Festumzug

Zum Geburtstag mit der Straßenbahn durch Teltow

Die Stadt im Speckgürtel feiert mit einem Festumzug ihr 750-jähriges Bestehen. Einer der Höhepunkte ist eine historische Straßenbahn.

Tischlergeselle Wilhelm Lueg, 54, hat eine Nachbildung von der Straßenbahn gefertigt, die einst durch Teltow fuhr

Tischlergeselle Wilhelm Lueg, 54, hat eine Nachbildung von der Straßenbahn gefertigt, die einst durch Teltow fuhr

Foto: Starke

Die Straßenbahn der traditionsreichen Linie 96, die über Jahrzehnte Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow mit Berlin verband, ist am Sonntag in Teltow wieder im Einsatz. Zumindest für zwei Stunden. Vom Hamburger Platz wird der Triebwagen den Teltower Nachwuchs über die Potsdamer Straße bis zum Mattausch-Park transportieren.

Dorthin, wo an diesem Tag ausgiebig gefeiert werden soll. Die Stadt feiert 750 Jahre Bestehen. Der Festumzug am 12. Juli ist Auftakt und zugleich einer der Höhepunkte im Jubiläumsjahr.

Mehr als 900 überwiegend kostümierte Akteure wirken an dem einen Kilometer langen Umzug mit, zu dem an die 10.000 Zuschauer erwartet werden. Mit Schaubildern, die an markante Ereignisse aus der Teltower Geschichte erinnern, wollen die Macher die Gäste unterhalten.

Ob es die ersten Ackerbürger sind oder die Pestwelle, die Teltow fünfmal heimsuchte, die Stadtbrände oder die Industrialisierung – all das Wegmarken, die auf den Motivwagen und von den Fußgruppen dargestellt werden. Dazwischen laufen Vertreter der Partnerstädte Ahlen, Gonfreville l’Orcher und Zagan mit.

Schienen noch bis 1990

Auch Hans Höfler ist mit von der Partie. Nicht als Zaungast, sondern mitten im Geschehen. Der Charlottenburger will sich hinters Steuer seines Firmenwagens setzen, um den auf einen Autoanhänger montierten verkleinerten Straßenbahnnachbau der 96 durch die Straßen zum Ziel zu ziehen.

Ein Engagement, das nicht von ungefähr kommt: Das Modell wurde in seiner Werkstatt gefertigt. Der Betrieb der „echten“ Tram wurde in den 1960er-Jahren eingestellt, heute setzen die Teltower auf Bus, S-Bahn, Rad und den eigenen Pkw.

An die Schienen, auf denen die Wagen der Linie 96 durch die Stadt rumpelten, kann sich Höfler allerdings noch erinnern. „1990 lagen die noch sichtbar im Asphalt.“ Seit der Wende betreibt der heute 64-Jährige die Holzwerkstatt Potsdam in Teltow. Die heute mehr als 25.000 Einwohner zählende Stadt im Speckgürtel Berlins ist ihm zur zweiten Heimat geworden. „Von anfangs drei Mitarbeitern sind wir inklusive Auszubildenden auf 25 gewachsen“, sagt er zufrieden.

Auch wenn sich der Unternehmer seit einigen Jahren strecken muss, weil die Aufträge für Sanierung und Restaurierung, die nach dem Mauerfall die Kasse klingeln ließen, spärlicher gesät sind. Seine Referenzen lesen sich trotzdem beeindruckend. Höflers Leute arbeiten auf Baustellen wie dem Neuen Palais in Potsdam, der Staatsbibliothek Unter den Linden und dem Schloss Charlottenburg in Berlin oder am ältesten Haus Teltows.

Drei Wochen Arbeit stecken in der Attrappe

Dass die für die Jubiläumsfeier verantwortliche Arbeitsgemeinschaft der Stadt ausgerechnet Höfler mit dem Nachbau der Tram beauftragte, habe ihn nicht überrascht, bemerkt der Geschäftsmann. „Meine Firma hat die hölzerne Innenausstattung der mehr als 80 Jahre alten Original-Straßenbahn restauriert.“

Das Ergebnis – der gelbe Wagen mit dem Logo der BVB - steht seit 2009 an der Kleinmachnower Schleuse, gepflegt vom Heimatverein und am Wochenende geöffnet für Besucher.

Das Foto des Originals hat sich Wilhelm Lueg an die Wand im Hof getackert. Direkt davor hat er den Nachbau aufgebockt. Drei Wochen hat der Tischlergeselle für die Fertigung der Attrappe gebraucht. „Das Aufwändigste war die Vorbereitung, die Frage des Vorgehens, der Maße.“ Lueg, gebürtiger Zehlendorfer, greift nach dem Zollstock. „Das war mein wichtigstes Werkzeug.“

Nach seinen Zeichnungen haben er und die Kollegen die Multiplex-Fahrzeugplatten zugeschnitten, Lueg hat geleimt, verschraubt, Ecken rund geschmirgelt. Kurz vorm Fest musste nur noch der TÜV das Modell abnehmen. Nicht nur wegen des Umzugs: Die witterungsbeständige Konstruktion wird künftig auf dem Spielplatz der Kita Teltower Rübchen stehen.

Der TÜV wurde auch noch in der sanierten Teltower Biomalzfabrik erwartet. Um die vier meterlangen Flügel zu prüfen, die an der drei Meter hohen Nachbildung einer Bockwindmühle montiert sind, die beim Festumzug ebenfalls einen Motivwagen ziert. Auch, um Ecken und Kanten zu beäugen, damit die Kinder der Kita Mühlendorf sich keine blauen Flecken holen, die nach den Jubiläumsfeierlichkeiten in der Mühlenkopie aus Lärchen- und Fichtenholz herumklettern sollen.

Mitarbeiter leiden unter psychischen Erkrankungen

Volkmar Zander, 51, klopft mit den Fingerknöcheln gegen die braun gestrichenen schmalen Bretter und nickt zufrieden. Sein Team hat in den vergangenen drei Monaten gute Arbeit geleistet. „Wir waren konzentriert bei der Sache, obwohl das nicht immer leicht fällt“, sagt Nancy Fritsche. Die 39-Jährige gehört zum Team Zanders.

Vor zweieinhalb Jahren hat der Tischlergeselle und Berufspädagoge im Auftrag der Union Soziale Einrichtungen (USE), einer Organisation des Unionhilfswerks, eine Tischlerei in der Biomalzfabrik aufgebaut.

Seine acht Mitarbeiter sind nicht vom Fach, lernen erst mit Hobel und Säge umzugehen und leiden zudem unter psychischen Erkrankungen, bringen Leistung nach Tagesform. Keine Frage, dass Fritsche und ihre Mitstreiter den Festumzug verfolgen und einen Blick auf das gut 500 Kilogramm schwere Mühlengestell werfen wollen. Für die 39-Jährige gibt es noch einen weiteren Grund: „Meine Großmutter war einst Fahrerin der Straßenbahnlinie 96.“

Der Festumzug beginnt um 14 Uhr am Hamburger Platz. Um 16 Uhr werden Besucher zum Volksfest rund um den Mattausch-Park geladen.