Der Parkplatz Kersdorfer See an der Autobahn12 ist mit riesigen Ballonlampen taghell erleuchtet. Polizeiwagen stehen dort und mehr als 50 Männer in Uniform und schusssicherer Weste. Sie haben den dichten morgendlichen Verkehr in Richtung Grenze im Griff. Die zwei Fahrspuren auf der A12 verengen sich auf eine, blinkende Absperrvorrichtungen leiten die Fahrzeugkolonne schließlich direkt über den Parkplatz. Auf diese Weise entgeht den Fahndern kein Wagen.
Wer verdächtig wirkt, wird herausgewinkt und kontrolliert: Kleintransporter, teure Autos mit fremden Nummernschildern, besonders junge Fahrer oder Autotypen, die bei Dieben hoch im Kurs stehen. In Brandenburg sind das vor allem Autos der Volkswagen-Gruppe – Golf, Skoda, Seat und Audi. Lediglich große Warentransporter werden ausgelassen – ihre Durchsuchung würde zu lange dauern und zu viele Kräfte binden. Dem Beobachter der Szenerie wird an jenem Morgen dennoch klar: Die Polizei zeigt eindrucksvoll Präsenz und Stärke.
Erstes Ziel: Abschreckung
Autodiebe gehen den Ermittlern allerdings diesmal nicht ins Netz, dafür aber ein Verdächtiger in Sachen Hehlerei mit gestohlenen Kfz-Teilen, ein Ausländer ohne gültige Dokumente, Kleinkriminelle mit zwei vermutlich gestohlenen Fahrrädern. „Die Autoknackerbanden sind gut organisiert. Da hat ein Späher längst gemeldet, dass wir hier kontrollieren“, sagt einer der Polizisten. „Aber zumindest schrecken wir ab und verdrängen potenzielle Diebe.“ Und das ist ganz im Sinne von Jens Starigk, Chef der Soko „Grenze“, die gegen die Autodieben ermittelt. „Wir müssen Brandenburg unattraktiv machen für diese kriminellen Banden, indem wir das Entdeckungsrisiko erhöhen und der Bevölkerung gleichzeitig zeigen, dass wir ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen“, sagt Starigk.
Immerhin hat sich die Zahl der Autodiebstähle seit dem Wegfall der Grenzkontrollen an Oder und Neiße vervierfacht. Seit dem Herbst 2010 gibt es die Ermittlungsgruppe im Polizeipräsidium, gerade erst wurde sie von 80 auf 90 Beamte aufgestockt. Denn bisher lässt sich ein Erfolg der Soko nur schwer ausmachen, in jeder Nacht werden in Brandenburg zehn bis 20 Autos gestohlen. Das hat laut Starigk drei Ursachen: Zum einen vergehen zwischen dem Diebstahl und dem Transport des Diebesguts über die Grenze nur wenige Minuten. „Ehe wir davon erfahren, sind die Diebe längst über alle Berge.“ Zum anderen bedeutet die Grenze auch für die Ermittler, beispielsweise bei der Telefonüberwachung potenzieller Täter, eine Hürde. Und zum Dritten seien die arbeitsteilig organisierten Banden sehr professionell. „Die Zeit der Brechstangen ist längst vorbei“, sagt Starigk. Das kann auch der erfahrene Kriminaloberkommissar Steffen Berger bestätigen, von Beginn an bei der Soko „Grenze“: „Die agieren unheimlich konspirativ, beobachten uns genau, sind uns immer einen Schritt voraus und ändern alle paar Monate ihr Vorgehen.“ So ist es für die Autoknacker gar nicht mehr nötig, einen Wagen anzufassen, um dessen elektronische Steuerung lahmzulegen. „Erst kürzlich hatten wir einen Dieb, der mit seinem Laptop in 1500 Metern Entfernung saß und die Elektronik umprogrammierte“, erzählt Berger.
In der Regel werden gestohlene Wagen von weiteren Bandenmitgliedern auseinandergenommen – in speziellen Schrauberwerkstätten zu beiden Seiten der Oder. Gerade ältere Modelle fungieren als Ersatzteilspender und werden – laut Berger – über das Internet sogar wieder nach Deutschland verkauft. „Es ist ja beispielsweise ein Unterschied, ob ich den Auspuff für mehre Hundert oder nur für 50 Euro kaufe“, sagt der Fahnder. Andere Fahrzeuge werden per Laser zerschnitten und in Osteuropa wieder aus mehreren Autos gleichen Typs zusammengesetzt. „Wir hatten mal acht VW Sprinter in Einzelteilen auf drei Lastern verteilt“, erinnert sich Berger. Lediglich klassische Luxuskarossen würden „im Ganzen“ verschoben, dann aber meist bis nach Asien.
Mit ständig wechselnden Kontrollstellen und Einsatzzeiten versucht die Polizei, unberechenbar zu bleiben. Seit gut zwei Wochen hat die Soko „Grenze“ auf Geheiß des Innenministers drei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei zur Verstärkung.
Autofahrer haben Verständnis
Nicht nur an der A12 kontrolliert die Polizei an diesem Morgen, sondern auch an den Bundesstraße 167 vor dem Grenzübergang Hohenwutzen und an der Bundesstraße5 vor den Torten Frankfurts. Dort gerät auch Renate Pleske aus Buchholz in eine Kontrolle. Obwohl sie auf dem Weg zur Arbeit in Zeitnot ist, nimmt sie den Polizeieinsatz gelassen. „Ich bin das schon gewohnt, wurde an einem Tag sogar dreimal angehalten“, sagt sie und freut sich über die Kontrolle angesichts der vielen Diebstähle und Einbrüche in der Grenzregion.
122 Polizisten stehen Einsatzleiter Berger zur Verfügung, nur 15 davon sind von der Soko „Grenze“. Der hohe Personaleinsatz ermöglicht auf den beiden Bundesstraßen sogar eine Kontrolle aller Fahrzeuge. Schließlich ist bekannt, dass Autodiebe gern im dichten Berufsverkehr untertauchen. Lang gesuchte Kriminielle gehen der Polizei bei 411 kontrollierten Fahrzeugen nicht ins Netz – möglicherweise hat sich in Gaunerkreisen herumgesprochen, wie die Ermittler jetzt durchgreifen. Denn fünf Tage zuvor gab es schon einmal eine so große Kontrolle. Damals gab es insgesamt acht Festnahmen – ein empfindlicher Schlag gegen die Banden.
Noch sind die Autodiebe hauptsächlich nachts aktiv, doch auch das kann sich nach Ansicht der Ermittler schnell ändern. Dass die Gauner allmählich nervös werden, zeigt das immer aggressivere Auftreten der Auto-Kuriere, die mit bis zu 200 Stundenkilometern Kontrollen durchbrechen. So auch beim Einsatz nahe Hohenwutzen. Ein VW T5 mit Thüringer Kennzeichen rast plötzlich über die Grenzbrücke davon. Die Polizisten verfolgen das Fahrzeug, finden es zweieinhalb Kilometer hinter der polnischen Grenze. Vom Fahrer fehlt jede Spur. Dann entdecken die Beamten in Hohenwutzen einen VW Passat mit irischen Kennzeichen und manipuliertem Schloss an der Fahrerseite. Am Steuer sitzt ein Litauer, der wegen mutmaßlichen Bandendiebstahls festgenommen wird. Nach Ansicht der Ermittler könnte er als „Pilot“ für den T5 gedient und die Gegend ausgekundschaftet haben.




