Brücke nach Polen

Brandenburger fürchten neuen Grenzübergang

Ein an der Ziltendorfer Niederung geplanter neuer Oder-Grenzübergang beschäftigt die Anwohner. Sie fürchten nach dem Bau einer Brücke mehr Lärm und Kriminalität.

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Schnurgerade zieht sich die schmale Landstraße 371 quer durch die Ziltendorfer Niederung. In Aurith (Oder-Spree), dem 60-Seelen-Ort gleich hinter dem Oderdeich, endet sie direkt vor dem Oder-Neiße-Radweg in einer Sackgasse – noch. Denn nach dem Willen der Brandenburger Landesplaner soll genau hier, wo an schönen Tagen Radtouristen, Spaziergänger und Ausflügler die Natur genießen, ein neuer Grenzübergang nach Polen entstehen. Das Raumordnungsverfahren mit Polen wurde zum Jahreswechsel abgeschlossen.

Werden die Pläne verwirklicht, dann ist es mit der Beschaulichkeit in der geschützten Oder-Auenlandschaft vorbei. Denn es geht hier um eine zusätzliche Grenzbrücke für den Schwerlastverkehr, die für fast 22 Millionen Euro gebaut werden soll. Und zwar zwischen der deutschen Bundesstraße 112 und der polnische Landesstraße 275. Laut den Berechnungen der Planer werden künftig rund 3000 Transporter täglich auf einer zwölf Meter hohen Brücke über die Oder donnern, quasi direkt über den Köpfen von Dorfbewohnern und Touristen. Für Silke Thurian wäre das schlichtweg eine Katastrophe. Sie betreibt dort die vor allem an Wochenenden und in der Urlaubszeit gut besuchte Ausflugsgaststätte „Bauernstübchen“.

Anwohner resignieren

Doch die Aurither Wirtin bleibt erstaunlich gelassen. Sie zweifle nicht daran, dass die neue Grenzbrücke gebaut wird, gibt sie unumwunden zu. „Daran werden wir nichts mehr ändern. Aber dass die dann tatsächlich von vielen Lkw-Fahrern genutzt wird, halte ich für unwahrscheinlich“, sagt sie. Denn wer mit seinem Transporter einmal auf der wichtigsten Verbindung zwischen Ost- und Westeuropa, der Autobahn 12, unterwegs sei, fahre dort auch direkt über die Grenze, ist Thurian überzeugt. „Seit die Grenzen zwischen Deutschland und Polen offen sind, gibt es dort keinen Stau mehr. Es gibt für die Trucker also keinen Grund, sich andere Wege zu suchen.“ Nachbar Heiko Scholz hält diese Ansichten für blauäugig. Denn der seit Jahren geforderte und im Bundesverkehrswegeplan verankerte neue Grenzübergang soll die regionale Wirtschaft entlasten. Deswegen wird er genau im sogenannten regionalen Wachstumskern Frankfurt-Eisenhüttenstadt platziert. „Das Papier aus der neuen Eisenhüttenstädter Papierfabrik wird zur Weiterverarbeitung nach Polen gebracht. Das Arcelor-Stahlwerk ist einer der größten Zulieferer von Automobilblechen nach Polen und Tschechien. Das geht dann alles hier lang“, sagt er. Rund 140 Einsprüche von Bürgern hatte es seinen Angaben nach während des Raumordnungsverfahrens gegeben – doch die würden einfach nicht berücksichtigt.

Die Stadtversammlung von Eisenhüttenstadt und der Kreistag Oder-Spree hatten sich für eine Grenzverbindung möglichst nahe der Stahlstadt ausgesprochen – ebenfalls vergeblich. Vier Varianten einer Trassenführung, die allesamt durch die Ziltendorfer Niederung führen, über Aurith, eine weitere nördlich davon bei Kunitzer Loose und die zwei anderen nördlich und südlich von Vogelsang, waren geprüft worden. Die Entscheidung fiel letztlich zugunsten von Aurith, da diese Strecke die kostengünstigste sein soll. Nur vier Kilometer Straßenanbindung müssten nach Angaben des Brandenburger Landesbetriebes für Straßenwesen neu gebaut werden. Auf der polnischen Seite soll ab dem Grenzort Urad eine Straßenanbindung ohne großen Aufwand machbar sein. Deswegen hatten die Planer im Nachbarland von Anfang an auf diese Trassenführung für den neuen Grenzübergang bestanden.

Die meisten Dorfbewohner winken nur resigniert ab

Damit will sich Scholz allerdings nicht abfinden. Jahrelang leitete er den Aurither Bürgerverein, inzwischen ist er Einzelkämpfer. „Unsere einzige Chance ist, der Politik die Fehler bei dieser Planung zu verdeutlichen sowie ökologisch und wirtschaftlich sinnvolle Alternativen aufzuzeigen“, sagt Scholz, der die Unterlagen zum Raumordnungsverfahren akribisch studiert hat.

Die meisten Dorfbewohner winken jedoch nur resigniert ab. „Jetzt können wir nur noch hoffen, dass es nicht so schlimm kommt“, sagt hingegen Wirtin Thurian, zumal sämtliche Proteste der Bürger inzwischen „im Sande verlaufen“ seien. Andererseits waren viele Familien gerade wegen der Ruhe aus der Stadt hierher aufs Land gezogen, weiß sie. „So wie wir“, bestätigt der frühere Eisenhüttenstädter Scholz. Vor gut zwölf Jahren hatte er das alte Bauernanwesen hinter dem Oderdeich gekauft und für seine Familie ausgebaut. „Für die Idylle hier nehmen meine Frau und ich auch längere Wege zur Arbeit in Kauf“, sagt er.

Befürchtungen hat auch Thurian, wenn auch weniger wegen der zu erwartenden Lärmbelästigung für die Anwohner. „Die große Frage ist doch eher: Was kommt von jenseits der Oder zu uns herüber“, sagt sie und verweist auf die Grenzkriminalität gerade in Orten, die einen Grenzübergang nach Polen haben. „Laut Statistik verschwinden gerade dort die meisten Autos, häufig wird eingebrochen und geklaut.“ Was sie hier in der Vergangenheit – auch ohne Grenzbrücke – schon an „krimineller Energie“ erlebt habe, darüber könne sie „Romane schreiben“.