Im Grenzgebiet der DDR war sie fast 40 Jahre dem Verfall preisgegeben, heute gehört die inzwischen sanierte Sacrower Heilandskirche zum Weltkulturerbe Potsdamer Havellandschaft der Unesco – wie auch die Parkanlagen Sanssouci, der Neue Garten und der Pfingstberg, Glienicke mit den Schlössern und die Pfaueninsel.

Jahrelang sammelte der Orgelliebhaber Achim Haid-Loh gemeinsam mit anderen Mitgliedern der „Ars Sacrow“ und der Evangelischen Pfingstgemeinde 200.000 Euro an Spenden für die Kirche. So konnte die in Nachkriegszeiten zerstörte wertvolle Wegscheider-Orgel wieder aufgebaut werden. „Bestimmt nicht, um jetzt in dem denkmalgeschützten Gebäude des Unesco-Kulturerbes Schallschutzfenster einbauen zu lassen“, sagt Achim Haid-Loh. Zusammen mit Tausenden Mitstreitern kämpft er in dem überparteilichen Bündnis „Berlin Brandenburg gegen neue Flugrouten“. Die Initiative will erreichen, dass die Deutsche Flugsicherung von ihren Plänen abrückt und zu den alten Routen des Planfeststellungsbeschlusses zurückkehrt.

Vor zwei Jahren hat der Therapeut seine psychologische Praxis für Paar- und Familientherapie am Waldrand nahe dem Sacrower See eröffnet. Er bereut es nicht, die Hektik der Hauptstadt hinter sich gelassen zu haben. Doch durch die derzeitige Flugroutenplanung sieht er das Naturidyll bedroht. Achim Haid-Loh hat deshalb auch die „Bürgerinitiative Weltkulturerbe Potsdam“ mitgegründet. Sie fordert: keine Flugrouten über Heilandskirche, Pfaueninsel und Sanssouci. Die Initiative rechnet mit mehr als 300 Flugbewegungen am Tag, etwa die Hälfte dessen, was künftig am Großflughafen BBI täglich starten soll. „Was da auf uns zukommt, wäre mindestens zehnmal mehr als bisher“, sagt Haid-Loh. „Die Schäden für Menschen, für national und international geschützte Kultur- und Naturräume sowie für den Tourismus – eine Haupteinnahmequelle der Region – wären enorm.“

Millionen Touristen jährlich

Für Naturschutzgebiete gelten beim Lärm- und Emissionsschutz besonders strenge rechtliche Richtlinien. Umso mehr ist das bei einer zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Region der Fall. „Das Potsdamer Unesco-Weltkulturerbe und die angrenzenden Naturschutzgebiete werden Jahr für Jahr von Millionen Touristen besucht“, heißt es daher in einem Brief der Initiative an Brandenburgs Infrastruktur-Staatssekretär Rainer Bretschneider. „Sie sind ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für die Region.“

Seit Anfang September bekannt geworden ist, dass die Maschinen nach der Eröffnung des Großflughafens in anderthalb Jahren über andere Gebiete und in anderen Höhen fliegen als bislang von Schönefeld und Tegel, herrscht vor allem im Südwesten Berlins Aufruhr. Aber auch in Stahnsdorf, Teltow und Kleinmachnow – und in Potsdam.

Bislang weiß aber keiner so recht, wie es kommen wird. Das Bundesamt für Flugsicherung will nach bisherigem Stand die endgültigen Routen erst im März 2012 veröffentlichen. Die Deutsche Flugsicherung hat nur bestätigt, es könne durchaus sein, dass Langstreckenflugzeuge vom Typ Airbus A340-200 Potsdam in geringerer Höhe überqueren: Das kann bis zu 1100 Meter gehen. Allerdings fliegen die Maschinen schon jetzt von Tegel und Schönefeld relativ oft über die Landeshauptstadt und bei Ostwind im Anflug 900 Meter tief. Die Flieger werden nach den bisherigen Plänen künftig nicht in gerader Linie starten, sondern jedes Mal mindestens eine 15-Grad-Kurve fliegen. Das ist Vorschrift, sobald Flugzeuge parallel starten. Der neue Flughafen ist so ausgelegt, dass er gleichzeitige Starts ermöglicht. Ein Parallelbetrieb ist nach Ansicht der Flughafengesellschaft, die dem Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg gehört, aber nur in Spitzenzeiten nötig.

„Wir nehmen die Sorgen ernst“, versichert Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD). Er sagt aber auch: „Potsdam ist nicht so sehr betroffen wie andere Kommunen.“ In Abstimmung mit dem für die Schlösser und Gärten und das Kulturerbe zuständigen Wissenschafts- und Kulturministerium hat Vogelsänger inzwischen die Flugsicherung angeschrieben. Und das brandenburgische Kulturministerium gab nach Auskunft von Sprecherin Antje Grabley die Bedenken der Bürgerinitiative an das Welterbezentrum in Paris weiter. Eine Antwort stehe aber noch aus.

Morgenpost Online sagte Farid Gardizi von der Deutschen Unesco-Kommission: „Bevor die Unesco als zwischenstaatliche Organisation mit 193 Mitgliedstaaten oder das Welterbekomitee, das die derzeit 187 Unterzeichnerstaaten der Welterbekonvention repräsentiert, eingeschaltet wird, sollte vor Ort alles getan werden, um mögliche Schäden vom Welterbe abzuwenden.“ Im Fall der Welterbestätte „Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin“ liege die Zuständigkeit beim Ministerium für Wissenschaft und Kultur in Potsdam. Die Deutsche Unesco-Kommission geht davon aus, „dass alle zuständigen Stellen gemeinsam an einer Lösung arbeiten, die eine mögliche Beeinträchtigung der Welterbestätte Potsdam verhindert“.

Die Stiftung Schlösser und Gärten möchte sich derzeit gar nicht äußern. „Wir warten erst mal ab“, heißt es dort.

Die Stadtverwaltung Potsdam kann momentan auch wenig ausrichten. Auch ihr fehlen die nötigen Informationen. In der Potsdamer Beigeordneten für Gesundheit und Umweltschutz, Elona Müller, haben die Bürger aber ganz offensichtlich eine tatkräftige Mitstreiterin gefunden. Sie kann die Ängste und Sorgen verstehen, sagt sie. Die Berlinerin ist selbst in der Einflugschneise von Tegel groß geworden. Ihre Großeltern wohnten nur einige Hundert Meter von der Landebahn entfernt. „Wenn wir im Garten saßen, war es so laut, dass wir unsere Gespräche unterbrechen mussten“, sagt sie. Elona Müller warnt aber auch vor einer Panikstimmung. Wichtig sei nun zu allererst, handfeste Informationen zu bekommen. „Die werden wir dann umgehend an die Bürger weitergeben.“

Ihr Ziel ist es, möglichst eng mit den Bürgerinitiativen zusammenzuarbeiten. Die Stadt Potsdam hat für den 27. November eine Bürgerversammlung angesetzt. Bis dahin sollten endlich brauchbare Fakten vorliegen, sagt die Beigeordnete.

Achim Haid-Loh von der Bürgerinitiative Weltkulturerbe richtet sich mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf einen langen Kampf ein. Er ist enttäuscht über die Politik. „Der Planfeststellungsbeschluss für den neuen Flughafen am Standort Schönefeld wäre nicht zustande gekommen, wenn mit offenen Karten gespielt worden wäre“, sagt er. „Ich hoffe aber, dass die Politiker ihren derzeitigen Worten Taten folgen lassen.“ Längst haben sich die beiden Regierungschefs von Berlin und Brandenburg, Klaus Wowereit, und Matthias Platzeck (beide SPD), den Demonstranten angeschlossen. Noch aber ist Achim Haid-Loh skeptisch.

Weitere Grafiken: Die Flugrouten - so laut wird es durch BBI