75. Geburtstag

Manfred Stolpe als Versöhner geehrt

Sechs Jahre nach seinem Abschied aus der Politik stand er noch einmal im Rampenlicht: Manfred Stolpe hat seinen 75. Geburtstag gefeiert. Prominente wie Altkanzler Schröder und Katja Epstein gratulierten Brandenburgs Ex-Regierungschef.

Foto: dpa

Der Mutmacher. Der Zuverlässige. Der Erklärer. Der Lotse. Die Zahl der Beinamen, die Manfred Stolpe an seinem 75. Geburtstag von Gratulanten gegeben werden, ist schier unerschöpflich. Stolpe scheint ein Wesen zu haben, das dazu herausfordert, ihm Charaktertitel anzuhängen wie früher Fürsten und Feldherren.

Gerhard Schröder würdigt Stolpe als den „Zuversichtlichen“. Diese Eigenschaft habe er bei seinem Parteifreund immer bewundert, gibt der ehemalige Bundeskanzler in seiner Rede beim Festakt im Potsdamer Nikolaisaal zu. „Er hat diese unverzagt und frohgemute Ausstrahlung, die durchaus etwas Magisches hat“, sagt Schröder. „Und es gibt keinen Politiker, für den die Hinwendung zu den Menschen so elementar ist.“ Mit diesen Eigenschaften habe Stolpe nach der Wiedervereinigung „wesentlich daran mitgewirkt, die Menschen in Ost und West zusammenzuführen und die Spaltung Deutschlands zu überwinden“. Vor Schwierigkeiten und Anwürfen habe Stolpe sich nie weggeduckt, sagt Schröder. Stattdessen sei er konstruktiv und optimistisch geblieben.

Manfred Stolpe wird am 16. Mai 1936 im heute polnischen Stettin geboren. Nach dem Studium in Jena tritt er 1959 als Jurist in den Dienst der evangelischen Kirche. „Wer in dieser Zeit als Jurist zur Kirche in der DDR geht, wählte nicht den einfachen Weg“, sagt der evangelische Alt-Bischof Wolfgang Huber, der Stolpes Verdienste für die Kirche lobt und ihn als „Brückenbauer“ bezeichnet.

Eigenständigkeit der Kirche bewahrt

Stolpe macht in der Kirche in den 60er- und 70er-Jahren Karriere und übernimmt schließlich 1982 als Konsistorialpräsident die Leitung der Ost-Berliner Verwaltung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Als Jurist war er zugleich langjähriger Chef-Unterhändler der evangelischen Kirche mit der DDR-Staatsführung. Dies führte später auch zum Vorwurf, er habe dabei eine zu große Nähe zur Stasi aufgebaut.

„Man brauchte damals die vorpreschenden Bürgerrechtler – man brauchte aber auch den, der sie aus dem Knast holte“, sagte Huber. Es sei auch Stolpe zu verdanken, dass die Kirche sich in der DDR die Eigenständigkeit bewahren und eine solch entscheidende Rolle bei der Wende spielen konnte, lobte Huber. „Dafür allergrößten Respekt, ohne jede Einschränkung.“

1990 trat Stolpe in die SPD ein und war bis 2002 erster Ministerpräsident des neuen Bundeslandes Brandenburg. Danach ging er als Bundesverkehrsminister ins rot-grünen Kabinett unter Schröder. Stolpe gehörte von 1991 bis 2002 auch dem SPD-Bundesvorstand an.

Unter den Gratulanten waren auch die ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und Frank-Walter Steinmeier (SPD). Der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) gratulierte Stolpe ebenso wie die Sängerinnen Katja Epstein und Dagmar Frederic sowie die Botschafter Polens und Russlands, deren Länder Stolpe bei der Kontaktpflege mit Osteuropa besonders am Herzen liegen. SPD-Urgestein Egon Bahr lobte Stolpe als „Versöhner“ in Deutschland und Europa. Bahr sagte, die „Kampagne“ gegen Stolpe wegen dessen Stasi-Vergangenheit sei „schändlich“ gewesen. Er forderte eine „Versöhnung ohne Vergessen“ für Deutschland.

Er wollte Chancen schaffen

Zuletzt hat sich Stolpe, unterbrochen von einer Krebserkrankung, vor allem auch der Denkmalpflege gewidmet. Als Vorsitzender des Brandenburger Denkmalbeirats nutzte er sogar seine gestrige Ansprache, um bei seinen Geburtstagsgästen für Projekte und Spenden zu werben. Weiter dankte Stolpe seinen Laudatoren. „Wenn ich nicht so ein sturer, pommerscher Dickkopf wäre, wie meine Frau es nennt, hätte ich in Tränen ausbrechen können.“

Seine politische Agenda, die ihm die Kritik eingebrachte, einen „Brandenburger Weg“ zu verfolgen und mit ihrer Orientierung am politischen Konsens eine „kleine DDR“ zu kultivieren, verteidigte Stolpe. „Die Menschen sollten nicht die Verlierer der Einheit sein, sondern Chancen haben“, sagte er. Außerdem rief Stolpe dazu auf, weiter die Verschmelzung von Berlin und Brandenburg voran zu treiben. „Sprecht nur alle immer von der wunderbaren Metropolregion Berlin-Brandenburg“, sagte er, „eigentlich müsste es zwar Brandenburg-Berlin heißen, aber das ist sprachlich schwierig und das hält auch der Hochmut der Berliner nicht aus.“

Diesen Blick auf das Land würdigte Stolpes Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, Matthias Platzeck (SPD). Den „Gründervater“ nannte er den Jubilar. „Ohne Manfred Stolpe gäbe es dieses Brandenburg nicht“, sagte Platzeck. Das Land habe 1990 keinen Regionalpatriotismus wie Sachsen gehabt. Stolpe habe den Menschen im Umbruch Halt und Orientierung gegeben. „Heute identifizieren sich die Menschen mit dem Land“, sagte Platzeck, und er scheint damit recht zu haben: Als sich die 500 Gäste zum Abschluss der Feier erhoben und die Hymne „Märkische Heide, Märkischer Sand“ anstimmen, sang fast jeder mit – auch die eigentlich an der Feier unbeteiligten obligatorischen Feuerwehrleute am Saalausgang. Angesichts dieses erschaffenen Lokalstolzes verwundert es eigentlich, dass der naheliegendste Beiname für den Jubilar bei dieser Geburtstagsfeier ausblieb: Manfred Stolpe, der Brandenburger.