Die Zahl der Wohnungseinbrüche steigt im Land Brandenburg besorgniserregend: Wurde die Polizei im Jahr 2009 in 2445 Fällen gerufen, haben sie aufgeregte Bewohner im vergangenen Jahr bereits 2839 Mal alarmiert. Allein im ersten Halbjahr 2011 wurden nach Angaben des Polizeipräsidiums Potsdam im Land 2131 Wohnungseinbrüche registriert. Die Tendenz ist also stark steigend. Mehr als die Hälfte der Einbrüche werden in den Städten und Gemeinden im Speckgürtel um Berlin gemeldet. In Kommunen wie Falkensee oder Kleinmachnow ist die Unsicherheit der Bürger besonders groß, wie sie sich vor ungebetenen Gästen schätzen können. Trotzdem will Innenminister Dietmar Woidke (SPD) im Zuge der Polizeireform nicht nur bei der Kriminalpolizei, sondern auch bei den Beratungsangeboten sparen.

Präventionsbeauftragte reduzieren

Der Bericht der Kommission, der die Grundlage für die geplante umfangreiche Reform der Polizeistruktur in Brandenburg bildet, sieht vor, langfristig die Zahl der derzeit 113 Präventionsbeauftragten im Land auf 71 zu reduzieren. Die Gewerkschaft der Polizei sowie Politiker kritisieren die geplanten Kürzungen scharf.

Der innenpolitische Sprecher der oppositionellen CDU-Landtagsfraktion, Sven Petke, beklagt: „Die Prävention ist der Bereich, der bei der Polizeireform am meisten betroffen sein wird.“ Es sei damit zu rechnen, dass die Personalausstattung bei der Präventionsarbeit bis zu 50 Prozent verringert wird. „Die Bürger werden das in Kürze bereits merken“, prophezeit Petke. Seine Warnung: „Wer bei der Prävention spart, wird die Quittung bekommen.“

Polizeihauptkommissar Olaf Pokorny ist als Leiter des Sachgebietes Prävention für den Landkreis Havelland mit für die sogenannte technische Prävention zuständig. Er kann bestätigen: „Die Nachfrage nach Beratung steigt.“ Im vergangenen Jahr führte der Hauptkommissar 40 sogenannte technische Präventionsberatungen direkt vor Ort durch, in diesem Jahr waren es bislang 28. „Die Leute rufen mich an, wir vereinbaren einen Termin direkt am Haus und schauen uns die Situation an“, schildert Pokorny den kostenlosen Service der Polizei. „Manche Bürger wenden sich sogar schon an uns, ehe sie zu bauen beginnen.“ Im Havelland können sich Rat suchende Bürger unter Tel:03321/4002848 melden.

Die Einfamilienhäuser in Falkensee sind bei Einbrechern besonders beliebt. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei im Stadtgebiet 114 Wohnungseinbrüche. Im ersten Halbjahr 2011 wurden bereits 64 Einbrüche gemeldet. In weit über der Hälfte aller Fälle hebeln Einbrecher Fenster und Türen mit einfachem Hebelwerkzeug auf, wie zum Beispiel einem Schraubendreher. In der Regel rät der Präventionsbeauftragte deshalb zu sogenannten Pilzköpfen an Fenstern und Terrassentüren. „Sie bieten einen hohen Einbruchsschutz“, sagt Pokorny. Nicht zu empfehlen seien hingegen einfache Rollzapfen am Fenster. Außerdem sollten die Fenster und Terrassentüren verschlossen werden können. Die Formel ist einfach: Je länger der Einbrecher sich mühen muss, desto eher gibt er auf. „Jede Minute, die er am Tatort verweilen muss, schützt den Hauseigentümer“, sagt Pokorny. „Braucht er zu lange, bricht er den Einbruch aus Angst vor Entdeckung ab.“

Aufklärungsquote rückläufig

Wegen der zunehmenden Einbrüche appelliert auch Falkensees Bürgermeister Heiko Müller (SPD) an den Innenminister, die Präventionsarbeit künftig nicht zu vernachlässigen. Auch Kleinmachnow in Potsdam-Mittelmark hat mit zunehmenden Einbrüchen zu kämpfen. Bürgermeister Michael Grubert (SPD) warnt ebenfalls vor Einsparungen beim Beratungsangebot für die Bürger.

Dramatisch ist der landesweite Zuwachs bei Einbrüchen am Tag zwischen 6 und 21 Uhr. Im vergangenen Jahr kamen die Täter 1301 Mal am Tag – das ist ein Anstieg um 50 Prozent. Die Aufklärungsquote in diesem Bereich ist rückläufig: Wurde im Jahr 2009 noch fast jeder dritte „Tageseinbruch“ aufgeklärt, war es im Jahr 2010 nur noch jeder vierte.

Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) beobachtet die Entwicklung bei den Einbrüchen ebenfalls mit Sorge. „Den aktuellen Anstieg bei den Wohnungseinbrüchen müssen wir umso ernster nehmen, als er in deutlichem Kontrast steht zur ansonsten langjährig rückläufigen Gesamtkriminalität in Brandenburg“, sagte Woidke jüngst bei der Vorstellung der Kriminalstatistik für das Land. Er dementiert jedoch, dass sich die Situation durch den geplanten Personalabbau im Zuge der Polizeireform verschärfen wird. Der stellvertretende Sprecher des Potsdamer Innenministeriums, Geert Piorkowski, verweist darauf, dass sich „die Polizei von Aufgaben lösen muss“. Sie werde sich aber auch bei der Beratung nicht zurückziehen, sondern stattdessen verstärkt Schulungsangebote für Multiplikatoren wie Schulen oder Kita unterbreiten. Die Prävention werde weiterhin einen hohen Stellenwert haben, sagt Piorkowski. „Wir schaffen es künftig nur nicht mehr, Prävention flächendeckend über die Polizei zu betreiben.“

Nicht nur die Beratung zum optimalen Schutz vor Einbrechern gehört zum Aufgabengebiet der fünf beratenden Beamten im Schutzbereich Havelland.

Verkehrserziehung auch betroffen

Auch die Gewalt- und Drogenprävention in den Schulen zählen dazu – und die Verkehrserziehung. Die Beamten werden dafür von Kitas und Schulen angefordert.

Der Chef der Gewerkschaft der Polizei, Andreas Schuster, schlägt angesichts der Kürzungspläne Alarm: „Prävention ist die vornehmlichste Aufgabe der Polizei.“ Schon vor Jahren sei in diesem Bereich schleichend Personal abgebaut worden, kritisiert Schuster. „Hier zu sparen ist unverantwortlich und kontraproduktiv“, so der Gewerkschaftschef. Vor allem die älteren Bürger hätten einen großen Beratungsbedarf. Sie wollen wissen, wie sie sich vor Dieben und Einbrechern schützen könnten. Die beratenden Polizeibeamten seien deshalb häufig zu Seniorenveranstaltungen eingeladen.

Die Kolleginnen und Kollegen, die für die Verkehrserziehung mit den Puppenbühnen durchs Land reisen, könnten laut Schuster 24 Stunden am Tag arbeiten, so groß sei das Interesse. Das Gleiche gelte für die Drogenprävention an den Schulen. „Bei vielen Straftaten sind Drogen und Alkohol im Spiel.“ Die Pläne des Innenministers nennt Schuster schlicht kurzsichtig und unverantwortbar. „Die Präventionsarbeit ist auch Imagepflege für die Polizei“, sagt Schuster. Dieses leichtfertig aufs Spiel zu setzen sei nicht nachvollziehbar.

Die Landesverkehrswacht warnt ebenfalls vor den geplanten massiven Einschnitten bei der Präventionsarbeit der Polizei. „Sie wird flächendeckend nicht mehr möglich“, bedauert der Präsident der Landesverkehrswacht, Jürgen Maresch. „Das ist ein verheerendes Signal.“ Der Landtagsabgeordnete der Linken und ehemalige Polizist kritisiert, dass das Polizeiorchester bleiben soll, die Puppenbühnen mit ihren bewährten Präventionsspielen aber abgeschafft werden sollen. Dabei sei Prävention für eine bürgernahe Polizei wichtiger „als ein Orchester“.