Autodiebstahl

Schieberbande zerlegt gestohlene Autos

Seit Montag sitzt ein Litauer auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts, weil er 26 Autos - der Großteil stammt aus Berlin - gestohlen haben und in Einzelteile zerlegt haben soll.

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Als die Beamten des Brandenburger Landeskriminalamtes (LKA) im Sommer 2007 nach Hinweisen aus der Bevölkerung eine Lagerhalle in Seelow stürmen, staunen sie nicht schlecht. Zwölf Autos stehen – bereits teilweise fachmännisch zerlegt – in der illegalen Schrauberwerkstatt, zwölf weitere sind nur noch anhand ihrer Einzelteile zu identifizieren, die fein säuberlich sortiert auf dem Auflieger eines polnischen Sattelschleppers liegen. „Außerdem gab es noch jede Menge Teile von mindestes 66 anderen Wagen, allein mehr als 1000 Autorad-Muttern“, sagt der Frankfurter Staatsanwalt Gernot Baltes.

Gemeinsamkeit aller Fahrzeuge: Sie waren zuvor ihren rechtmäßigen Besitzern gestohlen worden, die meisten davon in Berlin. Derjenige, der dafür verantwortlich sein soll, ging den Fahndern erst viel später ins Netz. Der Litauer Andrius V. hatte sich zum Zeitpunkt der Razzia längst nach Polen abgesetzt, konnte dort erst Jahre später wegen Auto-Delikten gefasst und verurteilt werden. Nach der Verbüßung einer Haftstrafe überstellten die polnischen Behörden den 30-Jährigen im Sommer dieses Jahres an die deutschen Kollegen – aufgrund eines internationalen Haftbefehls, mit dem der mutmaßliche Bandenchef inzwischen gesucht wurde.

Seit Montag nun sitzt V. auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichtes – und schweigt zu den Vorwürfen. Mindestens 28 Fälle bandenmäßiger Hehlerei wirft ihm die Anklagevertretung vor. „Das sind die Fälle, die wir definitiv nachweisen können“, sagt Staatsanwalt Baltes. Er geht davon aus, dass der schmächtige Litauer Chef dieser Bande war. V. soll laut den Ermittlungen Bekannte angeheuert haben, die mit ihm die Autos zerlegten, um sie in Litauen gewinnbringend zu verkaufen. Er hatte zudem Anfang Mai 2007 nachweislich die Lagerhalle in Seelow angemietet und darüber hinaus eine polnische Spedition mit dem Transfer der auseinandergeschraubten Fahrzeuge von Deutschland in seine Heimat beauftragt.

Trend der Autoklau-Banden

Und der 30-Jährige soll auch den Kontakt zu den eigentlichen, den Ermittlern allerdings nach wie vor unbekannten Autodieben gehalten haben. „Ob er sie konkret beauftragte oder ihnen einfach nur Diebesgut abnahm, war bisher nicht festzustellen“, sagt der Staatsanwalt. Unter den 28 gestohlenen Wagen waren sowohl herkömmliche Modelle wie Toyota oder VW, als auch Luxuskarossen wie S- und E- Klasse von Mercedes oder der beliebte BMW X5. Insgesamt hatten die geklauten Fahrzeuge laut einem Gerichtssprechen einen Wert von rund 680.000 Euro. Damit nicht genug läuft gegen V. ein ähnliches Verfahren in Berlin, außerdem wartet der Richter im niedersächsischen Nordhorn auf den 30-Jährigen wegen des Einbruchs in ein Warenlager.

Gestohlene Fahrzeuge vor dem Abtransport zu zerlegen, sei durchaus ein Trend bei Autoklau-Banden, bestätigt Gerd Otter von der Brandenburger Soko „Grenze“. „Erstens fällt man damit weniger auf, als mit kompletten Wagen, andererseits ist der Gewinn durchaus höher, wenn man das Auto in Einzelteilen zerlegt.“ Allerdings befänden sich Schrauberwerkstätten meist östlich der Oder. Die 76 Mann starke Spezialeinheit versucht seit gut einem Jahr, die gut organisierten, international agierenden Autoknacker-Banden zu bremsen. Bisher mit eher mäßigem Erfolg. Denn seit dem Wegfall der Grenzkontrollen 2007 steigen die Zahlen gestohlener Fahrzeuge in Brandenburg. Waren es damals 2469 Fälle, so lag die Zahl im vergangenen Jahr schon bei 4055. Bevorzugte Modelle sind die Marken: VW, Audi, Mercedes und BMW.

„Unser Fernziel ist natürlich, diesen Trend zu stoppen. Im Moment sind wir jedoch schon stolz darauf, wenn die Steigerungsraten geringer werden“, sagt Otter. Immerhin: In der Stadt Frankfurt wurden im ersten Halbjahr 2011 151 Autos geklaut, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedeutet das einen Rückgang von 3,8 Prozent.

Verfolgungsdruck wächst

Brennpunkte, in denen die meisten Fahrzeuge verschwinden, sind laut Otter die Grenzstädte, die Landeshauptstadt Potsdam und der Berliner Speckgürtel. Aktuelle Zahlen für das ganze Land will das Brandenburger Innenministerium im November bekannt geben.

Dass der Verfolgungsdruck auf die Autoschieber wächst, beweist nicht zuletzt die steigende Brutalität und Skrupellosigkeit, mit der die Banden vorgehen. „Auf unsere Haltekelle reagieren die schon längst nicht mehr. Im Gegenteil: Sie nehmen in Kauf, dass Leute verletzt werden, wenn sie mit Gewalt durchbrechen“, sagt der Soko-Sprecher. Stopp-Sticks, die Reifen zerschneiden, helfen seinen Angaben nach auch nur bedingt. „Die Autodiebe rasen selbst auf den nackten Felgen noch über die Grenze.“ Gerammte und dabei ziemlich demolierte Einsatzwagen, im letzten Moment zur Seite springende Beamte gehörten mittlerweile zum Alltag.

Aber auch Fahndungserfolge. Gleich vier in Einzelteile zerlegte Autos haben Bundespolizisten am Sonntag in einem litauischen Laster auf der A12 Berlin-Frankfurt (Oder) sichergestellt. Weitere Ermittlungen ergaben, dass der Wagen gestohlen war und vom Landratsamt Kleve seit dem 28. September 2011 gesucht wurde, wie die Bundespolizei am Montag berichtete. Fahrer und Beifahrer des Lasters, die Männer sind 45 und 46 Jahre alt, wurden vorläufig festgenommen.

Der Prozess gegen V. wird am Donnerstag fortgesetzt.