Im Streit über die Ausstellung mit verfremdeten Porträts von Hitler, Goebbels und Stalin im neuen Potsdamer Landtag zeichnet sich ein Kompromiss ab: Die Regierungsfraktionen von SPD und Linke und die oppositionellen Bündnisgrünen haben sich am Dienstag dafür ausgesprochen, dass die Bilder des Berliner Malers Lutz Friedel nicht abgehängt werden.

Es sollen aber vor dem Tag der offenen Tür am Sonnabend und Sonntag mit 20.000 erwarteten Gästen noch rasch Erläuterungstafeln und Erklärhefte angefertigt werden. Der Künstler werde am Wochenende zudem anwesend sein.

Die CDU-Fraktion hingegen bleibt bei ihrem Antrag, die Bilder zu entfernen. Das Landtagspräsidium wird am heutigen Mittwoch darüber beraten. „Über Kunst lässt sich immer streiten“, sagt der parlamentarische Geschäftsführer der Union, Ingo Senftleben. „Bilder von Diktatoren und Verbrechern sind aber in einem Parlament unerträglich.“

CDU-Fraktion hält den Platz für falsch

Der CDU-Abgeordnete stößt sich auch an einem Bild von Hilde Benjamin. Die „blutige Hilde“ war zu DDR-Zeiten als Vorsitzende Richterin in Prozessen gegen Oppositionelle an Todesurteilen beteiligt. „Eine Ausstellung zum Land mit seiner Kultur und seinen Landschaften wäre passender“, meint Senftleben. Kritik kam auch vom Zentralrat der Juden und von NS- und SED-Opferverbänden.

FDP-Fraktionschef Andreas Büttner sagt: „Mörder und Tyrannen haben im Landtag nichts zu suchen.“ Allerdings kündigt er gegenüber der Berliner Morgenpost an: „Wenn die Bilder über Tafeln erklärt werden, werden wir nicht dafür stimmen, sie abzuhängen.“ Dann könnten sie hängen bleiben.

Kritik kam auch vom Zentralrat der Juden und von NS- und SED-Opferverbänden.

Eine Kunstkommission hatte sich für die Schau aus 112 Bildern entschieden, die CDU hatte in dem Gremium dagegen gestimmt. Landtagsvizepräsidentin Gerrit Große (Linke) – sie leitet das Auswahlgremium – verteidigt die Ausstellung. „Das ist keine Ahnengalerie deutscher Geschichte. Man muss die Kunstwerke hinterfragen und sich damit auseinandersetzen.“

„Kunst ist gut, wenn sie provoziert“

Sie wolle nicht mehr in einem Land leben, in dem „irgendwer bestimmt, welche Bilder aufgehängt werden und welche nicht“, sagt Große. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Marie Luise von Halem, betont: „Kunst ist gut, wenn sie provoziert.“

Der Architekt des neuen Landtags, Peter Kulka, spricht sich ebenfalls dagegen aus, die Bilder abzuhängen. Wie der Schauspieler auf der Bühne versetze sich der Maler und Bildhauer Lutz Friedel in die Rolle von Personen und Persönlichkeiten und zwinge den Betrachter zur Auseinandersetzung.

Der Künstler zeige durch seine Übermalungen, dass Gut und Böse nicht nur in den Extremen existieren, sondern in jedem Menschen angelegt sind. Jeder Einzelne müsse immer wieder prüfen, „wohin es ihn führt und welche Auswirkung seine Handlungen auf die Gesellschaft haben“. „Es betrifft jeden und es geht uns alle an – im Großen wie im Kleinen. Insofern ist die Ausstellung ein guter und sinnvoller Beitrag für Kunst im öffentlichen Raum“, so Kulka.

Allerdings tun sich durchaus auch Abgeordnete der SPD und der Linken schwer mit der Ausstellung. Sie befürchten, dass sie missverstanden werden könnte. Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD) hält den Zeitpunkt für „nicht glücklich“. Das Anliegen sei aber richtig.

Künstler wehrt sich gegen Unterstellung der Verherrlichung

„Es geht nicht um die Verherrlichung von Hitler oder Stalin, sondern um eine politische Auseinandersetzung, der auch wir Abgeordnete uns jeden Tag neu stellen müssen“, sagt Fritsch. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte der „Bild“-Zeitung, die Bilder „verlangen eine bessere Erklärung“.

Der Künstler Lutz Friedel zeigt sich empört über die Richtung der Diskussion. Friedel war mit 36 Jahren aus der DDR ausgereist – weil er in einem demokratischen Staat leben wollte. „Es ist schlicht Bosheit, mir zu unterstellen, dass ich Hitler und diese ganze braune Scheiße damit verherrlichen wolle“, sagt der 65-Jährige. Er wolle die Betrachter zum Nachdenken über die Geschichte anregen. Das umstrittenste Porträt heißt „Selbst als Helge Schneider als Hitler“.

„Das ist nicht Hitler“, betont Friedel. „Das ist ein Porträt von Helge Schneider als Schauspieler in einem Komikerfilm über Hitler, wo auch gefragt wurde, ob man das darf.“ Das verfremdete Porträt von Walter Ulbricht wurde inzwischen abgehängt. Ein Unbekannter hatte einen Zettel mit der Aufschrift „Mörder“ auf das Bild geklebt.

Kalender mit Abbildung von Göring-Anwesen gestoppt

Das Agrarministerium stoppte indes die Auslieferung eines Fotokalenders mit einem von Hermann Göring erbauten Forsthaus auf dem Titel. Mit dem Nazi-Reichsmarschall wollte der Landesbetrieb Forst für sich werben, sagte Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade.

Der Kalender zeigte die Revierförsterei Schorfheide, die zu Görings Landsitz Carinhall gehörte. Der Begleittext habe die kritische Einordnung vermissen lassen. So wurde Göring nur als „Reichsforstmeister“ erwähnt. Die 2000 Exemplare werden vernichtet.

mit dpa