Dokumentarfilm

„Nach Wriezen“ zeigt den schweren Neuanfang nach dem Knast

Regisseur Daniel Abma hat für seinen Film drei Brandenburger nach der Haft begleitet. Der Dokumentarfilm „Nach Wriezen“ wurde mehrfach ausgezeichnet, nun ist er als DVD im Handel erhältlich.

Foto: Starke / Katrin Starke

„Bis bald“, lautet die gängige Abschiedsformel, die Angestellte der Justizvollzugsanstalt Wriezen (Märkisch-Oderland) frisch Entlassenen mit auf den Weg in die Freiheit geben. „Ich war fassungslos“, erinnert sich Daniel Abma. Zufällig war der Niederländer Zeuge einer dieser Szenen geworden. Als Medienpädagoge arbeitete er anderthalb Jahre in der JVA mit jugendlichen Häftlingen an Video- und Medienprojekten. „Die Jungen waren motiviert, brachten sich ein.“ Die Bemerkung der Uniformierten am Torausgang klingt in Abmas Ohren zynisch. „Sie zeugt von so wenig Vertrauen in einen erfolgreichen Neuanfang nach dem Knast.“

Abma wühlte sich durch Statistiken und war geschockt: „Danach werden acht von zehn Jugendlichen wieder Straftaten begehen.“ Der JVA-Chef in Wriezen bestätigt ihm die hohe Rückfallquote. Das Warum lässt Abma keine Ruhe und animiert den heute 36-Jährigen, der seit 2008 an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg Regie studiert, der Frage mit filmischen Mitteln nachzugehen. „Nicht, weil ich zeigen wollte, wo etwas in der Resozialisierung geändert werden sollte. Mir ging es um den Prozess.“ Das Ergebnis: der Dokumentarfilm „Nach Wriezen“. Bereits mehrfach auf Festivals ausgezeichnet, ist er nun als DVD im Handel.

Beobachten, nicht einmischen

Drei Jahre lang haben sich Abma und die Kameraleute Anja Läufer und Johannes Praus an die Fersen von drei straffällig gewordenen Jugendlichen geheftet. Imo, 22, Jano, 17, und Marcel, 25, heißen die drei Brandenburger Protagonisten, die das Filmteam seit 2009 begleitet hat. Der eine saß wegen Körperverletzung, der andere, weil er in seinem Dorf mit Drogen gedealt hatte. Der Dritte hatte einen 16-Jährigen getötet. Noch während seiner Arbeit in der JVA ist Abma den jungen Männern begegnet, suchte das Gespräch mit ihnen. Abma, der seit zwölf Jahren in Berlin lebt, wollte beobachten, sich nicht einmischen, nur dezent Fragen stellen. „Doch manchmal kam in mir der Pädagoge durch.“ Speziell zu Beginn der Dreharbeiten.

In den ersten Tagen nach der Haft investiert Imo sein Geld in Bier und Drogen. Vor der Kamera kifft er. Abma reagiert mit klugen Sprüchen. Doch im Lauf der Zeit habe er viel dazugelernt. „Vor allem, mich zurückzunehmen.“ Das sei für ihn und sein Team nicht einfach gewesen. Marcel beispielsweise wird für Kameramann Johannes Praus zur Herausforderung. Praus, politisch eher links, Rastalocken, steht dem kurzhaarigen Marcel gegenüber, dessen Hakenkreuze und Runen von neuen, unscheinbaren Tattoos nur teilweise überdeckt sind – und der einem 16-Jährigen brutal das Leben genommen hat. Zuviel. Kamerafrau Anja Läufer übernimmt. Die richtige Entscheidung. „Sie fand einen Zugang zu ihm.“

Praus konzentriert sich auf Jano und Imo. Was alle drei Protagonisten eint, ist die Suche nach Geborgenheit, nach Anerkennung. Der Weg dahin: eine eigene Wohnung, eine Arbeitsstelle, eine Freundin finden. Doch die Lebensläufe mit Brüchen, die teils fehlenden Abschlüsse erschweren die Jobsuche. Nur Praktika und Aushilfsjobs bleiben den Entlassenen. Das Geld ist knapp. Zuschüsse bei Ämtern zu beantragen, bestimmt ihren Alltag. Allein mit der Liebe klappt es. Jeder der drei wird Vater eines Mädchens.

Trügerische Idylle

Doch die Idylle trügt. Während Janos Freundin den Kinderwagen schiebt, verkauft er Drogen im angrenzenden Gebüsch. Abma filmt, fordert keine Rechenschaft. Imo kommt bei einem Reifenlager als Hilfsarbeiter unter, erhält Unterstützung bei einem väterlichen Freund und kann sich doch der Behördensprache nicht anpassen, brüskiert Vertreter von Ämtern.

Sprachlosigkeit auf beiden Seiten, die Abma in seiner 87 Minuten langen Dokumentation festhält. Beziehungen gehen in die Brüche, eine der Töchter wird zur Adoption freigegeben. Die Wege der drei Ex-Häftlinge bleiben verschlungen. Unermüdlich folgen ihnen Abma und seine Kameracrew. Ohne Honorar für seine Mitstreiter und mit geliehenem technischen Equipment. „Das Semesterticket, das für die öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Brandenburg gilt, war für uns Gold wert.“ Der kleine Zuschuss von 1000 Euro geht für das gelegentliche Mieten eines Autos drauf.

Behörden setzten Grenzen

Das Stichwort Golzow öffnete Daniel Abma bei seinen Drehs so manche Tür. „Offenbar kennt jeder ,Die Kinder von Golzow‘, die Langzeitbetrachtung von Barbara und Winfried Junge über eine Schulklasse aus dem Oderbruch.“ Für den jungen Filmemacher ein Glücksfall. „Weitere Erklärungen zu unserem Vorhaben waren nicht nötig, wenn wir mit unserer Ausrüstung auftauchten.“ Beim Filmen setzten eher die Behörden Grenzen. Bewährungshelfer oder Mitarbeiter des Jugendamtes verweigerten den Mitschnitt von Gesprächen. Abma bringt das Beispiel einer Bewährungshelferin, 62 Jahre alt. „Sie hat andere Standards, sie und ihre Klientel sprechen aneinander vorbei, ohne Verständnis füreinander.“

Jano landet wieder im Gefängnis, die Freundin hat sich getrennt, Imo fehlt die Richtung. Nur Marcel, der sich komplett zurückgezogen hat, beißt sich durch. Dann sind die Filmarbeiten beendet. Abma versucht, den Kontakt zu halten: „Imo sitzt wieder im Knast. Er ist vom Reifenhof geflogen, mit der Freundin hat er Diebstähle begangen, sie wurden erwischt. Jetzt macht er seinen Schulabschluss nach, will Tierpfleger werden.“ Jano lerne in Berlin Einzelhandelskaufmann. Drei Monate habe er schon durchgehalten. Marcel sei verheiratet, habe ein zweites Kind. Seine Frau sei die große Stütze in seinem Leben. Doch auch hier krisele es. „Ob es Marcel schafft? Ich weiß es nicht“, sagt Abma. Eine Antwort habe er auch nach drei Jahren Beobachtung nicht.