Der Einkaufstourismus über die Oder bewegt sich nicht mehr auf der Einbahnstraße. Einerseits deckt sich zunehmend polnische Kundschaft in Deutschland mit Konsumgütern ein; andererseits hat Polen als Einkaufsparadies für Deutsche an Bedeutung verloren. Gründe sind die erstarkte polnische Landeswährung, gestiegene Löhne jenseits der Oder und ein für Deutsche ungünstig gewordener Wechselkurs.

"Erkennbar wird das durch die gestiegene Nachfrage von Käufern aus Polen beispielsweise nach Lebensmitteln, Haushalts-Chemikalien und sogenannten Luxusartikeln“, sagt Christine Minkley, Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbandes Ostbrandenburg. Gerade die Brandenburger Grenzregion wird bei polnischen Kunden immer beliebter. In den beiden Frankfurter Einkaufszentren ist häufig mehr Polnisch als Deutsch zu hören. „Wir haben jetzt doppelt so viele polnische Kunden wie zu Jahresbeginn“, bestätigt die Filialleiterin eines großen Supermarktes.

Umgekehrt ist Einkaufen in Polen für Deutsche unattraktiver geworden. Vorbei ist die Zeit, da vor allem Kunden aus der Region Berlin/Ostbrandenburg in den Supermärkten und „Grenzbasaren“ auf Schnäppchenjagd gingen. „Polen kann eigentlich nicht mehr als Schnäppchenparadies gelten“, sagt Reinhard Petzold, Geschäftsführer der deutsch-polnischen Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft in Frankfurt (O.). Für eine Studie im Auftrag der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostbrandenburg verglich er die Preise von knapp 500 Produkten in Einzelhandelsgeschäften beiderseits der Grenze. Fazit: „Insgesamt gleichen sich die Preise auf beiden Seiten an.“ Einen einseitigen Kaufvorteil in Polen gebe es nicht mehr.

Vieles ist in Polen heute oft teurer als hierzulande, beispielsweise Kosmetika, Waschmittel, Süßwaren oder manche Baumarktartikel, hat Petzold festgestellt. Überraschenderweise kosteten auch einige Dienstleistungen wie Textilreinigung sowie Druck- oder Fotoarbeiten östlich der Oder trotz geringerer Arbeitskosten teils ähnlich viel oder gar mehr als diesseits der Grenze. Günstiger seien dagegen noch immer einige Agrarprodukte, Papierwaren, Bekleidung, Schuhe und Kraftstoffe zu haben.

Doch sowohl die polnischen Benzinpreise als auch der Zloty haben angezogen. Der Wechselkurs liegt derzeit bei etwa 3,55 Zloty für einen Euro – vor knapp zwei Jahren waren das noch fünf Zloty. Der Liter Normal- oder Superbenzin war in Polen gestern für umgerechnet 1,25 Euro zu haben; dafür lohnt eine weite Anfahrt nicht. „Die polnischen Preise werden weiter anziehen“, sagt Mario Quast vom deutsch-polnischen Kooperationsbüro der Sparkassen in Frankfurt (O.). Verantwortlich für den unübersehbaren Kundenstrom aus Polen und für den starken Zloty ist laut Quast vor allem ein stabiles Wirtschaftswachstum beim östlichen Nachbarn mit starker Warennachfrage. „Der Arbeitsmarkt boomt, die Arbeitslosenquote sank in den vergangenen drei Jahren auf 7,3 Prozent.“

Die gestiegene Kaufkraft beschränkt sich nicht auf den Privatkundenbereich. „Polnische Unternehmen kaufen verstärkt deutsche Maschinen, Anlagen und Baumaterialien und sogar Firmen“, sagt Quast. Auch Immobilien in Grenznähe oder dem Berliner Speckgürtel seien bei polnischen Geschäftsleuten sehr gefragt. Seinen Angaben nach arbeiten bereits jetzt rund 20000 Deutsche in Polen – Tendenz steigend. Deutsche Unternehmen, die in Polen Töchterfirmen oder Filialen aufgebaut hätten, würden zunehmend Aufträge erhalten und zusätzliches Fachpersonal aus der Heimat anfordern. Quast: „Es gibt so viele Bauvorhaben – polnische Firmen können die gar nicht alle zeitnah erledigen. Deutsche Unternehmen springen da in die Bresche.“

mit ddp