Dem Eichenprozessionsspinner, dem Nonnen- und Kiefernspinner soll jetzt mit Insektengiften der Garaus gemacht werden. Derzeit vor allem im Havelland, im Barnim, in der Prignitz sowie in den Landkreisen Ostprignitz-Ruppin, Oberhavel und Potsdam-Mittelmark, wo die gefräßigen Schädlinge Wälder bedrohen. Bis zum 30. Mai werden in diesem Jahr die giftigen Sprühnebel verteilt – aus der Luft und per Kanone vom Boden aus. Vielfresser von Nadeln, Rinden und Knospen in Kiefernwäldern sollen mit Dimilin als Häutungshemmer und dem Kontaktgift Karate WG Forst vernichtet werden.

Der Bund hat jedoch die Auflagen für den Einsatz des Biozids Dipel ES, mit dem gegen den Eichenprozessionsspinner vorgegangen wird, verschärft: Über Naturschutzgebieten dürfen Helikopter mit dem Gift nicht mehr kreisen – zum Leidwesen des Landesbetriebes Forst Brandenburg. Auch der Süden Brandenburgs ist betroffen. Die Oberförsterei Senftenberg machte südlich von Ruhland ein rund 200 Hektar großes von Nonnen befallenes Gebiet aus. Eine giftige Antwort wird erwogen.

Auf Kleinkinder und Hunde achten

Auf den Waldspaziergang mit dem Nachwuchs oder dem Hund sollte in diesen Wochen besser verzichtet werden. Behandelte Areale dürfen generell erst zwei Tage nach der Sprühattacke wieder betreten werden, warnt das märkische Agrarministerium. Und: Hände weg von Früchten, Kräutern und Pilzen. Die dürften erst nach drei Wochen wieder gesammelt werden. Besonders empfindlich reagieren Kleinkinder, Schwangere und Haustiere auf Biozide.

„Picknick wollen Sie da ohnehin nicht machen, da die Wälder kahl gefressen sind und gespenstisch aussehen“, sagt die Sprecherin des Agrarministeriums Petra Dribbisch. Der Einsatz chemischer Stoffe sei immer das letzte Mittel. In Brandenburg werde seit Jahren nicht mehr als ein Prozent der Waldfläche besprüht. Doch einen Kahlschlag der Wälder wollen weder Landesbetrieb noch Ministerium riskieren.

Seit 2004 hat es das Land in vielen Kreisen mit starkem Befall durch den Eichenprozessionsspinner zu tun. 2013 ließ man in Brandenburg 12.000 Hektar mit Gift behandeln. Kosten: mehr als 4,2 Millionen Euro. „Ein Erfolg von 80 bis 90 Prozent“, sagt Dribbisch. Nur in den nördlichen Kreisen müssen teilweise bereits behandelte Flächen noch einmal in Angriff genommen werden. Rund 1345 Hektar Waldfläche sei in diesem Jahr erneut vom Eichenprozessionsspinner, 560 Hektar von Schmetterlingsraupen betroffen. Massive Schäden seien zudem wegen des Befalls von Nonnen- und Kiefernspinnenraupen für etwa 11.100 Hektar Kiefernwald zu erwarten.

Einheimische klagen über Gesundheitsprobleme

Brandenburger Touristiker fürchten um ihre Einnahmen. Das zunehmende Auftreten des Eichenprozessionsspinners entlang der touristischen Pfade habe Urlauber verunsichert, teils zu Stornierungen geführt, sagt Christel Spenn, Sprecherin des Landkreises Prignitz. Auch Einheimische klagten über gesundheitlicher Probleme. Gepeinigt würden vor allem Menschen in den Ämtern Lenzen/Elbtalaue und Putlitz/Berge. Der Einsatz gegen die Spinner stoße daher mehrheitlich auf Verständnis. Gerade Radtouristen stellten sich gut darauf ein.

Bei Jörg Gelbrecht löst der Gifteinsatz des Landes indes Kopfschütteln aus. Der promovierte Chemiker, der sich beim Naturschutzbund Brandenburg (Nabu) ehrenamtlich als Insektenkundler engagiert, spricht von Panikmache. „In Berlin ist man da viel entspannter.“ Und sei dabei gerade in Bezug auf den Eichenprozessionsspinner nicht weniger erfolgreich.

„Einzelne Bäume mögen absterben, aber nicht gleich ganze Wälder. Besonders Eichen haben das Potenzial, sich mit eigenen Giften gut zur Wehr setzen“, sagt er. Das Auftauchen von Massenpopulationen sei in Wellenbewegungen immer wieder auszumachen. „Solche Populationen minimieren sich schlagartig selbst durch plötzlichen Krankheitsbefall.“

Umbau hin zu Mischwäldern statt Kiefern

Auch Käfer, Schlupfwespen, Raupenfliegen, Kuckuck oder Fledermäuse vertilgten die Raupen. Verheerender wirke sich dagegen ein Eingreifen mittels chemischer Keule aus. „Egal, ob es sich dabei um Dipel ES oder Dimil handelt. Man weiß heute noch nicht, wie diese Toxine langfristig wirken,“ sagt Gelbrecht. Der Wald werde von den Forsten vielfach nur noch von der ökonomischen Warte aus betrachtet, so seine Kritik. Geschützte oder seltene Arten in der Umgebung würden durch die Gifte einem extremen Risiko ausgesetzt. Machen sich Eichenprozessionsspinner jedoch in Siedlungen breit, kennt auch Gelbrecht kein Pardon. Hier favorisiert er die Berliner Praxis, die Nester mittels Saugern mechanisch abzupflücken. Auch Potsdam will so vorgehen, heißt es.

Die langfristige Strategie heiße Waldumbau, sind sich Nabu und Agrarministerium einig. „Weg von den reinen Kiefernmonokulturen“, sagt Gelbrecht. Deswegen treibe Brandenburg sein Waldumbauprogramm auch voran, ergänzt Petra Dribbisch. Bereits ein Mischwaldanteil von zehn bis 15 Prozent behindere aus Forstsicht das Ausbreiten der Nonne.