 Mal in Häuser eingebrochen wurde, eine Steigerung von knapp 40 Prozent.
Zwar haben Gemeinden wie etwa Stahnsdorf (rund 15.000 Einwohner) oder Teltow (rund 23.000 Einwohner) ähnliche Steigerungsraten zu verzeichnen, allerdings sind die Fallzahlen längst nicht so hoch. So wurde in Stahnsdorf gerade einmal in 35 Einfamilienhäuser eingebrochen, in Teltow waren es im vergangenen Jahr 44. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl hat sogar Berlin eine geringere Einbruchsrate. Kommen in der Hauptstadt auf 10.000 Einwohner durchschnittlich 32 Einbrüche, sind es in Kleinmachnow 72,5.
Wohlhabenden Klientel und gute Verkehrsanbindung
Für Karl Schlegel, Leiter der Kriminalpolizei in Potsdam, liegen die Ursachen auf der Hand. „Die Gemeinde hat aufgrund der Nähe zu Berlin und der vorhandenen Einwohnerstruktur eine große Anziehungskraft“, sagt der 1. Kriminalhauptkommissar. Soll heißen: Bei der zumeist wohlhabenden Klientel lässt sich gute Beute machen und dank der guten Verkehrsanbindung können die Täter leicht untertauchen. Zudem seien viele der Grundstücke von dichten Hecken umgeben und ließen sich somit von außen schwer einsehen, so Schlegel. Schwer wiegt auch der stetige Zuzug nach Kleinmachnow – die Anonymität in der Nachbarschaft steigt. Fremde im Ort würden daher kaum auffallen. Die Polizei vermutet, dass hinter den Einbrüchen meist osteuropäische Banden stecken, die gut organisiert sind und professionell vorgehen. Häufig werden die Häuser zu Fuß oder per Fahrrad gründlich ausgespäht. Eingebrochen wird meist zwischen 16 und 21 Uhr. Wenn die Polizei die Fälle dann übernimmt, bleiben den Ermittlern nicht viele Hinweise. Die Aufklärungsquote lag 2011 gerade einmal bei 14 Prozent.
„Die Einbruchszahlen sind natürlich erschütternd“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde, Michael Grubert (SPD). „Kleinmachnow ist aber kein unsicherer Ort“, schiebt er schnell hinterher. Seit April 2009 sitzt der Sozialdemokrat im Kleinmachnower Rathaus. Seitdem wird er regelmäßig mit den steigenden Einbruchszahlen konfrontiert. Natürlich machten sich die Bürger Sorgen um ihre Sicherheit, räumt der Bürgermeister ein. Deshalb habe es Anfang des Jahres ein Gespräch mit der Brandenburger Polizei gegeben, die zusagte, zusätzliche Streifen durch Kleinmachnow zu schicken. „Denn für Sicherheit zu sorgen, ist immer noch Aufgabe der Polizei und nicht des Rathauses“, sagt Grubert. Dass die zusätzlichen Streifen jedoch etwas bewirken, glaubt Grubert allerdings selbst nicht so richtig.
„Wir sind keine Sheriffs“
Die Bewohner von Kleinmachnow haben bereits vor Jahren erkannt, dass die Polizei allein das Problem nicht lösen kann. So gibt es bereits seit 14 Jahren eine „Sicherheitspartnerschaft“. Ehrenamtliche Bürger, die regelmäßig von der Polizei geschult werden, laufen seitdem durch die Gemeinde. Zu den Sicherheitspartnern gehören auch Jürgen Glindemann und sein Kollege Renee Sattler. Die beiden 68-Jährigen leben seit Jahrzehnten in der Gemeinde und sind Gründungsmitglieder der Sicherheitspartnerschaft. Sie und ihre sieben Kollegen sind regelmäßig unterwegs, geben Nachbarn Sicherheitstipps und melden Verdächtiges der Polizei. Der Vermutung, dass sie eine Art Bürgerwehr seien, widerspricht Glindemann. „Wir sind keine Sheriffs, sondern ganz normale Bürger, die einfach mit offeneren Augen durch die Straßen gehen“, sagt der Rentner. Besondere Befugnisse hätten sie nicht. Ihre gut gemeinten Ratschläge kommen allerdings nicht immer gut an. „Einige bedanken sich, andere wiederum vergleichen uns mit der Stasi“, sagt Sattler.
Er und Glindemann können das nicht verstehen. Schließlich wollen sie doch nur für mehr Sicherheit sorgen. Und irgendeiner müsse schließlich etwas tun.





