Südwestkirchhof Stahnsdorf

Deutschlands zweitgrößter Friedhof wird 100

Der Friedhof von Stahnsdorf ist der zweitgrößte von ganz Deutschland. Vor nunmehr 100 Jahren wurde er vor den Toren Berlins errichtet, um das rasante Wachstum der Stadt, mit der auch steigende Sterbezahlen einhergingen, aufzufangen. Die Teilung Berlins machte ihn zum unfreiwilligen Ökorefugium. Nun erstrahlt er wieder in vollkommener Schönheit.

Foto: Michael Brunner

Wer für das Leben nach dem Tod ein Paradies sucht, in Stahnsdorf wird er fündig. Die Berliner haben es da besonders gut. Sie erreichen mit ABC-Ticket und Expressbus die Glückseligkeit: Südwestkirchhof heißt das protestantische Elysium und ist Deutschlands zweitgrößter Friedhof.

Einhundert Jahre alt wird er in diesem Jahr. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz als Träger wird das Jubiläum mit einer Veranstaltungsreihe feiern. Am Samstag, exakt zum Einweihungsjubiläum, leitet um 15 Uhr Bischof Wolfgang Huber, zugleich Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), den Festgottesdienst.

Die prominente Predigt gilt einem in vieler Hinsicht bemerkenswerten Ort. 156 Hektar Wald und Wege liegen dem zu Füßen, der durch das Haupttor am Rudolf-Breitscheid-Platz eintritt. Belegt ist die 1902 von Louis Meyer im Geiste Peter Josef Lennés gestaltete, 1909 eröffnete Fläche mit den Gräbern von mittlerweile etwa 110.000 Menschen. Eleganz, aber auch pittoresker Verfall und anrührende Schlichtheit prägen das Bild.

Zu DDR-Zeiten war der Friedhof von seinem sozialen Bezugspunkt, den westlichen und südlichen Berliner Bezirken, isoliert. Sogar eine S-Bahnlinie von Wannsee nach Stahnsdorf hatte es gegeben. Mit dem Mauerbau 1961 wurde der Verkehr unterbrochen, der Besucherverkehr riss weitgehend ab. Der Friedhof startete seine unfreiwillige Karriere als teilungsbedingtes Öko-Refugium.

Die Bäume wuchsen in den Himmel, die Steine bröselten. Seit 1990 sind viele Sichtverbindungen wieder frei. Doch daneben regiert ein auf charmantes Maß gebändigter Wildwuchs. "Das wollen wir. Jetzt geht es um die Pflege der Ungepflegtheit", sagt Olaf Ihlefeldt, Friedhofsverwalter , und ehrenamtlicher Vorsitzender des Friedhofs-Fördervereins.

Harke und Hacke kommen dennoch zum Einsatz, wie an der Grabstelle der pensionierten Lehrerfrau Elisabeth Wenzlewksi. Sie war der erste Mensch, der am 8. April 1909 auf dem damals neuen Friedhof bestattet wurde. "Hier war die Pflege noch recht leicht, vom Pflanzen bei strömendem Regen abgesehen. Anderswo müssen wir dicke Baumstubben ausgraben", sagte Gärtnerin Ute Englert. Sie ist mit dabei, als die Steinmetze die neu geschaffene Gedenkplatte für das Grab der Lehrersfrau anliefern.

Nicht nur die stilistische Vielfalt der zu etwa 90 Prozent von Berlinern belegten Grabstätten prägt den Südwestkirchhof. Auch prominente Tote locken Besucher an. Die Ausflügler kommen ebenfalls zu etwa 90 Prozent aus der Hauptstadt. Schließlich schwebt über dem robusten Findlingsgrab von Heinrich Zille ein unsterbliches Stück Berliner Seele. "Ich bedauere sehr, dass die Berliner Politik beim Festakt so knapp vertreten ist. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck kommt, Klaus Wowereit hat sich nicht angemeldet", sagt Ihlefeldt.

Tote Prominenz lockt Besucher

Dort liegt auch Opernkomponist Engelbert Humperdinck begraben. Der Schöpfer der "Audiovariante" des Märchens "Hänsel und Gretel" war posthumem Protz abgeneigt. Ein schmaler Stein, von zarten Efeuranken flankiert, erinnert an den 1921 Verstorbenen. Auch der von den Nationalsozialisten ermordete Hellseher Erik Jan Hanussen-Steinschneider, filmisch von Klaus Maria Brandauer verkörpert, liegt hier. Impulsgeber der Industriekultur wie Werner von Siemens oder Edmund Rumpler, der geistige Urvater der aerodynamischen Autokarosserie sind hier bestattet.

Wörterbuchschöpfer Gustav Langenscheidt, Kunstmaler Lovis Corinth und Zeitungsverleger Louis-Ferdinand Ullstein finden sich ebenfalls auf der Liste der Prominentengräber. Doch selbst Zoologen und Botaniker bekommen beim Anblick der Totenstätte feuchte Augen - ohne Trauerfall oder Pollenallergie, sondern einfach nur vor Freude. Denn hier haben sich in den stillen Jahren der Abgeschiedenheit 600 Tier- und Pflanzenarten eingerichtet. Das hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) erforscht. Damit ist der Südwestkirchhof der artenreichste Friedhof Deutschlands. "Hier wurden sogar einige bislang völlig unbekannte Flechten und Moose entdeckt", sagt Olaf Ihlefeldt stolz.

Doch nicht nur deswegen nennt der Friedhofsverwalter den Südwestkirchhof gerne den "lebendigen Friedhof". Mit diesem Gegensatz will Ihlefeldt keine Untoten beschwören. Vielmehr ist diese Formel für ihn Ausdruck des guten Geistes, der diesen Ort beseelen soll. Ein gelassener bis heiterer Umgang mit dem Thema Tod schwebt Ihlefeldt vor. "Viele bekamen in der Kindheit eingebläut, dass es auf Friedhöfen traurig zuzugehen hat. Kein Wunder, dass in Deutschland der Tod noch immer Tabuthema ist", sagt Ihlefeldt. Das will er ändern. Es gab schon Freiluftvorführungen des Stummfilmklassikers "Nosferatu", direkt am Grab des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau, dazu "Hänsel und Gretel"-Potpourris vor Humperdincks Grab. Dazu Kinderführungen inklusive Abtauchen in die Gruften. Olaf Ihlefeldt möchte mehr Verständnis für das Grab als "letztes Haus" des Lebens wecken.

Picknick für die Toten

In diesem Moment freut sich der Verwalter vor allem über eine Schar russischer Besucher. Vor einem lieblichen, weißen Marmorfries picknickt sie ausgiebig mit Tüchern und Tupperware. "Jeder gedenkt seiner Toten anders. Das Gelände ist so riesig, dass niemand dem anderen mit seiner Trauerkultur auf den Pelz rückt", sagt Ihlefeldt. Die Friedhofsordnung ist traditionell liberal. Hier liegen Katholiken, Moslems und - dem Friedhofsverwalter zufolge sehr selten - auch Juden Seite an Seite mit Atheisten begraben.

Große Steine kommen indes aus der Mode. "Das Grab des 21. Jahrhunderts ist das stark gefragte, pflegelose Baumgrab. Wir sind hierbei die einzige Berlin-Brandenburger Alternative zum kommerziellen Friedwald", sagt Ihlefeldt. Doch Familien, die ein klassisches Grab besitzen, hängen oft innig daran. So wie die Familie des ehemaligen FDP-Bundeswirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff. Der ist Ihlefeldt zufolge selbst Mitglied im 2000 gegründeten Förderverein. "Das hat uns Graf Lambsdorff wissen lassen: Hier und nirgendwo anders will er einmal bestattet sein", sagt Ihlefeldt.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.