Nach jahrelangem Hin und Her sollen jetzt die Bürger entscheiden, wo das neue Sport- und Freizeitbad der Brandenburger Landeshauptstadt entstehen soll: entweder an der Stelle des in die Jahre gekommenen, derzeitigen Sportbads schräg gegenüber vom Hauptbahnhof – oder im Volkspark, dem ehemaligen Buga-Gelände im Norden Potsdams. Die Stadt verschickte Anfang der Woche für die zweiwöchige Bürgerbefragung 130.896 Fragebögen. Einer sollte auch an Franka Müller gehen. Sie hat ihre Unterlagen noch nicht erhalten. Die Potsdamerin will nun notfalls online abstimmen. Das geht auch. Für die 46 Jahre alte Hebamme, die derzeit zweimal die Woche schwimmen geht, steht die Entscheidung bereits fest: „Ich bin für einen Neubau am bisherigen Standort am Brauhausberg.“ Weshalb? „Weil das Bad in die Mitte von Potsdam gehört.“

Bislang 5264 Potsdamer beteiligt

Bis Dienstag um 16 Uhr haben sich laut Rathaussprecher Jan Brunzlow 5264 Potsdamer an der Befragung beteiligt, die meisten – 2981 – online. Das entspricht einer bisherigen Wahlbeteiligung von vier Prozent. Bei der von der Stadt täglich geschalteten Hotline (0331/289-1004) riefen mehr als 100 Bürger an. „Die Hälfte hatte Verständnisfragen“, sagt Brunzlow. Kein Wunder: Nicht nur Formulierungen wie „330 Quadratmeter Wasserfläche als Freiformbecken“ übersteigen die Vorstellungskraft vieler. Vor allem bei der Gegenüberstellung des jährlichen Zuschussbedarfs für das Bad am Brauhausberg und im Volkspark dürfte keiner durchblicken. 2,477 Millionen Euro Zuschuss sind es bei der Volkspark-Badvariante, 2,595 Millionen Euro beim Brauhausberg. Weshalb, geht nicht schlüssig hervor. Rathaussprecher Brunzlow räumt ein: „Das ist sehr unklar in den Tabellen abgebildet.“ Er erklärt: „Wenn wir am Volkspark bauen, könnten wir durch den Grundstücks-Verkauf am Brauhausberg Erlöse von zwölf Millionen Euro einbringen. Wenn wir am Brauhausberg bauen, nehmen wir nur sechs Millionen Euro ein, weil wir dann nicht so viel Fläche verkaufen können.“ In beiden Fällen liegen die geplanten Investitionskosten bei 23 Millionen Euro.

Vorgesehen ist, egal an welchem Standort, ein 50 Meter langes Sport-Schwimmbecken mit Sprungbereich, sowie ein Lehrbecken für Schwimmanfänger. Im Familien- und Freizeitbadbereich sollen ein weiteres Becken und ein Kinderplanschbecken entstehen. Zwei Großrutschen kommen hinzu. Der Sauna- und Wellnessbereich sieht sieben Saunen und Dampfbäder vor sowie ein Außenschwimmbecken, Whirlpool und Solebecken.

Laut Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ist das Ergebnis der Befragung bindend. Die Stadtverordneten sollen den Bürgerwillen im Juni absegnen. Derzeit geht es fast zu wie im Wahlkampf. Die Rathauskooperation aus SPD, CDU/ANW, FDP und Grünen wirbt für einen Badneubau im Volkspark am Bornstedter Feld neben der Biosphäre. Die Linkspartei, die Andere, Bürgerbündnis und andere Initiativen wollen das Schwimmbad weiter in der Stadtmitte haben.

Auch Laura Zander (15) und Lucas Klingbeil (16) sind unterschiedlicher Meinung. Die beiden besuchen derzeit die 10. Klasse der Lenné-Gesamtschule in Potsdam. Lucas Klingbeil, der in Potsdam-Marquardt wohnt, will bei der Bürgerbefragung für ein Freizeitbad am Bornstedter Feld stimmen. „Davon würde dann auch die Biosphäre profitieren“ sagt er. „Sie könnte dann mit mehr Besuchern rechnen.“ Laura Zander darf mit 15 Jahren bei der Abstimmung noch nicht mitmachen, was sie bedauert. Sie sagt aber: „Ich bin für den jetzigen Standort. Die Halle am Brauhausberg steht schon so lange.“

Schwieriges Projekt

Für Potsdams Oberbürgermeister Jan Jakobs (SPD) hat sich das Badprojekt zu einem der schwierigsten Projekte in seiner bisherigen Amtszeit entwickelt. Lange Zeit hatte er gehofft, die Pläne des brasilianischen Star-Architekten Oscar Niemeyer doch noch verwirklichen zu können. Weit mehr als zwei Millionen Euro bezahlte die Stadt Niemeyer bereits an Planungskosten, doch der Entwurf landete in der Schublade. Die Landesregierung war nicht bereit, das teure Projekt zu fördern. 2007 kam das Nein. Zu viele Bäder waren im Land bereits unrentabel. Jakobs schlug schließlich den Bau eines Familien- und Freizeitbads im Bornstedter Feld neben dem Tropengarten Biosphäre vor. Die Stadtverordneten stimmten Anfang 2010 zu. Doch dann schienen auch dort die Kosten für die gewünschten Standards aus dem Ruder zu laufen. Anfang dieses Jahres konnten Interessengruppen diverse Badvarianten diskutieren. Das Ergebnis des 135.000 Euro teuren Werkstatt-Verfahrens waren vier Bad-Varianten. Nun stehen nur noch Neubauten zur Abstimmung, die derzeitige Brauhausberg-Halle soll abgerissen werden. Die Bürgerbefragung kostet weitere 110.000 Euro. Kein anderes Vorhaben hat bereits vor einer Entscheidung so viel Geld verschlungen.