Prozess in Potsdam

Bande soll 21 Millionen mit falschen Pillen verdient haben

Seit Dienstag müssen sich acht Brandenburger vor dem Landgericht Potsdam für den Vertrieb gefälschter Potenzpillen verantworten. Diese sollen nicht nur wirkungslos, sondern gefährlich gewesen sein.

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Potenzmittel, Schlankheitspillen, Muntermacher – der Versandhandel, den zwei Brandenburger mit mehreren Partnern über Jahre betrieben haben, bot seinen interessierten Kunden alles, was das Herz oder auch andere Körperorgane begehrten. Weit mehr als 21 Millionen Euro sollen die Betreiber verdient haben, ein gigantisches Geschäft. Ein gigantischer Betrug ist dagegen die Bezeichnung, die die Staatsanwaltschaft Potsdam für die geschäftlichen Aktivitäten parat hat, denn die an Tausende von Kunden verkauften Präparate sollen nahezu wirkungslos gewesen sein. Nach langwierigen Ermittlungen wurde gegen sieben Männer und eine Frau Anklage wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrug erhoben, am Dienstag begann vor dem Landgericht Potsdam der Prozess.

Im großen Sitzungssaal des Landgerichts an der Jägerstraße wurde es eng am ersten Prozesstag. Acht Angeklagte zwischen 30 und 66 Jahren, ein großes Medienaufgebot und zahlreiche interessierte Zuhörer hatten den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, als Andreas Dielitz, der Vorsitzende Richter der 5. Großen Strafkammer, den Prozess eröffnete. Eine raffinierte Betrugsmasche, Millionensummen und das im Zusammenhang mit Potenzmitteln, das ist der Stoff für Geschichten, die ein zahlreiches Publikum anlocken. Der Stoff in den Pillen, die die Angeklagten vertrieben, war hingegen nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft nicht nur wert- und wirkungslos, sondern in seiner Zusammensetzung für Konsumenten auch noch gefährlich.

Wer am Dienstag den Weg ins Potsdamer Landgericht gefunden hatte, in der Hoffnung, geprellte Viagra-Konsumenten als Geschädigte im Zeugenstand zu erleben, wurde erst einmal enttäuscht. Der Prozess, dessen Hintergrund so schlagzeilenträchtig ist, hat alle Elemente einer komplizierten Wirtschaftsstrafsache. In der Verhandlung, für die zunächst zehn Tage angesetzt sind, wird vornehmlich die Rede sein von Geschäftsunterlagen, Bankbelegen und Verträgen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Vorwürfe in einer 350-seitigen Anklageschrift zusammengetragen, deren Verlesung einen Großteil des ersten Verhandlungstages in Anspruch nahm.

Brandenburger wegen Betrugs und Medikamentenfälschung vor Gericht

Dabei geht es nicht nur um Betrug, sondern auch um Fälschungsdelikte, Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz und die Einfuhr nicht zugelassener Medikamente. Die Anklage macht aber auch deutlich, mit wie viel Perfektion und Sachverstand die Angeklagten zu Werke gingen. Die Staatsanwaltschaft lässt sich gewöhnlich zu solchermaßen lobenden Beurteilungen nicht hinreißen, sie spricht in solchen Fällen lieber von krimineller Energie. Die allerdings muss, wenn die Vorwürfe zutreffen, bei den Angeklagten zweifellos in hohem Maße vorhanden sein.

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht Peter L. Der 52-Jährige ist gelernter Computerspezialist, verfügt damit über die ideale Voraussetzung für die Abwicklung der Geschäfte, die die Ermittler ihm und seinen Mitangeklagten vorwerfen. Offiziell betrieb P. in Treuenbrietzen (Potsdam-Mittelmark) einen Teeladen. Die Behörden hegten allerdings schon länger den Verdacht, dass das nicht die einzige Einnahmequelle des 52-Jährigen ist. Und im Sommer 2012 wurden sie fündig. Ermittler stellten bei Peter L. 3,6 Millionen Euro sicher und hegten schnell den Verdacht, dass die Summe kaum mit dem Verkauf exotischer Teesorten in der märkischen Provinz zusammengekommen war.

Kriminelle bauten weltweites Netzwerk auf

Was Staatsanwaltschaft, Polizei und Zoll in der Folgezeit aufdeckten, war ein perfekt funktionierendes weltweites Netzwerk, das L. mithilfe eines Potsdamers und weiterer Partner aus Dresden, Rostock, Remscheid (Nordrhein-Westfalen) und Pirmasens (Rheinland-Pfalz) aufgebaut haben soll. Die wert- und wirkungslosen Medikamente wurden in Asien hergestellt, Verteiler saßen in England, Tschechien, Zypern, Uruguay, Panama und auf den Seychellen. Die dabei erzielten Gewinne flossen auf von Strohmännern eröffneten Konten in Europa und der Karibik.

Etwa drei Jahre lang soll die arbeitsteilig organisierte Bande aktiv gewesen sein. Welche Größenordnung die Geschäfte hatten, lässt sich aus Äußerungen eines Fahnders des Brandenburger Landeskriminalamtes (LKA) im Vorfeld des Prozesses ableiten. Mit dem Vertrieb illegaler Medikamente ließen sich größere Gewinne erzielen als mit den Geschäften, die das berüchtigte kolumbianische Drogenkartell mit seinem weltweiten Kokainhandel betreibt, sagte der Ermittler.

Bande lockte Kunden mit diskretem Versand

Vertrieben wurden die angeblich luststeigernden Potenzmittel und andere Pillen über Internetseiten mit Namen wie „viagrasicherbestellen.com“, „männerapotheke.com“ oder „pillendienst.com“. Dabei wurde ausdrücklich Diskretion zugesagt, die Konsumenten von Potenzmitteln im Allgemeinen schätzen. Allein über die Seite „Pillendienst“ sollen bei den Betreibern pro Jahr eine Viertelmillion Bestellungen eingegangen sein.

Nach dem Ergebnis der Ermittlungen soll es sich bei vielen der illegal eingeführten Mittel um Fälschungen handeln, die Laien kaum von den legalen Medikamenten unterscheiden können, die Pharma-Unternehmen wie Bayer, Health Care oder Pfitzer vertreiben. Aus dem Kreis dieser geschädigten Firmen sollen auch die Hinweise gekommen sein, die die Behörden auf die Spur von Peter L. und seinen Mitangeklagten brachten. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt, möglicherweise wollen sich die Angeklagten dann zu den Vorwürfen äußern.