Brandenburg

Was die Sielmann-Stiftung für das Bombodrom plant

Früher Übungsplatz der Sowjetarmee, dann Bundeswehr-Bombenabwurfplatz: Jetzt soll das Bombodrom für Wanderer zugänglich gemacht werden.

Foto: DAPD

Das rot umrandete Schild am Wegrand lässt keine Zweifel aufkommen. „Lebensgefahr! Kampfmittel. Betreten und Befahren verboten!“ steht warnend darauf. Hinter dem Schild liegt das Land der Kyritz-Ruppiner-Heide. Rund 60 Jahre lang haben hier erst Piloten der Sowjetarmee, dann die der Bundeswehr geübt, wie man Bomben zielgenau abwirft. Hinterlassen haben die Militärs am Ende eine völlig verwüstete Landschaft, durchsetzt mit – vorsichtig geschätzt – 1,5 Millionen hochgefährlichen, noch nicht detonierten Sprengsätzen.

Was für den Laien auf den ersten Blick eine unwirtliche Einöde ist, gilt unter Experten als einzigartiger Naturraum. Als besonders schützenswert werden dabei die Trockenrasen- und Heideflächen eingeschätzt, die ausgerechnet in dem Teil des ehemaligen Truppenübungsplatzes liegen, der als „Bombodrom“ genutzt wurde. „Getestet und abgeworfen wurde so ziemlich alles, was die Armeen des Warschauer Pakts an konventionellen Waffen hatten“, sagt Meinhard Voigt, einst Verbindungsoffizier der DDR-Armee zu den russischen Befehlshabern auf dem Platz. Bis heute liegen im Boden etwa Streubomben und Anti-Personen-Minen, bei denen schon leichte Erschütterungen ausreichen, um sie zur Explosion zu bringen.

Wert liegt insbesondere auch in ihrer Größe

Trotz dieser Gefahren ist die Landschaft für Michael Spielmann, Vorstand der Heinz-Sielmann-Stiftung, „eine Premiumfläche des Naturschutzes in Deutschland“. Genau aus diesem Grund hat sich die private Stiftung, die 1994 vom vor einigen Jahren verstorbenen Tierfilmer Heinz Sielmann gegründet wurde, bereit erklärt, sich für den Erhalt und die touristische Erschließung der einzigartigen Heidelandschaft zu engagieren. Ihr besonderer Wert liegt insbesondere auch in ihrer Größe. „So viel zusammenhängende Fläche gibt es in Deutschland kaum noch“, sagt Spielmann. Andere Schutzgebiete seien kaum größer als 150 Hektar.

In der Kyritz-Ruppiner-Heide wird die Stiftung dagegen gleich 4000 Hektar und damit knapp ein Drittel des insgesamt 12.700 Hektar großen Truppenübungsplatzes Wittstock übernehmen. Im September soll dann „Sielmanns Naturlandschaft Kyritz-Ruppiner-Heide“ feierlich eröffnet werden. Vorbild ist die Döberitzer Heide westlich von Berlin – ebenfalls ein ehemaliges Militärgelände, von dem die Sielmann-Stiftung 3442 Hektar für 2,3 Millionen Euro erworben hat. Seither entsteht dort eine Naturerlebnis-Landschaft mit Wisenten und Wildpferden, die jährlich zehntausende Besucher vor allem aus Berlin anzieht.

Gefahren von noch nicht geräumten Blindgängern

Eine ähnliche Entwicklung soll es für die Kyritz-Ruppiner-Heide geben, wenngleich in deutlich kleinerer Dimension und langsamerer, sagt Lothar Lankow. Der Ingenieur und Feuerwerker hat für die Sielmann-Stiftung schon das Döberitzer Projekt gemanagt, nun wird er seine Erfahrung in das neue Vorhaben einbringen. Gerade seine Profession als Feuerwerker, also als Kenner von scharfer Munition, dürfte wichtig für die Arbeit der nächsten Jahre sein. Zwar pachtet die Sielmann-Stiftung den am geringsten mit Munition belasteten Teil im Süden des „Bombodroms“, doch selbst dort lauern fast überall die Gefahren von noch nicht geräumten Blindgängern. Viele sind inzwischen kaum noch erkennbar, weil sie zugewachsen sind oder unter der Oberfläche liegen. Bevor Wege und Flächen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, müssen sie kampfmittelfrei sein. „Das wird teuer und viele, viele Jahre dauern“, sagt Projektleiter Lankow.

Die Sielmann-Stiftung selbst kann zunächst nur 320.000 Euro pro Jahr bereitstellen, mit denen sie anteilig Personalkosten für die von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) eingesetzten Mitarbeiter übernimmt. Gerade einmal vier Revierförster, fünf Waldarbeiter und ein Feuerwerker kümmern sich derzeit um das insgesamt gut 120 Quadratkilometer große Gelände. Ihr Chef, der Forstwirt Rainer Entrup, hat im Vorjahr bereits erste Kremserfahrten mit Besuchern durch das Sperrgebiet erlaubt. „Es gibt eine große Erwartungshaltung, gerade in den umliegenden Orten, dass das Gebiet touristisch genutzt werden kann“, sagt Entrup.

Die Gemeinden und ihre Bewohner haben jahrelang politisch und juristisch gegen eine Weiternutzung der Heide als militärischer Übungsplatz gekämpft. Denn die Bundeswehr probte nach der Wiedervereinigung dort weiter Bombenabwürfe, was sie sonst nirgendwo anders in Deutschland durfte. Nachdem 2009 ein Gericht weitere Tiefflüge untersagte, gab sie den Platz auf.

Seltene Tiere haben hier ihr Zuhause

Die Sielmann-Stiftung will sich nun um den Erhalt der einzigartigen Heidelandschaft kümmern. „Wir haben hier so ziemlich alles, was die Rote Liste hergibt“, sagt Ute Steinke, die sich im Auftrag der Bima um den Naturschutz auf dem einstigen Bombenabwurfplatz kümmert. Seeadler, Wiesenweihe, Braunkehlchen, Steinschmätzer und andere bedrohte Vogelarten hätten ihre Heimat hier gefunden. Und mindestens ein Wolf habe hier sein Jagdrevier. Ein starker Rüde, der sehr zum Verdruss der Landwirte, auch Schafe reißt.

Die Sielmann-Stiftung wird zunächst einen insgesamt 13 Kilometer langen Weg zwischen Rossow und Neuglienicke so von Kampfmitteln räumen und sichern lassen, dass künftig regelmäßig geführte Fahrten und Wanderungen durch die Heide möglich sind. Auch ein Rastplatz ist in Planung. Die Schilder, die ein Betreten des gesamten Geländes untersagen, werden aber noch viele Jahre stehen bleiben.