Nach knapp 25 Jahren ist Schluss für Matthias Platzeck im Brandenburger Landtag: Nach der letzten Sitzung vor der Wahl im Herbst räumte der SPD-Politiker und ehemalige Ministerpräsident seinen Platz im Potsdamer Plenarsaal.

Für den neuen Landtag tritt er nicht mehr an. Ein bisschen wehmütig sei er schon, sagt der 60-Jährige im Morgenpost-Interview.

Berliner Morgenpost: Herr Platzeck, nach 25 Jahren ist für Sie nun Schluss mit der Politik. Sie scheiden auch aus dem Landtag aus. Sind Sie wehmütig?

Matthias Platzeck: Klar. Zweieinhalb Jahrzehnte sind keine kleine Lebenszeit. Die letzte Landtagsrunde, das war für mich auch ein Stück Wehmut. Andererseits bin ich sehr froh, dass ich hier in Potsdams Mitte noch ein halbes Jahr arbeiten konnte. Denn ich wollte ja immer, dass dieses Stadtschloss wieder aufgebaut wird. Und hätte in meinen kühnsten Träumen nicht gedacht, dass ich das noch erleben darf. Ich spüre aber: Jetzt ist es auch gut.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Darauf, mit meiner Frau erstmals drei Wochen Urlaub am Stück zu machen. Seit meinem Rücktritt vor einem Jahr sind wir noch nicht weggekommen.

Wann geht es denn los?

Mitte Juli – hoffentlich. Wir mussten wegen zweier Konferenzen verschieben.

Klingt ja nicht nach Kürzertreten.

Ich gebe zu: Nach meinem Abschied als Ministerpräsident wollte ich viel mehr Zeit mit der Familie verbringen. Das hat noch nicht so geklappt, kommt aber noch…

Wie geht es Ihnen nach Ihrem Schlaganfall vor gut einem Jahr?

Gut geht es mir. Ich kann Sport machen. Ich fühle mich wohl. Lebe ein bisschen gesünder als die vergangenen 20 Jahre – und beherzige zumindest manchen Ratschlag. Was ganz schön ist: Wenn dein Körper so ein Zeichen bekommen hat, wachst du anders auf und gehst anders in den Tag hinein. Bewusster. Und ein Stück dankbarer. (Das Handy klingelt. Glockengeläut.) Diesen Klingelton hat ausschließlich meine Frau. (Er geht ran.) Ich mach’ gerade ein Interview, meld’ mich gleich. (Er legt auf.) Wie gesagt: Ich bin mit meinem Gott sehr im Reinen. Weil man nach so einer Warnung anders lebt. Ich trenne jetzt auch mehr zwischen wichtig und nicht ganz so wichtig.

Was ist wichtig?

Ganz wichtig ist alles, was mit der Familie, den Kindern und Enkeln zusammenhängt. Früher ging automatisch immer Pflichterfüllung vor.

Wie weit sind Sie denn mit dem Hausbau in der Uckermark?

Es ist nicht ganz so schnell vorangegangen, das lag an mir und meinen Terminen. Der Bauleiter hat neulich zu mir gesagt: Den Rohbau können wir schon alleine machen. Aber wie es drin werden soll, da müsstest du schon mal vorbeikommen. In diesem Sommer wird es fertig. Rot ist es. Im Dorf hat man schon gefragt, ob noch SPD draufkommt. (lacht)

Werden Sie jetzt Uckermärker?

Teilzeit-Uckermärker. Die Wohnung in Babelsberg behalten wir. Meine Frau arbeitet ja weiter in Potsdam und hat noch viele Berufsjahre vor sich. Das Häuschen ist eher gedacht als Familientreffpunkt. Für die Kinder ist es von Berlin aus nur ein kurzer Weg in die Uckermark. Und es ist auch ein guter Ort, um nachzudenken und in Ruhe was zu schreiben.

Ein neues Buch?

Im Moment noch nicht.

Bekommen Sie viel Abschiedspost?

Ich bin immer noch am Beantworten der Januar-Februar-Post. Da ist vieles dabei, was man sich zu lesen wünscht. Und was sonst nur auf Beerdigungen gesagt wird. Dabei hätte es auch ganz anders sein können. Dass die Leute sagen: Mach dich vom Acker… Aber offenbar hat der liebe Gott ein gutes Gefühl für den Zeitpunkt gehabt.

Wie erklären Sie sich Ihre anhaltende Beliebtheit bei den Brandenburgern?

Fragen Sie sie selbst, aber vielleicht haben die Brandenburger gespürt: Der ist hier wirklich zu Hause. Für mich war es jedenfalls die Erfüllung meiner Lebensvorstellung, in meiner Heimat mitgestalten zu dürfen. Ich lebe seit 60 Jahren hier und wollte nie weg. Für mich war es auch nie eine Last, die Wochenenden bei Terminen auf dem Dorf zu verbringen. Man kann die Liebe zum Land nicht spielen. Vielleicht hat der eine oder andere deshalb auch gesagt: Wir glauben ihm was. Auch nach mehr als 20 Jahren noch. Glaubwürdigkeit, das ist das Wichtigste, was du in der Politik erreichen kannst.

Die Menschen mögen Sie auch, weil Sie nicht der typische Politiker sind.

Vorsicht! Das ist immer so ein Klischee. Was ist denn ein typischer Politiker? Ein fieser Typ?

Zumindest einer, der sich nicht so menschlich gibt.

Meine Großeltern und Eltern haben mir viel Frohgemutes in die Wiege gelegt. Zudem habe ich eine Grundvoraussetzung für Politik mitgebracht: Ich mag Menschen.

Hat es Sie genervt, wenn es dauernd hieß: Matthias Platzeck, der Zartbesaitete, der Sensible?

Was ist eigentlich das Gegenteil von zartbesaitet? Eine dicke Haut? Die wollte ich nie haben. Ich wollte schon noch spüren, was um mich los ist. Ja, ich gebe zu: Es gab Probleme, die ich im Land aufgenommen habe – und die mich oft nicht haben schlafen lassen. Ich möchte es aber auch nicht anders. So bestand nie die Gefahr eines Abstumpfens. Manchmal muss ich aber auch über die Etikettierung lächeln. Ich habe im Bundesrat seit 1990 viele kommen und gehen sehen und wurde schließlich als dienstältestes Landesregierungs-Mitglied verabschiedet. Die Kraft hat also für ein Vierteljahrhundert in der Politik gereicht.

Ihr Parteifreund Klaus Wowereit ist trotzdem härter im Nehmen, oder?

Klaus Wowereit halte ich für einen ausgesprochen professionellen und durchsetzungsstarken Politiker. Bei allem Auf und Ab in der Politik – Klaus hat Berlin unheimlich gut getan. Dass unsere Hauptstadt mal so gefragt und so hip wird, hätte keiner je gedacht.

Wie zufrieden sind Sie mit Dietmar Woidke, Ihrem Nachfolger als Regierungschef? Unter ihm hat die SPD immerhin die Bundestags- und die Kommunalwahlen verloren.

Die Landtagswahl im Herbst ist ein anderes Kaliber. Und ich bin ich sehr zuversichtlich für die SPD. Brandenburg steht glänzend da – und es geht vor allem um Personen. Dietmar Woidke hat unglaublich schnell Tritt gefasst und seinen eigenen Weg gefunden. Er tut dem Land sehr gut und genießt im Land eine hohe Reputation. Auch weil er das Handwerk Politik von der Pike auf gelernt hat.

Sie hatten 2009 Rot-Rot eingefädelt. Kommt ab Herbst die CDU wieder dran?

Die neue Regierungskonstellation wird nach der Wahl entschieden. Punkt! Aber wahr ist: Die Ergebnisse der rot-roten Regierung sind gut. Brandenburg gehört zu den ersten Ländern, die Schulden in dreistelliger Millionenhöhe zurückzahlen, bei der Arbeitslosenquote steht bald eine Acht vor dem Komma. Bei der CDU kann ich hingegen noch keine Impulse für unser Land erkennen.

Werden Sie im Wahlkampf mitmachen?

Ja. Ich freue mich schon auf den Wahlkampf – und werde in vielen Wahlkreisen unterwegs sein.

Was kommt danach?

Langeweile garantiert nicht. Ich bin Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums und in der Friedrich-Ebert-Stiftung für Mittel- und Osteuropa zuständig. Außerdem sitze ich im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Bleibe im Vorstand der Jerusalem-Stiftung, engagiere mich für Regine Hildebrandts Initiative, die sich um „Familien in Not“ kümmert, und werde Mitglied im Kuratorium der Parkinson-Stiftung. Ich bin Aufsichtsrat bei E-dis, jetzt auch beim Oberlinhaus. Es stimmt, dass ich auch gefragt worden bin, ob ich den Aufsichtsratsvorsitz der Filmstudios Babelsberg übernehme. Aber das werde ich nicht tun. Das Schöne an den neuen Aufgaben ist: Die meisten kann ich von zu Hause aus mit meinem Fahrrad erreichen.