Filmprojekt

Wie die Doku „Die Kinder von Golzow“ den Ort prägt

Golzow darf sich jetzt ganz offiziell mit einem Beinamen schmücken. Die Einwohner sorgen dafür, dass man die berühmten Kinder nicht vergisst.

Foto: absolut Medien GmbH

Wenn die Bewohner des Oderbruch-Ortes Golzow über die Dokumentarfilmer Winfried und Barbara Junge sprechen, klingt das unspektakulär und bewundernd zugleich. „Die gehören einfach dazu“, sagt Bürgermeister Klaus-Dieter Lehmann. In Golzow haben die beiden Berliner Filmgeschichte geschrieben und den Ort weltweit bekannt gemacht.

Die 1961 begonnene Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ steht als weltweit einmaliges Filmprojekt immerhin im Guinness-Buch der Rekorde. In 46 Jahren entstanden 20 Einzelfilme, in denen die Entwicklung von 18 Golzower Schülern dokumentiert und Einblick in den DDR-Alltag auf dem Lande gegeben wird. Letzter Drehtag war der 13. Oktober 2005.

Nun hat sich Golzow diese Berühmtheit zunutze gemacht. Laut Brandenburger Innenministerium darf sich die Gemeinde ab sofort mit dem Beinamen „Ort der Kinder von Golzow“ schmücken und damit werben.

Ort mit Verwechslungsgefahr

Die Kommunalaufsicht gab damit einem Antrag der Gemeindevertretung statt. „Wir sind stolz auf diese Geschichte und wollen darauf aufmerksam machen“, sagt der Bürgermeister. Schließlich gebe es im Land Brandenburg drei Orte mit dem Namen Golzow. „Mit dem Zusatz ist jetzt eindeutig, welches Golzow gemeint ist“, sagt er.

Noch in den 70er-Jahren, so erinnert sich Golzows ehemaliger Bürgermeister Christian Dorn, sei man im Ort längst nicht entspannt mit den „Filmemachern“ umgegangen. „Da waren sie stets eine Attraktion, wenn sie mit ihrem Team anrückten“, sagt der 69-Jährige. Mitten in der heißen Erntezeit habe er plötzlich allein in der LPG-Werkstatt gestanden, weil sämtliche Mitarbeiter neugierig zu den Dreharbeiten gerannt seien.

Inzwischen aber, so versichern auch andere Golzower, sei Winfried Junge kein Exot aus der Großstadt mehr, sondern Ehrenbürger. „Eine bessere, authentischere Dokumentation über die DDR gibt es nicht“, sagt Dorn anerkennend. Selbst am Fuße eines Gletschers in Norwegen sei er schon darauf angesprochen worden, ob er aus dem „verfilmten Golzow“ käme, beschreibt das frühere Gemeindeoberhaupt den Bekanntheitsgrad des 1000-Einwohner-Ortes.

Freundschaftlicher Kontakt zu allen Filmkindern

„In solchen Situationen wird man schnell mal zum Angeber“, bestätigt Dorns Amtsnachfolger Lehmann, der stolz davon berichtet, dass Junge und seine Frau Barbara sogar Mitglieder im Organisationskomitee zur Golzower 700-Jahr-Feier 2008 waren. Zu all seinen „Filmkindern“ habe der Regisseur noch immer einen freundschaftlichen Kontakt, wenn auch nicht jeder seiner Hauptdarsteller sich bis zum Schluss habe mit der Kamera über die Schulter schauen lassen, erzählt der Bürgermeister.

Nur noch zwei der ABC-Schützen von 1961 leben heute noch in Golzow, drei weitere in einem der Nachbardörfer. Seit Jahren hat Lehmann keine Filmpremiere der Langzeitdokumentation in Berlin verpasst. Auch wenn diese mit dem 20. Film tatsächlich ihr Ende fand – in Vergessenheit geraten sind „Die Kinder von Golzow“ nicht. Dafür sorgen die Bewohner des Dorfes selbst: mit der Grundschule, die den Namen trägt, mit einem Museum, alljährlichen langen Filmnächten und nicht zuletzt durch den jetzt offiziellen Zusatznamen.

Eine vor 14 Jahren auf Initiative Dorns eröffnete Ausstellung wurde im Laufe der Jahre erweitert. Die Schau war zunächst in einem Klassenzimmer genau in jener Dorfschule untergebracht, in der 1961 die Dreharbeiten begonnen hatten. Inzwischen zog das Museum aus Platzgründen in einen anderen Flügel des Gebäudes.

Heutige Schüler hätten keine Ahnung mehr von der DDR

Platz und repräsentativere Räumlichkeiten brauchten die märkischen Film-Enthusiasten auch – nicht nur für 400 Kilometer Filmmaterial auf Regale füllenden Rollen, zahllose Fotos, Auszüge aus Drehbüchern oder die alte Schulglocke nebst Uhr. Hinzu kommen Audio- und Videostationen, an denen Interviews mit den Dokumentaristen sowie Zeitzeugen abgespielt werden. Gegenwärtig werden die Infotafeln digitalisiert.

Junges haben den Golzowern jede Menge Utensilien überlassen, die die Geschichte der Langzeitdokumentation am Originalschauplatz ergänzen sollen. Herzstück ist neben 100 Rollen bisher unveröffentlichten Filmmaterials der Schneidetisch des Regisseurs, der sich ebenso wie seine Frau den Golzowern noch immer eng verbunden fühlt.

So kommt das frühere Dorfoberhaupt Dorn angesichts des Lebenswerkes der Dokumentaristen regelrecht ins Schwärmen. Junge zeige die DDR, wie sie tatsächlich gewesen sei. Je länger diese Zeit zurückliege, um so wertvoller werde die Dokumentation, ist er überzeugt. Dass heutige Schüler keine Ahnung von der DDR mehr haben, ist für viele Golzower nicht verwunderlich. Hatten die Museumsmacher doch in der Vergangenheit verschiedene Bildungseinrichtungen angeschrieben, sie zu einem Besuch hier eingeladen. Die Resonanz war laut Lehmann äußert gering. „Aber Gäste kommen mit dem Bus oder eben auf einem der vielen ausgebauten Radwege“, freut sich der Bürgermeister von Golzow.