Brandenburg

Straßenstrich auf der B1 empört Dorfbewohner

Das Geschäft mit der käuflichen Liebe an der viel befahrenen Bundesstraße 1 Richtung polnische Grenze läuft gut. Niemanden schienen die leichten Mädchen zu stören - bis jetzt. Anwohner und Polizei wollen die Prostituierten aus Osteuropa vergraulen - mit teils rabiaten Mitteln.

Wer die Bundesstraße 1 Richtung polnische Grenze befährt, den erwartet in einer bewaldeten Senke zwischen Jahnsfelde und Diedersdorf eine Überraschung der besonderen Art: Leicht bekleidete Mädchen mit kurzen Höschen und verführerischem Augenaufschlag warten am Straßenrand und wollen Autofahrer zum Anhalten animieren. Das Geschäft mit der käuflichen Liebe funktioniert an der viel befahrenen B1, jede der acht jungen Frauen aus Bulgarien und Polen hat bis zu zehn Freier täglich.

Dass die 20 bis 50 Euro teuren Liebesdienstleistungen hier stark nachgefragt sind, wissen die osteuropäischen Prostituierten bereits aus dem Sommer 2008. Alles lief reibungslos, auch in diesem Jahr. Die Polizei machte keinerlei Probleme, da ja Prostitution 2002 legalisiert wurde, die Frauen zudem aus EU-Mitgliedsstaaten stammen und damit keine Aufenthaltserlaubnis mehr brauchen. Inzwischen werfen sie ihren Müll auch nicht mehr einfach in die Gegend, sondern nehmen ihn mit, wenn sie Feierabend machen.

Niemanden schienen die leichten Mädchen zu stören – bis jetzt. Nun aber regt sich der Bürgergroll gegen die Straßenmädchen von der B1 – und zwar ziemlich massiv. „Wir fordern einen Sperrbezirk – aber nicht im herkömmlichen Sinne“, sagt Dirk Illgenstein, Bürgermeister der Großgemeinde Vierlinden, „unserer Territorium muss vielmehr komplett tabu sein für Leute aus der Rotlichtszene.“ Er befürchtet einen Imageverlust der Region durch den Straßenstrich, der weitab von Ortschaften in einem Waldstück floriert.

Gemeindevertreter umliegender Ortschaften gehen sogar noch weiter: Sie wollen die Straßenprostituierten so schnell wie möglich loswerden, „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“, wie es heißt. Schon wurden Ideen laut, die Kennzeichen der Freier-Autos zu fotografieren und die Fotos ins Internet zu stellen. Zudem sollten Jäger penetrant stinkende Buttersäure, wie sie auch zum Vergrämen von Wild verwendet wird, gegen die Frauen einsetzen. Nach dem Motto: Wo es so übel stinkt, hält kein Freier mehr an. „Das ist schlichtweg makaber und diskriminierend, es erinnert mich an die Hexenjagden im Mittelalter“ sagt dazu Uta Ludwig, die Leiterin der Frankfurter Frauen-Fachberatungsstelle „Belladonna“, entsetzt.

Dorfbewohner brachten Kaffee

Ludwig versteht die plötzliche Aufregung über die Prostituierten nicht. „Bisher haben wir mit den Behörden gut zusammengearbeitet. Straßensozialarbeiterinnen von „Belladonna“, die sich seit Jahren für Aids-Prävention in der Grenzregion engagieren und zudem Opfern von Menschenhandel helfen, betreuen auch die acht Prostituierten bereits seit Jahren. Früher boten diese ihre käufliche Liebe direkt vor der Frankfurter Haustür an, auf sämtlichen Zufahrtsstraßen. Damals hatten Dorfbewohner an der B112 die Frauen nicht nur toleriert, sondern ihnen bei kühlem Wetter sogar hin und wieder Kaffee vorbeigebracht, erzählt sie. „Die Prostituierten gehen dorthin, wo viele Autos herfahren und sich am meisten Geld verdienen lässt“, sagt Ludwig. Und am lukrativsten sei jetzt offenbar die B1.

Doch diesem florierenden Geschäft will jetzt auch die Polizei einen Strich durch die Rechnung machen, offenbar wegen der lautstarken Proteste der Bewohner umliegender Ortschaften. Nur so ist zu erklären, warum die Ordnungshüter jetzt in Kooperation mit dem Landkreis Märkisch Oderland Ordnungsverfügungen und Platzverweise einsetzen, um die Prostituierten vom Straßenrand zu vertreiben. Begründung: Mit ihrem Tun verursachen sie gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr.

„Wir werden weiter sporadisch kontrollieren. Wenn die Frauen immer wieder Ordnungsgeld bezahlen müssen, wird es für sie zu teuer, und sie verschwinden“, hofft Bärbel Cotte-Weiß, Sprecherin des zuständigen Polizeischutzbereiches. Zu diesen Mitteln hatte die Polizei auch vor Jahren an der Bundesstraße 5 gegriffen – ohne Erfolg. Die „leichten Mädchen“ verschwanden erst, als ihnen der Liebesjob im Freien einfach zu kalt wurde. „Was da jetzt passiert, ist reine Schikane, um aufgebrachten Bürgern zu zeigen, dass die Polizei etwas gegen den Straßenstrich tut“, ist sich Ludwig sicher. Nützen würde das jedoch nichts. Schließlich verdienten die osteuropäischen Huren auf dem deutschen Straßenstrich weitaus mehr als in den polnischen Bordellen oder wenn sie die Freier bei sich zu Hause empfingen.

Straßenstrich ist organisiert

Die Rotlichtszene etabliert sich seit der EU-Osterweiterung. Bis dato galt Brandenburg lediglich als Transitland für osteuropäische Prostituierte, weil sich die Nachfrage Brandenburger Freier durch zahlreiche Bordelle im polnischen Grenzland abdecken ließ. Nach Angaben von „Belladonna“ gibt es inzwischen „Clubs“ genannte Etablissements in Guben, Cottbus, Bernau, Fürstenwalde und Brandenburg/Havel. In Frankfurt, Spremberg, ebenfalls Fürstenwalde und Strausberg finden sich zahlreiche Angebote von Hausprostitution, bei der die Huren in Zeitungen inserieren und die Freier zu Hause empfangen. Der Straßenstrich beschränkt sich nach dem Aus in Potsdam und an der B2 bei Michendorf auf Ostbrandenburg, wechselt an den Bundesstraßen rings um Frankfurt.

Angesichts des lukrativen Geschäfts tauchen die ungebetenen Liebesdienerinnen an der nächsten Ecke wieder auf. Dafür würden schon die Zuhälter der 21 bis 25 Jahre alten Frauen sorgen, sagt „Belladonna“-Chefin Ludwig. „Wir gehen davon aus, dass der Straßenstrich organisiert ist, die Prostituierten nicht auf eigene Rechnung arbeiten.“ Indiz dafür sei, dass sie nach Beobachtungen der „Belladonna“-Streetworker morgens gegen zehn Uhr an ihren Arbeitsplatz per Autos aus Polen gebracht und zum Feierabend, mit Einbruch der Dunkelheit, auch wieder abgeholt werden. Zudem sprechen sie von ihrem „Chef“, der jederzeit vorbeikommen könne und die Arbeit kontrolliere.

Ludwig will nun mit Ordnungshütern und Gemeindevertretern sprechen, wie sie ankündigt, um sie aufzuklären. „Dass Prostitution eine Erscheinungsform dieser Gesellschaft ist, mit der man leben muss, scheint dort noch niemand begriffen zu haben.“ Der bloße Verdrängungseffekt durch die Behörden sei bereits zu bemerken: Inzwischen verkaufen auch an der Bundesstraße 87 bei Beeskow aufreizend angezogene Frauen ihren Körper.

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