„Es ist völlig unverständlich. Sie wird wohl erst später merken, was sie da für Schuld auf sich geladen hat“, sagt eine Frau im Publikum des Frankfurter Landgerichtes. Wie die junge Angeklagte, die am 22. Oktober 2013 ihr Neugeborenes getötet haben soll, stammt die Beobachterin aus der Oderbruch-Gemeinde Golzow.
Dort hatte die Tat für Entsetzen gesorgt. Noch heute können wohl auch diejenigen, die die angeklagte Maika M. kannten, nicht begreifen, wie die 22-jährige, alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter ihr zweites Kind einfach hatte umbringen können. Doch wegen Totschlags an dem neugeborenen Jungen muss sich M. seit Montag vor dem Frankfurter Landgericht verantworten.
„Es war ein großer Fehler. Ich verstehe selbst nicht, wie ich so etwas tun konnte“, gesteht die mädchenhaft wirkende Angeklagte mit dem dunkelblonden Zopf unter Tränen. An die Tat selbst will sie sich allerdings gar nicht mehr erinnern. „Da ist nur ein großes schwarzes Loch“, so M. Offenbar hat sie die Tötung ihres Babys ebenso verdrängt, wie zuvor schon die Schwangerschaft selbst. Wiederholt war die Auszubildende zur Kauffrau im Einzelhandel von Freunden und Familie auf ihre wachsende Leibesfülle angesprochen worden, vehement hatte sie sich gegen Schwangerschaftsvermutungen gewehrt. „Sie wollten es nicht wahrhaben“, meint der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs.
Eine Antwort bekommt er darauf nicht „Dass ich in anderen Umständen war, merkte ich erst, als es so richtig losging“, erzählt M. vor Gericht. Starke Bauchkrämpfe und Durchfall hätten sie in der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober geplagt. Auf der Toilette sei das Baby dann in einer Art Sturzgeburt zur Welt gekommen. Danach weiß sie angeblich nichts mehr.
Gefühl der Überforderung
Allerdings hatte die Angeklagte in den ersten polizeilichen Vernehmungen nach ihrer Festname detailliertere Angaben gemacht. Darauf stützt sich unter anderem auch die Anklage: Demnach versuchte M. zunächst, das wimmernde Neugeborene mit einem Handtuch zu ersticken, das sie ihm auf Nase und Mund drückte. „Als alleinerziehende Mutter fühlte sich die Angeklagte mit einem weiteren Kind überfordert. Sie wollte es nicht“, sagt Staatsanwältin Annette Bargenda.
Als der erste Tötungsversuch misslang, holte die junge Frau laut Anklage ein Küchenmesser, versuchte dem Säugling vergeblich, die Kehle aufzuschlitzen. Mehrfach habe sie dann auf die linke Brustseite des Babys eingestochen. Ein Messerstich traf das Herz tödlich, wie Rechtsmediziner Bernd Kopetz als Gutachter vor Gericht bestätigt. Woran sich die Angeklagte zumindest noch ansatzweise erinnern kann: Kurz nach der Tat – der tote Säugling lag noch in der Badewanne – hatten der Lebensgefährte ihrer Mutter und dessen Vater vor ihrer Wohnungstür gestanden. „Sie machte aber nur einen Spalt die Tür auf, ließ uns nicht rein“, erzählt Thomas L. als Zeuge vor Gericht. „Weiß wie Kreide und schweißgebadet“ habe die 22-Jährige ausgesehen und gesagt, sie gehe am Morgen zum Arzt, ergänzt sein Vater Hans-Friedrich L.
Zum Schluss soll die Angeklagte den kleinen Leichnam in Handtuch und Plastiktüte gewickelt und ihn in einem Schuhkarton im Keller des Mehrfamilienhauses versteckt haben. Die aufgesuchte Allgemeinmedizinerin verwies die junge Frau mit Verdacht auf Blinddarmentzündung in die Rettungsstelle Seelow. Von dort ging es ins Frankfurter Klinikum, wo die Ärzte feststellten, dass die 22-Jährige gerade ein Baby geboren haben musste. Polizisten fanden den toten Säugling schließlich im Keller. Maika M. wurde festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.
Ihre kleine Tochter hat sie seit der Tat nicht mehr gesehen. Das Kind wächst jetzt bei der Mutter der Angeklagten auf, die inzwischen in Köln wohnt. „Ich will nicht, dass mich Maja so sieht. Erst wenn das hier vorbei ist“, meint die junge Mutter. „Sie war so liebevoll und fürsorglich mit ihrer kleinen Maja“, beschreiben Zeugen den Umgang der Angeklagten mit ihrer Tochter, die allerdings auch kein Wunschkind gewesen sein soll. Schließlich war Maika M. erst 18 Jahre alt, als sie die Kleine zur Welt brachte, und mit dem Kindsvater damals schon längst nicht mehr zusammen.
Besuch nur von der Mutter
„Es war eher ein Unfall“, sagt sie selbst. Zunächst wollte sie das Kind zur Adoption freigeben, die Familie aber überzeugte sie, die Tochter gemeinsam großzuziehen. „Sie haben mir mit Maja immer geholfen“, sagt die 22-Jährige, der es vor allem wichtig war und ist, ihre Ausbildung abzuschließen, wie sie vor Gericht mehrfach betont. Wenn sie aufgrund ihrer Lehre keine Möglichkeit hatte, das Kind in den Kindergarten zu bringen oder es abzuholen, waren Thomas und Hans-Friedrich L. zur Stelle.
„Maika war wie meine eigene Enkeltochter und sie wurde für ihre Tochter eine wirklich tolle Mutter“, sagt der Zeuge Hans-Friedrich L., der inzwischen keinen Kontakt mehr zu M. hat, wie er sagt. Besuch bekommt die Angeklagte im Gefängnis lediglich von ihrer Mutter.
In Golzow ist die Kindstötung vom vergangenen Herbst noch immer Gesprächsthema. Erst kürzlich bekam das Dorf mit Genehmigung des Brandenburger Innenministeriums den Namenszusatz „Kinder von Golzow“. Damit wird an die längste Filmdokumentation über eine Schulklasse erinnert, die 1961 begann. Mehr als 20 Jahre lang hatten die Dokumentarfilmer Winfried und Barbara Junge die Entwicklung der damaligen Erstklässler begleitet.
Im Ort gibt es ein gleichnamiges Filmmuseum, die Eheleute Junge sind Ehrenbürger in Golzow. „Wir tun hier alles für Kinder – von der Kita über die Grundschule bis hin zu zahlreichen Vereinen“, erzählt Bürgermeister Klaus-Dieter Lehmann. „Wer es nicht will, bleibt in unserem Ort nicht allein, bekommt Hilfe, wenn er sie braucht.“
Der Prozess wird mit der Vernehmung von weiteren Zeugen fortgesetzt.




