Flughafen Schönhagen

Widerstand gegen Umzug der Polizei-Helikopter

| Lesedauer: 8 Minuten
Axel Lier

Foto: Lier / Axel Lier

Die geplante Verlegung der Brandenburger Polizeihubschrauber sorgt für Ärger. Statt von Schönfefeld sollen die Helikopter ab Dezember 2009 vom Flughafen Schönhagen starten. Anwohner wie auch Beamte wollen sich mit der Entscheidung nicht abfinden. Der Protest nimmt zu, und dann ist da auch noch ein Brandbrief aufgetaucht.

Es ist ein Kampf um jeden Meter Natur. Der Forstarbeiter fällt Bäume. Reihenweise. Im Westen des Flugplatzes. Norbert Wagner betritt den Frontabschnitt. Wagner ist eigentlich ein ruhiger Typ, 61 Jahre alt, ehemaliger Ingenieur, jetzt Rentner - also einer, der alle Fünfe gerade sein lassen könnte. Den Rodungen aber kann er nicht tatenlos zusehen.

Wagner stürzt auf den Arbeiter zu, hält ihm eine Karte vor die Brust und rutscht mit dem Finger auf einer Markierung entlang. Immer wieder. Doch den Mann mit der Säge interessiert das nicht. Er hat seine Anweisungen. Wieder fällt ein Baum, weil er zu hoch steht und dadurch angeblich die Flugzeuge gefährden könnte.

Wagner bezieht Feldposten. Mit dem Handy ordert er Verstärkung. Kurze Pause. "Dieser Flugplatz ist wie Krebs", sagt der 61-Jährige, "wenn man nichts dagegen tut, wächst er unaufhörlich."

Der Flugplatz Schönhagen, angesiedelt zwischen Trebbin und Beelitz, expandiert. Die Zahl der angesiedelten Unternehmen und Flüge steigt jährlich. Ende Januar hat das Innenministerium entschieden, die Polizeihubschrauberstaffel dorthin zu verlegen. Bislang sind die Helikopter noch am Großflughafen in Schönefeld stationiert.

Flüge über Naturschutzgebiet

Es sind nur zwei Hubschrauber, die für die Polizei im Einsatz sind. Aber sie werden rund um die Uhr abheben. Womöglich über Naturschutzgebiete brettern. Und über das Dach von Norbert Wagner, der nur ein paar hundert Meter entfernt wohnt.

Um die Sinnlosigkeit des Umzuges zu demonstrieren, spricht der 61-Jährige gern in Bildern. "Stellen Sie sich vor", sagt er, "in ihrem Ort gibt es eine Kita. Sie liegt an einer Einbahnstraße, dort gilt Tempo 30." Kurze Pause. Wagner kneift die Augen hinter seiner Brille zusammen. "Neben die Kita soll jetzt plötzlich die Zentrale des Spezialeinsatzkommandos entstehen, mit großer Garage, die den Kita-Spielplatz plattmacht."

Wagner und ein weiteres Dutzend Aktive einer Bürgerinitiative wollen sich nicht mit der Entscheidung aus Potsdam abfinden; hinter dem Zuschlag für die Ansiedlung vermuten sie Filz. Der Landkreis Teltow-Fläming ist zu 99 Prozent Gesellschafter des Flugplatzes, der örtliche Landrat Vorsitzender des Aufsichtsrates. "Schönhagen unterscheidet sich von Sizilien nur durch den Breitengrad", sagt Wagner. Mafia. Er meint das ernst.

Flankenschutz erhält die Bürgerinitiative von der Polizei, von denen, die im Dezember umziehen müssen. Die Piloten der Hubschrauberstaffel sagen, der Flugplatz in Schönhagen ist als "ungünstig zu bewerten". Das Gutachten dazu liegt im Giftschrank des Innenministeriums. Ablage: Unbearbeitet. Die hohen Herren aus Potsdam ließen bei einer Aussprache mit ihren kritischen Beamten durchblicken: Wer nicht will, muss nicht umziehen. Aber die Entscheidung steht. Auf dem Flugplatz in Schönhagen wurden deshalb längst Fakten geschaffen.

Piloten werden Schönhagen mögen

Der Geländewagen fährt über den asphaltierten Weg, der zum Tower führt. Links von ihm eine abgemähte Grasnarbe. Sie zeigt genau, wie viel Platz die Polizeihubschrauber bekommen. "Wenn die Piloten erst mal hier sind, werden sie die Vorzüge von Schönhagen erkennen", sagt Klaus-Jürgen Schwahn, Chef der Flugplatzgesellschaft.

Der 51-jährige Ingenieur, der zum Thema Hubschraubergelenkwellen promoviert hat, ist ein Pilot wie aus dem Bilderbuch: Drei-Tage-Bart, Fliegerjacke mit Fellkragen, darunter ein offenes Hemd aus dem Brusthaare wuchern. Sein Schal hängt lässig um den Hals, die Brille sitzt schief auf der Nase.

Schwahn stoppt seinen Wagen im Gewerbegebiet des Flugplatzes, direkt vor der abgemähten Wiese. "Der Platz hier wurde ausgewählt, weil er einen großen Abstand zu den Häusern hat", sagt er mit sonorer Stimme. Niemand müsse sich wegen der Fluggeräusche Sorgen machen, so Schwahn. Er selbst wohnt eine halbe Stunde Autofahrt von hier entfernt.

Der umtriebige Flugplatz-Chef hat dem Innenministerium im Sommer vergangenen Jahres ein Konzept für die Ansiedelung der Staffel vorgelegt. Den Zuschlag bekam er im Januar. Mit Hilfe seiner Hausbank will Schwahn nun die Bauten finanzieren und danach an das Land vermieten. Längerfristig.

Eine wichtige Frage ist allerdings noch ungeklärt: Wer die Sicherheitstechnik bezahlen wird. Denn dort, wo jetzt eine Wiese ist, müssen abgeriegelte Sicherheitsterminals entstehen. Wahrscheinlich eine zusätzliche Millioneninvestition. Wer das bezahlt? Achselzucken.

Der Flugplatz-Chef betritt den Tower und blickt durch die getönten Scheiben über das Flugplatzgelände. Viel ist nicht los. Niesel legt sich auf die parkenden Flieger. Schwahn machte sich keine Sorgen, dass der Umzug vielleicht noch verhindert wird. "Die Kritik ist stark übertrieben", sagt er. Vor allem beim Thema Nachtflugverbot und Naturschutzgebiete.

Etwas mehr als zwei Dutzend Starts und Landungen in der Nacht sind pro Monat in Schönhagen erlaubt. So steht es in der Betriebserlaubnis. Doch wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, zählt jede Sekunde. Dann kann die Polizei fliegen wann und in welche Richtung sie will. Auch über die Rastplätze von 45 000 Vögeln.

Streit um Flugplatzausbau

Ein ähnlicher Joker fehlt dem Flugplatz-Chef im Umgang mit der Bürgerinitiative. Es gab schon immer Streit um den Platz, um dessen Ausbau, um dessen führende Köpfe. 2005 endete er mit einem Vergleich vor Gericht. Seeadlerbrutstätten schlugen damals Expansionspläne. Die Bürgerinitiative schlief ein, man vertraute dem Friedensvertrag, über den Konflikt wuchs büschelweise Sumpfgras.

Doch die Entscheidung des Innenministeriums, die Staffel nach Schönhagen zu verlegen, reißt Wunden auf. Die verfeindeten Lager haben wieder Stellung bezogen. Schwahn steigt die Treppen des Towers herab. Ihn lässt das alles ruhig. Sagt er. "Jeder anständige Flugplatz hat seine Bürgerinitiative."

Norbert Wagner ist alles andere als gelassen. Er sitzt mit zwei Aktivisten in Löwendorf, unweit von Schönhagen, in deren Haus zusammen. Einsatzbesprechung.

Der Rentner mit den wachen Augen zeigt beim Thema Flugplatzausbau die Angriffslust eines Umweltschützers, der Walfischfänger rammt. Obwohl er seinen Flugschein selbst einst in Schönhagen gemacht hat - er ist mittlerweile verfallen.

Entscheidung ist gefallen

Wagner sagt, er will nicht als Robin Hood oder als Querulant gelten. Letzteres trifft aber zu - zumindest im Moment. Ein Querulant ist jemand, der ständig an allem und jedem herumnörgelt. Und die Entscheidung für den Umzug der Polizeihubschrauber nach Schönhagen ist gefallen.

Der 61-Jährige lässt sich davon nicht abschrecken. Seine Kameraden auch nicht. Neben dem Esstisch liegen Aktenordner, gefüllt mit Argumenten, die Stimmung ist gut, der Schlachtplan wird erläutert.

"Es gibt drei Möglichkeiten, die Staffel wieder loszuwerden", sagt der Rentner. 1. Die Polizeihubschrauber fliegen in den Nachtstunden öfter als erlaubt. 2. Schönhagen ist falsch bewertet worden, weil jemand einen Nutzen davon hat. 3. Die Piloten brettern über das Vogelschutzgebiet, dann rückt die EU-Kommission den Entscheidern in Potsdam auf die Pelle. "Die Graugans ist unser wichtigster Verbündeter", sagt Wagner.

In einem der Aktenordner hat er einen Brandbrief abgeheftet. Ein Beamter aus dem Apparat in Potsdam klagt, die Entscheidung für Schönhagen lasse ihn an der "Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens" zweifeln. Dann packt er auf drei Seiten Interna aus. Neue Munition für die Bürgerinitiative.

Der Kampf um jeden Meter Natur. Für Norbert Wagner geht er in die nächste Runde.