Der Putz bröckelt, an den Fensterrahmen blättert die Farbe ab, in den Treppenritzen wächst das Gras: Zwei Monate nach dem Auszug des Landtags scheint das rote Backsteingebäude auf dem Brauhausberg dem Verfall preisgegeben. Doch das soll kein Zustand auf Dauer sein, da sind sich das Brandenburger Finanzministerium als Eigentümer von Fläche und Bau sowie die Stadt Potsdam einig.
So schnell wie möglich soll ein Investor gefunden werden, der den Komplex saniert und wieder Leben an den Standort in Toplage bringt. Als Lockmittel soll der Verzicht auf ein aufwändiges Bebauungsplanverfahren eingesetzt werden. Denn das könnte sich bis zu drei Jahre hinziehen, erklärt Potsdams Stadtplaner Andreas Goetzmann. Zeit, die man einem Geldgeber ersparen will.
Allerdings knüpfen Stadt und Ministerium daran auch Bedingungen: Nutzungsmix und mögliche bauliche Veränderungen sollen im Kaufvertrag festgeschrieben werden. Noch in diesem Jahr will das Land die Ausschreibung starten – für das 20.000 Quadratmeter große Teilstück des Geländes mit dem denkmalgeschützten „Kreml“, wie das frühere Landtagsgebäude wegen seiner langjährigen Nutzung durch die SED-Bezirksleitung gern genannt wird.
Forschungseinrichtungen sollen in alten Brandenburger Landtag ziehen
Doch Voraussetzung ist, dass Potsdams Stadtverordnete dem von der Verwaltung vorgelegten Konzept zustimmen. In deren nächster Sitzung Anfang März soll der Entwurf diskutiert werden. Harte Kontroversen erwartet Goetzmann nicht. Studien sowie Debatten im Gestaltungsrat und bei einer Standortkonferenz seien Grundlage für die von der Stadt gestellten Forderungen: „Erwünscht sind in den alten Landtagsräumen Wissenschaft und Forschung oder damit kooperierendes Gewerbe.“
In einem neuen Dreigeschosser, der auf der Westseite des Geländes parallel zur Leipziger Straße hochgezogen werden darf, kann sich der Planer ein Langzeithotel für Forscher oder Wohnungen vorstellen. Ausgeschlossen ist dagegen der Anbau von Balkonen auf den der Stadt zugewandten Fassadenseiten des Gebäudes. Dass die Vorgaben Kaufinteressierte abschrecken könnten, glaubt Goetzmann nicht. Er rechnet mit Bewerbern aus der „beständigen, kleinen Szene an Bauträgern und Investoren, die sich auf denkmalgeschützte Immobilien spezialisiert haben“. Und für die sich solche Projekte wegen Steuervorteilen rentierten.
Historische Bausubstanz grenzt Nutzung stark ein
Der Haken: Die historische Bausubstanz, selbst der Grundriss, geprägt von schmalen, langen Fluren, breiten Treppen und kleinen Zimmern, grenze die Nutzungsvarianten stark ein. „Für ein Shoppingcenter gäbe es beispielsweise keinen Platz“, sagt Goetzmann. Auch wegen der damit verbundenen hohen Verkehrsbelastung. Denn auch darauf muss der Investor reagieren und in den Bau einer zweiten Straße investieren, die das Areal mit der Straße Am Brauhausberg verbindet. Schon jetzt sei die Anbindung über die Albert-Einstein-Straße an ihre Belastungsgrenzen gelangt, sagt Goetzmann.
Die Aufteilung der direkten Nachbarschaft – noch einmal rund 20.000 Quadratmeter mit einer Nutzfläche von rund 11.000 Quadratmetern – auf der Kuppe des Brauhausberges steht schon fest. Dort, wo derzeit noch Garagen und Baracken stehen, sollen vier Drei- bis Viergeschosser im Pavillonstil errichtet werden. Stadt und Ministerium liebäugeln mit den auf dem Telegrafenberg angesiedelten wissenschaftlichen Instituten und wissenschaftsnahem Gewerbe.
Deutsches Geoforschungszentrum sucht Räumlichkeiten
Im Fokus steht dabei das Deutsche Geoforschungszentrum (GFZ). Das klagt seit Jahren über Platzmangel. „Wir benötigen mittlerweile zusätzliche 6000 Quadratmeter“ sagt Martin Pestke vom GFZ. Das Erweiterungspotenzial auf dem Telegrafenberg sei ausgeschöpft. Mitarbeiter müssen in die Innenstadt ausweichen. „In der Berliner Vorstadt mussten wir Büros für 150 Wissenschaftler anmieten. Und das auf dem freien Markt“, sagt Pestke.
Zusätzlich habe das Land Räume zur Verfügung gestellt. Die Krux: Die dezentralen Standorte schadeten der Kommunikation. „Wissenschaft basiert heute auf interdisziplinärer Arbeit. Kurze Wege sind entscheidend.“ Im Schatten des alten Landtags zu bauen, sei daher ideal. Ebenso wie die attraktive Lage, mit der man im Ranking mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen auf internationaler Ebene punkten könnte. Gebaut würde nach Bedarf, „Stück für Stück“, sagt Pestke und geht von einer Bauphase über 15 Jahre aus. Bei der Gestaltung will die Stadt auch hier ein Wort mitreden, „über einen städtebaulichen Ideenwettbewerb“, kündigt Goetzmann an.





